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"Eigentlich müsste in München ein Napoleon-Denkmal stehen" | BR24

© Bayern 2

Vor 250 Jahren wurde Napoleon geboren. Sein Erbe ist widersprüchlich: Als Feldherr machte er Politik durch Krieg, doch seine Armeen exportierten auch die Idee von Bürgerrechten. Und Bayern hat besonders profitiert, so Napoleon-Biograf Günter Müchler.

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"Eigentlich müsste in München ein Napoleon-Denkmal stehen"

Vor 250 Jahren wurde Napoleon geboren. Sein Erbe ist widersprüchlich: Als Feldherr machte er Politik durch Krieg, doch seine Armeen exportierten auch die Idee von Bürgerrechten. Bayern habe besonders profitiert, sagt Napoleon-Biograf Günter Müchler.

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Vor 250 Jahren, am 15. August 1769, wurde auf Korsika Napoleon Bonaparte geboren. Der Mann, der auf Schulbuchseiten nach all den Wirren der Französischen Revolution das Personal wieder etwas übersichtlicher macht: Kaiser der Franzosen, Eroberer, Verlierer, zweimal wurde er verbannt und starb auch in der Verbannung, auf St. Helena. Er hat Europa verändert – was davon spüren wir heute noch? Judith Heitkamp im Gespräch mit dem Napoleon-Biografen Günter Müchler.

Judith Heitkamp: Ein großer Mann, vielleicht ein Größenwahnsinniger – fast erleichtert wird immer hinzugefügt, dass Napoleon von Wuchs aber eher klein gewesen sei. War das wirklich so?

Günter Müchler: Das war eine optische Täuschung, der auch viele Zeitgenossen erlegen sind. Napoleon hat 168,5 Zentimeter gemessen. Diese Zahl ist authentisch, und das war zur damaligen Zeit eine normale Größe für einen Mann.

Wieso haben ihn dann auch Zeitgenossen als körperlich klein empfunden?

Man hat darüber natürlich auch gespottet. Der Eindruck entstand unter anderem durch seinen Hut. Er trug den Zweispitz nicht so wie andere Offiziere ihn trugen, mit der Spitze nach vorn, sondern mit den beiden Ausläufern parallel zu den Schultern. Und da er einen mächtigen Kopf und so gut wie keinen Hals hatte, bewirkte das einen gedrungenen Eindruck, bewusst aus einer persönlichen PR-Strategie heraus. Er wirkte einfach klein.

Welche PR-Strategie?

Napoleon war kein König. Und wer kein König ist und dennoch herrschen will, muss um die Zustimmung und um die Bekanntheit beim Volk werben. Es gab kein Fernsehen, keine Fotografie – also musste er Wiedererkennbarkeit erfinden durch die immer gleiche Kleidung und ähnliche Accessoires. So trug er eben regelmäßig diesen berühmten Zweispitz, dazu einen langen Mantel, die redingote grise, und eine ganz bescheidene graue Uniform. Das prägte sich ein.

Er hat Markenpflege betrieben.

In einer sehr modernen Weise, ja.

Der Historiker Thomas Nipperdey hat zu Napoleons großer Bedeutung nicht nur für Frankreich, sondern auch für Deutschland den Satz geprägt: “Am Anfang war Napoleon." Wie ist es denn aus der spezifisch bayerischen Sicht?

Das Wort Nipperdeys gilt in ganz besonderer Weise für Bayern. Eigentlich hat kein Staat in Deutschland so von Napoleon profitiert wie Bayern. Es konsolidiert sich im Zuge der Säkularisierung, bei der Napoleon in Paris den Ton angibt, in Schwaben und Franken, es gewinnt als Verbündeter des Kaisers Vorarlberg und Tirol, der Kurfürst von Bayern darf sich ab 1806 König nennen, Napoleon verheiratet seinen Adoptivsohn Eugène mit einer bayerischen Prinzessin. Eigentlich müsste auf der Ludwigstraße in München ein Napoleon-Denkmal stehen.

Und warum ist das nicht der Fall?

Vielleicht, weil die Bayern undankbar sind oder jedenfalls undankbar waren? 1813 trennen sie sich von Napoleon, sie drehen praktisch ihre Kanonen um und kämpfen gegen ihn.

Wer ist aus Ihrer Sicht unterm Strich wirkungsvoller gewesen, der Feldherr Napoleon oder der Gesellschaftsreformer Napoleon?

Wenn man betrachtet, was geblieben und was verschwunden ist, muss man sich eindeutig für den Reformer entscheiden. Napoleon selbst hat das übrigens gesehen, er hat gesagt, der Code civil – das Bürgerliche Gesetzbuch, das unter seiner Federführung geschaffen wurde – überstrahle alle seine Siege, selbst die Sonne von Austerlitz. Napoleon führt die Präfekten ein, gründet die Bank von Frankreich, schafft eine neue Währung, reformiert das Justizwesen, reformiert das Bildungssystem. Der Code civil wird von den französischen Armeen genauso nach Europa hinein transportiert wie die französische Verfassung, die Religionsfreiheit, die Gewerbefreiheit, all die Errungenschaften der Revolution. Und das ist einer der großen Widersprüche des napoleonischen Wirkens: Napoleon unterdrückt die Freiheit als Feldherr, aber er ist auch der größte Exporteur von Freiheitsrechten.

Man nimmt ihn ja auch gerne als den, der die französische Revolution beendet …

Die Revolution ist spätestens 1799 erledigt, sie hat sich diskreditiert. Einmal durch die Terrorherrschaft, zum anderen durch Korruption und Unfähigkeit der nachfolgenden Regierungen. Gleichzeitig ist Frankreich von einem schlimmen Bürgerkrieg heimgesucht und es wird bedroht von den alten Mächten an den Grenzen. Es ist wirklich eine Ausnahmesituation, und in dieser Situation wird Napoleon – er muss sich da gar nicht so sehr in den Vordergrund schieben – von wichtigen Revolutionären geworben als Diktator auf Zeit. Mit dem Auftrag, den Bürgerkrieg zu beenden und eine Wiederkehr der Bourbonen zu verhindern.

Persönliche Frage: Was hat Sie an Napoleon so gereizt, dass Sie sich an eine Biografie gemacht haben, die zum Schluss über 600 Seiten lang geworden ist?

Schauen Sie sich die Vergleichsgrößen in der Geschichte an, Alexander den Großen, Friedrich den Großen, Cäsar: Die werden alle als Könige oder Königssöhne geboren. Napoleon kommt aus dem Nichts. Sein Scheitern ist so grandios wie sein Aufstieg. Er ist in gewisser Weise rückwärtsgewandt und stagnierend in seinem Denken, und auf der anderen Seite ist er vollkommen vorurteilsfrei und ein Modernisierer der Extraklasse.

"Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron" von Günter Müchler ist bei wbg Theiss erschienen.

© wbg Theiss

"Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron" von Günter Müchler

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