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Streitthema: Genderfragen. Christoph Türcke versucht einen historischen Zugriff auf die heutige Debatte.

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Gender Trouble mit Christoph Türcke: Alles nur Schöpfungswahn?

Dieses brandneue Buch könnte zum Aufreger werden: Der Philosophie-Professor Christoph Türcke schreibt über "Natur und Gender", und erkennt in der heutigen Offenheit für Genderfluidität ein neues Gesicht des alten Schöpfungswahns. Was steckt dahinter?

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Von
  • Knut Cordsen

Zwar ist die LGBTTI-Community (Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Transgender, Intersexual) "vorerst eine soziale Minderheit im Promillebereich", schreibt der Leipziger Philosoph Christoph Türcke in seinem neuen Buch "Natur und Gender" – doch die Frage der Geschlechtsidentität nimmt innerhalb der gesellschaftlichen Diskussion einen immer breiteren Raum ein. Mit den Ursachen und Auswirkungen des "transmodernen Denkens", wie seine Verfechter es nennen, befasst sich der 72-Jährige.

Alles, so das oft gehörte Mantra, sei fluide, man glaube, "im Flux der Vielfalt", der Diversität zu schwimmen und sich je nach "Zugehörigkeitsempfinden" und Körper-Gefühl einfach zu etwas erklären zu können: zum Mann, zur Frau oder zu einer non-binären Person. Früher nannte man sie Hermaphroditen oder Zwitter: Ein solcher war Herculine Barbin (1838-1868), deren Geschichte Jeffrey Eugenides zu seinem Roman "Middlesex" inspirierte. Barbin taucht in Türckes Buch ebenso auf wie der Künstler Einar Wegener, der sich um 1930 in die Malerin Lili Elbe verwandelte und mehreren Operationen unterzog: Knut Cordsen hat mit Christoph Türcke über seine "Kritik eines Machbarkeitswahns" gesprochen.

Knut Cordsen: Sie schreiben sehr zu Recht, dass wir in einem "mikroelektronischen Wahrnehmungs- und Erregungsregime" leben, deshalb muss man allen instantan Erregungswilligen gleich sagen: Dieses Buch ist keines, in dem politische Kampfbegriffe wie "Genderwahn" fallen. Gleichwohl benutzen Sie die Worte "Machbarkeitswahn" bzw. "Schöpfungswahn". Worin besteht der moderne Schöpfungswahn für Sie?

Christoph Türcke: Zunächst einmal ist es so: Wir nehmen die Welt nicht wahr, wie sie ist, sondern wie sie uns erscheint, wie wir sie uns zurechtlegen oder – mit einem modernen Wort – wie wir sie konstruieren. Und wenn bei diesem um sich greifenden Wort der Konstruktion – heute ist ja alles Konstruktion – vergessen oder ausgeblendet wird, welches der Stoff ist, aus dem konstruiert wird, dann wird aus der Konstruktion unter der Hand so etwas wie eine Schöpfung. Dann sind wir alle Schöpfer unserer Welt. Und jedes kleine Ich ist ein kleiner Gott, der sich seine eigene Welt erschafft.

Und der unter Umständen dann auch anatomische Tatsachen oder das Naturgegebene leugnet.

Das ist dann genau das Problem, dass wir plötzlich als Naturwesen, die wir ja alle sind, gar nicht mehr firmieren, sondern einfach bloß noch als Erschaffer unserer selbst und als Definierer unserer selbst. Und das ist dann katastrophal.

Aus dem alten Satz "Cogito ergo sum" sei "Sentio ergo sum" geworden, schreiben Sie: Ich spüre, also bin ich. Genauer: Wie ich mich spüre, so bin ich. Geschlechtsbestimmung als eine Selbstsetzung des Ich. Sie machen da eine große philosophische Traditionslinie bis hin zu Johann Gottlieb Fichte und vielen anderen auf. Knüpft das "transmoderne Denken" wirklich daran an?

Ja, sonst würde ich diese Linie ja nicht aufmachen. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass dieses ganz Neue etwas Uraltes ist und dass man die Traditionslinien bis in die Antike verfolgen kann. Nicht einfach aus Bildungsbedarf, sondern um zu zeigen, welche mythischen und theologischen Implikationen da drinstecken.

Es wird so getan, als sei das jetzt das Allerneueste und eine ganz neue Entdeckung. Das Gegenteil ist der Fall. Das sich selbst setzende Ich bei Johann Gottlieb Fichte ist in der Tat von der Struktur her vergleichbar mit der sich selbst setzenden Geschlechtsbestimmung, wo ein Ich ja auch über allem Physischen, allem Körperlichen schwebt und sich selbst definiert, sich selbst hervorbringt in gewisser Weise.

Dieses Ich ist oft verbunden mit uralten metaphysischen Implikationen, zum Beispiel in der Redeweise "Ich bin im falschen Körper". Da wird ein Ich vorausgesetzt, das über allem Körperlichen schwebt, eine autarke, selbstgenügsame Seele. Ein Seelenwanderungsdenken kehrt da wieder.

Man ist in einem Körper, wie man in irgendeiner Wohnung ist: Man hat eine Wohnung bei Geburt zugewiesen bekommen. Und wenn einem diese Zuweisung nicht gefällt, muss man eben daran arbeiten, dass man eine andere Wohnung bekommt oder die Wohnung entsprechend umbaut.

