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Netflix und Co.: Ist der Serienhype am Ende? | BR24

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Netflix und Co.: Ist der Serienhype am Ende? (Symbolbild)

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    Netflix und Co.: Ist der Serienhype am Ende?

    Viele Nachwuchsregisseure möchten für Netflix arbeiten, für die Oscars 2020 sind gleich drei Filme des Streamingportals nominiert. Wie stilbildend ist das Onlinekino wirklich? Drei Filmschaffende erzählen von ihren Erfahrungen und Zweifeln.

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    Netflix wird zunehmend auch im Kino ein wichtiger Akteur – und nicht wenige glauben, das hätte auf Dauer Einfluss auf die Ästhetik des filmischen Erzählens. Der Regisseur Domink Graf widerspricht:

    "Sagen wir mal so, das ist ja bis vor kurzem ausschließlich eine Serienveranstaltung gewesen. Der Beginn dieses Serienhypes ist ja so gefeiert worden von vielen, auch vom Publikum, als hätte es vorher noch nie Serien gegeben. Es gab aber immer schon Serien." Dominik Graf, Regisseur

    Neuerfindung des Films als Serie?

    Dominik Graf hat eine der besten deutschen Serien nach der Jahrtausendwende gedreht. 2010 wurde sein gefeiertes Russenmafia-Krimidrama "Im Angesicht des Verbrechens" bei der Berlinale uraufgeführt und anschließend im Fernsehen gezeigt.

    Die Entwicklung nicht mehr zu überblickender Serien in den Streamingportalen sieht er kritisch:

    "Diese Neuerfindung des Films als Serie – da hatte ich immer das Gefühl, die Streamingdienste profitierten vom Defizit des Kinos und des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, weil dort die ganzen schlauen Nerds aus den Achtzigern und Neunzigern vertrieben wurden und zu viel Funktionärskino entstand. Auf der anderen Seite waren die Serien plötzlich so hip. Ich fand das alles sehr schnell nicht mehr gut, das muss ich schon mal so deutlich für mich sagen." Dominik Graf, Regisseur

    Serienhype schon vor Netflix

    Der von Dominik Graf angesprochene Serienhype begann tatsächlich schon vor Netflix und den anderen Streamingportalen. In den USA wurde er ausgelöst durch Home Box Office, kurz HBO, einem 1972 gegründeten Fernsehprogrammanbieter, der wirtschaftlich und technisch als Pionier des Kabelfernsehens für Furore sorgte. In den 1990er- und 2000er-Jahren galt HBO mit seinen Serienformaten als künstlerisch führend. Vor allem "Die Sopranos" und "The Wire" sind legendär.

    Daneben gelten die realistischen Fälle von "Homicide", die ab 1993 von NBC ausgestrahlt wurden, sowie die Mysteryserie "Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI", die 1993 auf Fox startete, als stilbildend, so auch für Graf:

    "In den 1990ern und 2000ern konnte ich das unterschreiben, fand das inklusive der 'Sopranos' gut, hatte auch ein langes Buch über 'Homicide' geschrieben. Das war der Anfang, dann kam als neuer Stil die Parallelerzählung, also die Horizontalerzählung, und dann war bei mir relativ schnell Sense. Es wurde nur noch verkrampft nach Originalität gesucht. Und das hat, finde ich, auch schon wieder den Niedergang der Serie eingeleitet ab 2010." Dominik Graf, Regisseur
    © dpa / Photoshot

    Die US-Serie "The Sopranos" war von 1999 bis 2007 auf HBO zu sehen und handelt vom Leben einer italo-amerikanischen Mafiafamilie.

    Deutsche Regisseurin von "Systemsprenger" dreht für Netflix

    Nora Fingscheidt, Jahrgang 1983, hat 2019 mit ihrem Film über eine schwer erziehbare Neunjährige überraschend eine halbe Million Zuschauer ins Kino gelockt. Seit dieser Woche inszeniert sie im kanadischen Vancouver mit dem US-Star Sandra Bullock für Netflix die Geschichte einer Frau, die nach 20 Jahren aus dem Gefängnis kommt.

    Fingscheidt arbeitet zusammen mit Graham King, dem britischen Produzenten, der für Martin Scorseses "Departed – Unter Feinden" einen Oscar gewann und mit "Bohemian Rhapsody" bei der Verleihung 2019 zu den großen Gewinnern gehörte. Ihr Kameramann ist der 65 Jahre alte Mexikaner Guillermo Navarro. Er schuf die Bilder für Guillermo del Toros "Pans Labyrinth" oder Quentin Tarantinos "From Dusk Till Dawn".

    Für die Regisseurin, die mit "Systemsprenger" von Deutschland für den Oscar ausgewählt, dann aber nicht nominiert wurde, eine große Chance. Unter Druck setzen will sie sich aber nicht:

    "Mal gucken, was da passiert und wie da so kommerzielle Entscheidungen am Ende getroffen werden – und ob ich dann sagen kann, das ist jetzt wirklich ein Projekt, hinter dem ich künstlerisch stehe – oder eben nicht. Das weiß ich noch nicht. Aber selbst wenn nicht, dann hat es sich gelohnt." Nora Fingscheidt, Regisseurin

    Wie lange geht der Serienhype noch?

    Netflix hat vor ein paar Jahren begonnen, auch fremdsprachige Serien zu produzieren – in Deutschland etwa "Dark" und "Dogs of Berlin". Zuletzt folgte die Jugendserie "Wir sind die Welle" von Anca Lazarescu.

    Die deutsch-rumänische Regisseurin hat 2011 ihr Diplom an der Münchner Filmhochschule gemacht. Mit Blick auf Netflix erzählt sie von zeitlich engen Drehplänen sowie einer hohen Arbeitsbelastung. Und sie warnt vor der Überproduktion von neuen Serien für die Streamingportale:

    "So viele kann der Markt ja gar nicht vertragen. Also, irgendwann wird es einen Stopp geben, weil sich die Serien ja selber kannibalisieren. Wer kann denn das alles noch schauen? Aber im Moment ist noch Goldgräberstimmung und im Moment darf der Nachwuchs in ganz rasanten Schritten auch noch viel machen." Anca Lazarescu, Regisseur

    Filmen, wie es Sepp Herberger für den Fußball forderte: Immer hinterher!

    Ob die neuen Player auf dem Filmmarkt die filmische Erzählweise auf Dauer verändern werden, lässt sich im Moment noch nicht sagen. Klar, das serielle Erzählen verlange andere Dramaturgien, meint Dominik Graf, aber bisher seien es nach wie vor die großen Autoren des Kinos, die immer wieder mal die Uhr des Stils neu aufziehen und eine andere Ästhetik generieren würden, Regisseure wie Terrence Malick oder Wim Wenders.

    Den Streamingportalen und ihren Produkten traut er da wenig zu:

    "Da sind ja meist Fragen des Looks oder des Erzählinhalts entscheidend. Filmsprachlich ändert sich überhaupt nichts. Im Gegenteil. Die Serie an und für sich ist da wahnsinnig konservativ. Die rennen halt mit der Handkamera immer hinter den Leuten her – wie Sepp Herberger schon forderte: Lauf deinem Gegenspieler bis auf die Toilette nach! Man hat nicht das Gefühl, dass da in der Art und Weise, wie mit Film umgegangen wird, irgendwas Neuartiges entsteht." Dominik Graf, Regisseur

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