BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Darum ist der Film "Narziss und Goldmund" nicht glaubwürdig | BR24

© Audio: Bayern 2/Bild: Sony Pictures

Der fromme Klosterschüler Narziss (Sabin Tambrea) in "Narziss und Goldmund"

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Darum ist der Film "Narziss und Goldmund" nicht glaubwürdig

Der eine ist fromm und strebsam im Geiste, der andere sinnlich und voller Lebenslust: Regisseur Stefan Ruzowitzky hat Hermann Hesses Roman auf die Leinwand gebracht, aber schöpft das Potenzial des Stoffes bei weitem nicht aus.

Per Mail sharen

"Es muss glaubwürdig wirken", sagt Narziss einmal zu seinem Freund Goldmund und spätestens da durchzuckt es den Zuschauer doch recht heftig. Glaubwürdigkeit, erinnert er sich: Das war doch ein Ziel von Fiktion, das könnte auch das Ziel dieses Films gewesen sein – aber so wie Goldmund nur haucht, das könne er nicht, so geschieht auch im ganzen Film wenig Glaubwürdiges.

Zwei Freunde, zwei Lebenswege

Der erzählt – wie Hesses literarische Vorlage – von zwei Freunden, die einander schätzen, weil der eine ist, was der andere nicht sein kann: Goldmund, der Sinnliche, der um jeden Preis das Leben spüren will, Narziss, der Ruhige, Strebsame, der Gelehrte, Gläubige. Die beiden lernen sich als Klosterschüler kennen und sie treffen sich Jahre später wieder, ohne dass sie einander vergessen konnten. "Was ist denn passiert?" will Narziss wissen. "Mehr als in ein Leben passt", sagt Goldmund, und der Film blickt zurück – auf dieses Leben voll Schmerz und Sinnlichkeit, vor allem aber: voll Körperlichkeit. Denn Regisseur Stefan Ruzowitzky setzt recht oft auf die Überzeugungskraft von Goldmunds Körper. Jannis Niewöhner spielt diese Rolle und der hat, das lässt sich nicht leugnen, prima Oberarme und beeindruckende Bauchmuskeln.

© Sony Pictures

Goldmund (Jannis Niewöhner) in "Narziss und Goldmund"

Krude Mixtur aus mittelalterlicher Frömmigkeit und Gegenwartssprech

Auf bunten Laken und in der Natur, die hier immer romantisch aussieht, macht sich dieser Mann also ganz toll. Nur fällt trotzdem bald auf, dass der Film kein Gefühl für die Zeit vermittelt, in die er hineinführt, und ebenso wenig für die konträren Lebensentwürfe in ihrer Zeit. Wir sind im Mittelalter, die Pest greift um sich, die Kirche mit ihrer strikten Sexualmoral wirkt überall. Ein Regisseur könnte sich nun der Herausforderung stellen, diese Zeit und ihre Menschen einem heutigen Publikum näher zu bringen, filmend zu begründen, warum ausgerechnet dieser Stoff heute neu erzählt gehört. Stattdessen verfolgt der Zuschauer eine krude Mischung aus Gegenwärtigkeit und dunkler Vergangenheit. Stefan Ruzowitzky lässt die einen Figuren noch lateinische Glaubenssätze vortragen und ohne Brechung auf die heilige Jungfrau Maria schwören, und die anderen Sätze nuscheln wie: "Hey Narziss, hast du 'nen besten Freund?" Oder: "Woa, du bist mutiger, als ich gedacht habe."

Das mag bewusst anachronistisch sein, so wie es Goldmunds Undercut auch ist, aber diese Art des Anachronismus lässt einen doch eher lachen, als dass sie einen für die Figuren und ihre besondere Verbindung öffnen würde. Die spürt man durchaus, immer wieder gibt es Szenen, die einen nachempfinden lassen, was Narziss und Goldmund aneinander haben, wie sie einander leiten, auch wenn sie unterschiedliche Wege verfolgen. Aber dann kommt einem wieder die pompöse Inszenierung dazwischen, Musik, die eine Innerlichkeit behauptet, die das Bild nicht einlöst, Heiratsanträge in der freien Natur, die in diesem Fall nicht auf die winterlich verschneite Art romantisch ist, sondern voller Feldblumen zum Haare-Flechten.

© Sony Pictures

Goldmund mit seiner Angebetenen

Welcher Lebensentwurf scheitert, welches Leben ist sinnlich und sinnvoll? All diese Fragen stecken in dem Stoff, sie stecken auch in der Zeit, in der Tod nicht einfach Kulisse war, sondern das Lebensgefühl ausmachte. Aber für diese Fragen hätten die beiden Lebenswege ernsthaft und tiefgehender gegeneinander ausgespielt werden müssen – es geht ja doch um mehr als um die Frage: Sex, ja oder nein.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!