© Ekko von Schwichow
Bildrechte: Ekko von Schwichow

Professor für Philosophie: Christoph Türcke

In den USA halten sich bereits etwa 150.000 Dreizehn- bis Siebzehnjährige für transgender. Sie schreiben, das Phänomen sei "internetverstärkt". Welche Rolle spielen in dem Zusammenhang die sozialen Medien? Wäre ein so sprunghafter Anstieg von Geschlechtsumwandlungswilligen, von Gender-Kliniken, in denen diese Operationen durchgeführt werden, ohne Facebook, Twitter, Instagram denkbar?

Sie treiben das natürlich voran. Aber auf keinen Fall sind sie die Ursache. Wenn sich diese Dinge durch social media ungeheuerlich verbreiten, wenn das sogenannte Unbehagen am eigenen Geschlecht, die Gender-Dysphorie, wie man das jetzt nennt, so um sich greift, dann sind die sozialen Medien natürlich Unbehagensbeschleuniger, keine Frage. Aber sie sind nicht die Ursache, es muss ja ein solches Unbehagen da sein.

Und dafür sind die Sozialen Medien nur eine Oberfläche. Natürlich ist die gesamte Medialität mit in Betracht zu ziehen, also die ungeheure Verflüchtigung, die Unstetigkeit, die Beschleunigung, die unser Leben durchdringt, seit wir die Massenmedien haben. Und in dem Zusammenhang der Unstetigkeit bekommt dieses "Sentio ergo sum", dieses "Ich spüre oder ich fühle, also bin ich" noch eine andere Dimension.

Den drastisch steigenden Bedarf oder den Wunsch nach Geschlechtsumwandlung muss man auch als Spielart der body modification sehen. Ich will damit nicht einfach den Wunsch nach einem anderen Geschlecht verfemen. Leute, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sich in ein anderes Geschlecht haben umwandeln lassen, und zwar aufgrund eines ganz tief sitzenden Bedürfnisses, das sind Pioniere gewesen. Das sind Menschen mit Zivilcourage gewesen, die sich gegen alle möglichen Verfemungen durchgesetzt haben und gezeigt haben: Wir sind keine Monster und wir sind nicht Wesen, die man irgendwie ausschließen und ächten darf.

Das ist qualitativ aber etwas anderes als dieses neue Bedürfnis oder Schein-Bedürfnis nach Umwandlung. Also jenes Unbehagen, das man hat, wenn man in der Pubertät ist und sich fragt: Will ich das sein, was ich da jetzt werde, Mann oder Frau? Wenn ich damit nicht klar komme und ohnehin Pubertätskrisen erlebe, bietet sich hier eine Erklärung, ein Ausweg an: Ja, ich muss ins andere Geschlecht.

Außer Acht gelassen wird dabei, dass ich damit reihenweise Menschen unglücklich machen kann. Die Geschlechtsumwandlung ist, wenn überhaupt, nur sehr schwer wieder rückgängig zu machen. Und die Vorsilbe "trans" bekommt selber so eine metaphysische Aura. Transzendentalität scheint sich darin zu konkretisieren – so etwas wie ein neuer metaphysischer Magnetismus. Aber der ist uralt.

Innerhalb der Queer-Bewegung werden Sie sich nicht viele Freunde machen mit Ihrem Hinweis darauf, dass Reichsbürger in ihrer selbsterfundenen Identität "strukturell verblüffend ähnlich argumentieren wie diejenigen, die die ihnen bei Geburt 'zugewiesene' Geschlechtsidentität durch eine lediglich empfundene ersetzen".

Das klingt nach Hufeisentheorie. Zwei Extreme – deutschtümelnde Reaktionäre und Transsexuelle –, die einander eigentlich hassen, treffen oder berühren sich an einem unvermuteten Punkt?

Ich setze die ja nicht gleich, sondern ich nenne einen einzigen Vergleichspunkt. Das ist ohnehin eine Unsitte im Deutschen, zu sagen, das und das könne man gar nicht vergleichen. Wer das sagt, hat schon verglichen und hat herausgefunden, dass die beiden verglichenen Sachen nicht gleichwertig sind.

Hier geht es darum, dass sie natürlich nicht gleichwertig sind, sondern diametral verschiedene politische und kulturelle und soziale Positionen vertreten. Aber es gibt einen Vergleichspunkt, und er schien mir deswegen interessant, weil die Positionen ansonsten so verschieden sind. Der Vergleichspunkt besteht in einer Obsession, die sich in dem Satz zusammenfassen lässt: Mir sind meine Lebensumstände zugewiesen worden.

Den einen ist das Geschlecht zugewiesen worden wie so ein Platz im Restaurant. Wenn einem der nicht gefällt, muss man sich bemühen, einen anderen Tisch zu bekommen. Den anderen ist ihre staatsbürgerliche Identität zugewiesen worden von einer Bundesrepublik Deutschland, die sie für inexistent halten. Kurzum: Damit wollte ich nur zeigen, wie weit der Konstruktivismus in völlig heterogenen politischen und kulturellen Lagern verbreitet ist.

Christoph Türckes Buch “Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns” ist bei C.H. Beck erschienen und kostet 22 Euro.

© Cover: C.H. Beck / Collage: BR
Bildrechte: Cover: C.H. Beck / Collage: BR

Eine "Kritik des Machbarkeitswahn" ist Christoph Türckes neues Buch "Natur und Gender"

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