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Victor J. Papanek bei einer Fernsehaufzeichnung für "Design Dimensions"
© WNED-TV, courtesy Victor J. Papanek Foundation

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Barbara Knopf
© WNED-TV, courtesy Victor J. Papanek Foundation

Victor J. Papanek bei einer Fernsehaufzeichnung für "Design Dimensions"

Ab 29. September ist im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein die Ausstellung "Victor Papanek - The Politics of Design" zu sehen. Für die kulturWelt auf Bayern 2 sprach Barbara Knopf mit Co-Kuratorin Amelie Klein über das Konzept und den wegweisenden Meisterdenker des Designs.

Barbara Knopf: „Fast alles, was wir tun, ist Gestaltung“, hat Victor Papanek gesagt, ein Pionier des alternativen Designs, ein Jude aus Wien, der 1939 vor den Nazis in die USA geflüchtet ist. War Victor Papanek ein Aktivist, ein Rebell? Er hat ja Design schon in den Sechzigerjahren, noch vor den Schriften des „Club of Rome“ und der Warnung vor dem Ende des Wachstums offenbar neu gedacht.

Amelie Klein: Als Rebell würde ich ihn nur eingeschränkt bezeichnen. Er war ein Pragmatiker. Er hat außer „Natural Design For The Real World“ noch fünf andere Bücher geschrieben und eines davon heißt „How Things Don't Work“, und das Konzept für dieses Buch haben wir auch in der Ausstellung. Im Übrigen beschreibt das Buch Menschen, die nun mal in der technologisierten Welt leben, die nun mal da ist, und fragt: Wie können wir Otto Normalverbraucher denn mit dieser Welt vernünftig umgehen, ohne dass wir aussteigen müssen. Insofern ist es auch heute noch immer hochaktuell, weil das Fragen sind, die wir uns heute ganz genauso stellen.

Jorma Vennola »Fingermajig«, 1970

Jorma Vennola »Fingermajig«, 1970

Das heißt, er hat, eine Form von Konsumkritik mit Ökologie in Einklang gebracht? Das ist ein bisschen schwierig im Bereich Design, denn das hat ja eigentlich diesen Grundwiderspruch, dass man Designer braucht um neue Dinge herzustellen.

Der Punkt ist - und das war Victor Papanek nicht ganz unwichtig - für wen machen wir denn hier neue Dinge? Sein allergrößtes Anliegen war, dass wir auch Zielgruppen entdecken als Designer oder für Design, die ganz gerne mal vergessen werden. Vermeintliche Minderheiten, die gar keine Minderheiten sind, etwa Frauen oder Kinder oder ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen oder Menschen im globalen Süden, und das ist eine ganz wichtige Botschaft vom Papanek. Er war nie müde, das zu wiederholen: Design ist niemals stumm. Design spiegelt immer die Geisteshaltung, die Werthaltungen, die Philosophie der Gesellschaft wider, in der es entsteht.

Lange war er in der Community "nicht dabei"

Diese Beschäftigung mit gesellschaftlichen „Minderheiten“, die Papanek wichtig war: Lässt sich das irgendwie aus seinem Lebensweg erklären, dass er sich da so für interessierte?

Er musste als fünfzehnjähriger mit seiner Mutter aus einem sehr komfortablen Leben am Wiener Ring, das ist eine sehr teure Wohngegend, in die USA fliehen und hat dann in Brooklyn gelebt unter nicht ganz so komfortablen Umständen. Das ist einfach eine Erfahrung, die aus meiner Perspektive für ihn sehr befremdlich gewesen sein muss. Ich glaube, es war ihm immer klar, dass er ein Außenseiter war und er war ja tatsächlich einer, wurde auch angefeindet von der Design Community zeit seines Lebens. Später in seinem Leben haben sie ihn dann hochleben lassen, aber lange, lange Jahre war nicht er nicht wirklich „dabei“.

Victor J. Papanek, "Samisen", Esszimmerstühle, 1960–1970

Victor J. Papanek, "Samisen", Esszimmerstühle, 1960–1970

Er hatte also nicht von Anfang an Erfolg mit diesen Ideen, mit denen er auch sehr weit voraus war. Ich glaube, er hat sich auch schon mit Elektroautos beschäftigt oder mit Möbeln zum Selbstbauen, also diese Do-it-yourself-Bewegung?

Er hatte Erfolg bei jungen Menschen, bei jungen Designstudenten, die haben also, wann immer er Vorträge gehalten hat - und er ist wirklich viel gereist, da ihn oft Studentenorganisationen eingeladen haben – ihn sehr gemocht. Die etablierte Design- Szene war ihm nicht wohl gesonnen und wohl gelitten war er dort auch nicht. Er war Mitglied der Industrial Designers Society of America und die haben ihn ausgeschlossen nach der Veröffentlichung des Buchs über „Natural Design“. Damals galt der Arbeitsethos, man spricht nicht böse über die anderen Designer. Er formulierte ziemlich böse, das muss man schon wirklich sagen. Er war sehr, sehr provokant. Der erste Satz im Buch lautet sinngemäß, es gibt Berufe, die schädlicher oder gefährlicher sind als der des Designers, aber viele sind es nicht. Das kommt nicht ganz so gut an natürlich bei den Kollegen, aber dahinter steckte natürlich, dass er mit Design die Welt verbessern wollte. Er hat einen neuen Zugang zum Design vorgeschlagen, dass man einfach auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen muss als Designer, nicht nur einfach irgendwelche hübschen Dinge machen.

