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Ausstellung "Natur als Kunst" im Lenbachhaus

Inzwischen träumt die Kunst davon, alles – auch in der Natur – zum Guten zu wenden. Die 13. Documenta in Kassel etwa wollte auch Hunden, Tomaten und Erdbeeren eine Stimme geben und griff die Idee des französischen Soziologen Bruno Latour eines "Parlaments der Dinge" auf. Ob das jetzt ein naturempathisches Weltverständnis ist oder eher anthropozentrischer Irrsinn, sei dahingestellt. Aber immer wieder folgt die Kunst dem Rousseauschen Ruf "Zurück zur Natur". Dem ersten Aufbruch der Künstler hinaus unter den freien Himmel zu Beginn des 19. Jahrhundert widmet das Münchener Lenbachhaus jetzt eine Schau mit dem Titel "Natur als Kunst. Landschaft im 19. Jahrhundert in Malerei und Fotografie."

Naturfotos und Landschaftsgemälde

Die Ölskizzen und Gemälde kommen aus der Christoph-Heilmann Sammlung, die Fotografien aus dem Münchener Stadtmuseum. Claudia Denk ist eine der Kuratorinnen und erklärt das Interesse der Künstler an der Natur: Es gäbe zwei unterschiedliche Blicke auf die Natur. Das eine sei das eher fokussierende Schauen, zum Beispiel auf einen Baumstumpf, der modert, auf verfestigte, materielle Naturmotive. Und dann wäre da noch eine weitere Sehweise, die das eher Atmosphärische in den Blick nähme – die Tageszeit, die Wettersituation, die Jahreszeit, um in den Landschaften mehr Authentizität, mehr Naturhaftes rein zu bringen.

Johann Christian Dahl etwa, bei seiner "Wolkenstudie aus dem Atelierfenster": Nur in der linken unteren Bildhälfte bieten zwei Baumkronen dem Blick noch Halt, bevor er sich in die Weite eines bewegten Wolkenhimmels, in sich überlagernde Grau- und Blautöne entgrenzt. Das Hinausgehen in die Natur ist ein Abstandnehmen – auch von gesellschaftlichen Zuständen der Entfremdung, Verdinglichung und Unterdrückung. Wichtig ist immer die Bewegung.

Nüchterne Fakten und romantische Atmosphäre

Jean Baptiste Camille Corot zeichnet "Bäume im Gebirge" mit wilden, nervösen Strichen und nimmt schon die Grundzüge von Cezannes bildnerischer Technik vorweg – dieses "mit den Augen berühren." Die Natur als Resonanzraum für Stimmungen und Neigungen leistet sich die Malerei nicht zuletzt, um sich von der im 19. Jahrhundert aufkommenden Fotografie abzuheben, wie Ulrich Pohlmann meint, Leiter der Fotografie-Sammlung im Münchener Stadtmuseum.

Die Fotografie hätte die Malerei von bestimmten Aufgaben entbunden, erläutert er, es müsse jetzt nicht mehr alles haargenau wiedergegeben werden. Die Malerei konzentriere sich sehr viel mehr auf die Farbe selbst und auch auf Abstraktionsprozesse, während die Fotographie das Medium sei, das die Realität abbildet. Im 19. Jahrhundert sei sie mit der Entdeckung der Naturwissenschaften einher gegangen.

Bäume, Wege, Wurzeln und Wolken, Wellen, Berge

Man erkennt leicht ein Studieninteresse. Georg Maria Eckert beispielsweise fotografiert das dichte Pflanzenreich rund um das Heidelberger Schloss. Eine Dokumentation von Bäumen, Wegen, Wurzeln, Felsen und Farnen, Gräsern, Blumen und Sträuchern aus wechselnden Perspektiven und mit unterschiedlichen Graden an Tiefenschärfe. Ganz ähnliche Naturgrammatiken zeigt die Ausstellung auch von Wolken, Wellen oder den Bergen.

Eine Schlüsselrolle bei der Entdeckung der Natur als Kunst fällt der Schule von Barbizon zu, benannt nach einem Straßendorf bei Paris am Rande des Waldes von Fontainebleau. Hier fangen die Maler in kleinformatigen Ölskizzen den schönen Augenblick des Naturerlebnisses ein. Gebrochenes Licht, vibrierende Farben, eine sich selbst genügende, bühnenartige Landschaft, meist menschenleer. So wie auch Gustave Courbets Meerlandschaft "Schwarzer Felsen bei Trouville", ein Strandabschnitt am Atlantik bei Ebbe. Courbets Natur ist seltsam aufgeräumt. Das Meer still, am Horizont eine Wolkenbank, ansonsten blauer Himmel. Befreiende, losgelöste Leere.

Die Ausstellung "Natur als Kunst Landschaft im 19. Jahrhundert in Malerei und Fotografie" ist noch bis 18. August im Münchner Lenbachhaus zu sehen.

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