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© Audio: BR / Bild: Third Man / membran
Bildrechte: Foto: Third Man Records Label - Alan Del Rio Ortiz

Nach dem Tod ihres Vaters suchte Natalie Bergman ihr Heil in Gospelsongs.

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Radikal reduzierter Gospel: Das Solo-Debüt von Natalie Bergman

Gospel kommt oft stimmgewaltig und groß orchestriert daher. Nach dem Unfalltod ihres Vaters hat jetzt eine junge US-Sängerin neue, minimalistische Gospel-Pop-Songs geschrieben. "Mercy" heißt das erstaunliche Solo-Debüt von Natalie Bergman.

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Von
  • Markus Mayer

Als sie erfuhr, dass ihr Vater und seine Frau bei einem fürchterlichen Autounfall ums Leben gekommen sind, hat es ihr fast den Boden unter den Füßen weggezogen. Im Oktober 2019 war das. Das Konzert, das am Abend stattfinden sollte, und zwar in der Radio City Music Hall, einem nicht unbedeutenden Konzertsaal in Manhattan, sagten Natalie und ihr Bruder daraufhin selbstverständlich ab. Sie sei ein Familienmensch, betont Bergman, die mit Elliot, ihrem Zwillingsbruder, die tolle Neo-Folk-Band Wild Belle betreibt.

Mit Trauer und Verlust klarkommen

Sie musste, sagt sie, erst mal verarbeiten, dass ihr Vater und ihre Stiefmutter, die in einem Taxi chauffiert wurden, sowie der Taxifahrer durch die Wahnsinnstat einer Betrunkenen zu Tode kamen. Trauern hieß es nun, Abschied nehmen, neuen Mut schöpfen. Um den Verlust zu bewältigen, begab sich die Sängerin aus Chicago in ein Kloster, suchte Trost in Ritualen, Exerzitien und Gebeten.

Ungewöhnlich erscheint das mittlerweile in Europa, aber in den Staaten ist das Anrufen göttlicher, transzendenter Mächte immer noch an der Tagesordnung. So wurde aus der Vokalistin, die bis dato vor allem die Liedtexte ihres Bruders interpretiert hatte, eine selbständige Songschreiberin. Nach der Rückkehr aus dem Kloster nahm Bergman im Studio ihres Bruders in Kalifornien die Lieder auf, die das Ergebnis ihrer persönlichen Trauerarbeit sind.

Gospelmusic in den USA 

Einfach mussten sie sein, sofort von allen mitsingbar. Gospelmusic und Spirituals haben eine lange Tradition in den USA, sie stellten auch ein Emanzipationsmoment für die aus Afrika verschleppten Sklaven dar. Zu Beginn wurden diese im WASP-Amerika nicht mal als Menschen behandelt, es war höchst umstritten, ob sie getauft werden könnten. Gospel oder Spirituals zu singen, bedeutete für die Schwarzen deshalb auch, auf derselben humanen Stufe wie die weißen, angloamerikanischen Protestanten zu stehen. Ob arme, weiße Südstaatler oder Schwarze, die nach dem Bürgerkrieg als "befreit" galten – sie alle konnten sich mit den geistlichen Liedern dem Elend, dem Schmerz und der Abhängigkeit anders stellen.

© Third Man Records (Membran)
Bildrechte: Third Man Records (Membran)

"Mercy" von Natalie Bergman

Geschmackssicher arrangiert

Gospels und Spirituals, Lieder der Erlösung und der Verheißung, tauchen deshalb immer wieder auf in der Popmusik der USA – als Gegenpol zum weltlichen Blues, als Quelle, aus der Jazz, Soul und Folk schöpfen. Erfreulicherweise bezieht sich Natalie Bergman auf die Essentials des Genres, und so ist es ihr gelungen, nicht auf die Peinlichkeiten des "Christian Rock" hereinzufallen.

Sie setzt auf uralte Metaphern, auf einfache Melodien und sparsame Instrumentierungsideen: Nur das Nötigste kommt zum Einsatz, mit sehr viel Feingefühl vorgetragen und gespielt. Man kann kaum weniger hinzufügen zu den Texten als Akustikgitarre, ein paar Orgelakkorde, ein gelegentliches Tambourin und hin und wieder einen Dub-Effekt. Die Anrufung des Herrn, das Flehen um Erlösung hat selten so reduziert, so modern nach zeitgenössischem Folkpop geklungen wie auf diesem verblüffenden Debut-Album.

"Mercy" von Natalie Bergman ist bei Third Man/Membran erschienen.

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