Windeln für Wellensittiche

Er hat eine wunderbare Vorliebe gehabt. Er hat Werbung für absurdes Design gesammelt, und da gibt es also dann Zeitungsausschnitte von Wellensittich-Windeln, das haben wir auch in unserer Ausstellung zum Beispiel, oder Nerz-bezogene Toilettensitze, die sich selbst aufheizen. Das ist ein absurdes Zeug, und das hat er mit großem Gefallen und großer Begeisterung gesammelt und dann auch in seinen diversen Artikeln und Büchern verarbeitet, und das hat er angegriffen und das kann man auch heute noch immer noch genauso ankreiden, dieses immer Mehr, immer was Neues, immer etwas Anderes, immer die neuesten Handys und das nächste Dings, auch diese künstliche Obsoleszenz, auch die soziale Ungerechtigkeit, die wir nach wie vor sehen. Das ist alles nicht viel besser geworden seit den Sechzigern und Siebzigern, im Gegenteil, ich würde vielleicht sogar behaupten, dass es im Moment gerade schlimmer wird.

James Herold und Jolan Truan »Künstliche Kletten«, 1968

James Herold und Jolan Truan »Künstliche Kletten«, 1968

Hat denn Victor Papanek überhaupt auch selber Dinge designt? Also Gegenstände, oder nur im größeren Sinn Ideen?

Er hat auch Gegenstände designt. Ich denke aber, sein Hauptwerk sind Ideen. Ich glaube, er war ein wunderbarer Lehrer. Wir haben immer wieder mal mit ehemaligen Studenten von ihm gesprochen und auch heute noch sind die wirklich inspiriert und beseelt von ihm. Er war auch der Meinung, dass Design viel zu komplex sei, um allein zu designen. Er hat in einem Vortrag gesagt, dass er nie allein designt. Er hat dann auch gesagt, es ist schwierig zu designen, wenn ein Team-Mitglied neun Jahre alt ist und an zerebraler Lähmung leidet, aber es ist möglich, denn letztlich ist Design Kommunikation. Das ist ein sehr schöner Satz, den ich sehr gern mag von ihm. Dann hat er konkret ein Fortbewegungsmittel für dieses Kind designt. Er hat mehrere Vehikel sag ich mal entworfen, Designs für therapeutische Zwecke. Eins davon ist ein Dreirad für Kinder, eben mit zerebralen Lähmungen, wo man entweder treten oder es mit den Armen fortbewegen kann. Er hat viele, viele Dinge entwickelt und entworfen, an die wir gar nicht so denken, dass das mal gestaltet wurde.

Baby-Bücher sprechen alle Sinne an

Ein wunderbares Beispiel - und das ist etwas, das wirklich überall zu sehen ist auf der ganzen Welt und das unter seinem Einfluss auch entstanden ist - ist das internationale Symbol für Barrierefreiheit, dieses Rollstuhlsymbol, dass wir überall sehen, mit blauem Hintergrund und weißem ‚Rollstuhl-Männchen‘. Den Grundentwurf zu diesem Symbol hat eine Studentin von Papanek designt und entwickelt, und dieses Symbol sehen wir heute noch überall. Das ist ein typisches Beispiel für das, was Papanek gemacht hat. Dieses Symbol haben wir natürlich auch in der Ausstellung.

Frank Gehry »Sleigh Chairs«

Frank Gehry »Sleigh Chairs«

Ein anderes Objekt, das wir auch als Reproduktion in der Ausstellung haben, ist ein Buch für Babys. Heutzutage ist es ganz normal, dass die Babys Bücher haben mit verschiedenen Oberflächen, die man ertasten kann und die knistern oder andere Geräusche machen. Die sprechen halt verschiedene Sinne an. Das kommt uns heute ganz normal vor und ganz banal. Es gibt jedoch ein Foto, wo ein für damalige Verhältnisse typisches Baby-Buch abgebildet ist und das waren anfänglich einfach nur abgedruckte Bilder auf Stoff, also ohne irgendeine zusätzliche taktile oder geräuschmäßige Stimulierung - all das, was uns heute so ganz banal und normal vorkommt, fehlt. Das sind typischerweise Dinge, mit denen sich Papanek ein Leben lang beschäftigt hat.

Die Ausstellung "Victor Papanek: The Politics of Design" ist noch bis zum 10. März 2019 im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein zu sehen.

Autoren

Barbara Knopf

Sendung

kulturWelt vom 27.09.2018 - 08:30 Uhr