Am Ortseingang von Wolgograd wurden die Schilder ergänzt
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Zurück zu "Stalingrad": Passanten an Ortsnamentafel des Wolgograd-Vororts Gorodischtsche

    "Namen von Henkern und Sadisten": Russland benennt Straßen um

    Neun Mal im Jahr wird Wolgograd für jeweils einen Tag symbolisch umbenannt in Stalingrad. Das ist ebenso umstritten wie die Wiedereinführung sowjetischer Straßennamen im besetzten Melitopol. Dabei wird besonders auf Rosa Luxemburg geschimpft.

    In diesem Jahr wurde Wolgograd vorzeitig "umbenannt". Zwei Tage früher als üblich installierte die Stadtverwaltung die "Stalingrad"-Ortseingangsschilder. Mit dem alten, symbolträchtigen Namen der Stadt wird seit 2013 normalerweise nur zu besonderen Anlässen "in Erinnerung an die heldenhafte Vergangenheit" für jeweils 24 Stunden Propaganda gemacht. Doch am 2. Februar jährt sich zum 80. Mal der Sieg der Roten Armee über Hitlers Truppen im Kessel von Stalingrad, außerdem wird der russische Präsident Wladimir Putin zur Gedenkveranstaltung erwartet, da wollten die örtlichen Verantwortlichen mit der traditionellen Umbenennung auf Zeit in ihrer Stadt wohl nicht zögern. Zu den weiteren Feiertagen, an denen sich Wolgograd auf seine Geschichte besinnt, gehören u.a. der 9. Mai ("Tag des Sieges"), der 23. August (Bombardierung der Stadt) und der 9. Dezember ("Tag der Helden").

    Kreml bestätigt Umbenennung nicht

    Üblicherweise fotografieren vaterländische Touristen das historische Ortsschild, in diesem Jahr werden sie zum runden Jahrestag weitere Motive vorfinden: Das berühmte Kolossal-Denkmal der "Mutter Heimat" auf dem Mamajew-Hügel wird im Rahmen einer großen "Lightshow" blutrot angestrahlt. Vor dem örtlichen Schlachtenpanorama wurden neue Büsten aufgestellt, auch eine von Stalin. Allerdings werde Putin bei seinem angekündigten Auftritt in Wolgograd der Stadt keineswegs dauerhaft ihren alten Namen zurückgeben, wie es in sozialen Netzwerken zu lesen war, so Kremlsprecher Dmitri Peskow: "Das kann ich nicht bestätigen." Es gebe in der Regierung auch "keine Diskussion" darüber, so Peskow vor wenigen Tagen.

    Neuester Anlass für die Spekulation war neben dem Jahrestag der Schlacht eine Äußerung des früheren Kurzzeit-Ministerpräsidenten Sergei Stepaschin (70). Er hatte bei einer Podiumsdiskussion darauf verwiesen, dass es in Paris eine U-Bahn-Station namens "Stalingrad" gibt und den Diktator Josef Stalin als "vielschichtige Person" bezeichnet. Es sei falsch, in Russland kein "Stalingrad" zu haben. Diesen Namen trug das heutige Wolgograd mit rund einer Million Einwohnern übrigens nur von 1925 bis 1961, davor hieß der Ort Zarizyn.

    "Wolgograd ist ein neutraler Name"

    Vor allem die Kommunisten sind sehr daran interessiert, Wolgograd dauerhaft umzubenennen und Stalin wieder in Ehren zu halten. Ihr Argument: die "meisten Russen" würden die "Taten des Machthabers gutheißen". Dagegen zeigen sich viele Einwohner und sogar Veteranen reserviert, was das Anknüpfen an die Vergangenheit betrifft: "Nein, es besteht keine Notwendigkeit, die Stadt umzubenennen", wird der 93-jährige Mikhail Zasypkin von der kremlnahen Nachrichtenagentur RIA Nowosti zitiert: "Wolgograd ist ein neutraler Name, der uns am Herzen liegt. Er ist unpolitisch, mit der Wolga verbunden. Es gibt viele Städte an der Wolga, aber nur eine Stadt mit ihrem Namen, das ist eine große Ehre für die Einwohner von Wolgograd."

    Der Kreml ist nicht sonderlich interessiert an einer Wiederbelebung sowjetischer Traditionen. Putin beruft sich lieber auf Zar Peter den Großen. Deshalb wurde zum Beispiel auch in Moskau die U-Bahn-Station umbenannt, die den Namen von Pjotr Woikow trug, der das Erschießungskommando leitete, das die letzte Zarenfamilie exekutierte. Der Bolschewik Woikow war später selbst das Opfer eines Attentäters geworden. In den vom Kreml gesteuerten Medien heißt es, bei Umbenennungen sei die "Meinung der Gesellschaft" ausschlaggebend. Propagandisten verwiesen darauf, dass es Russen gebe, die "Stalin die tatsächlich geschehenen Repressionen" nicht verzeihen könnten.

    Besonders bizarr ist die Wortmeldung eines nationalistischen Bloggers, eine Umbenennung in Stalingrad könne der Westen als "Einladung" verstehen, abermals bis zur Wolga vorzurücken: "Ist dieser Preis nicht zu hoch, um uns aufzumuntern?" Im Übrigen bleibe eine bloße Namensänderung eine "schlecht getarnte Imitation", solange nicht auch wieder die "russische Sieges-Ideologie" samt "Militarisierung der Gesellschaft" eingeführt würden.

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    "Stalingrad - Heimat des Sieges". Stolz auf die Vergangenheit: Stalingrad-Banner

    Wie heikel die Rückbesinnung auf sowjetische Namen für den Kreml ist, wird aktuell auch im von den Russen besetzten Melitopol deutlich. Dort entschied die vom Militär eingesetzte Stadtverwaltung, rund achtzig Straßen ihren "historischen Namen" zurückzugeben, nachdem die Ukraine sie 2016 umbenannt hatte. So wurde der Domplatz wieder zum "Platz der Revolution", die "Jaroslaw der Weise"-Straße trägt wie früher den Namen der deutschen Kommunistin Rosa Luxemburg. Andere Straßen erinnern wieder an die Oktoberrevolution oder den für Kultur zuständigen sowjetischen Volkskommissar Anatoli Lunatscharski.

    "Gefühle der Orthodoxen lächerlich gemacht"

    Das fanden keineswegs alle Russen nachvollziehbar, schon gar nicht die rechtsextremen "Ultra-Patrioten", die mit der Sowjet-Tradition hadern, schon deshalb, weil sie sich als "gläubig" verstehen. Die Behörden hätten sich an den "Namen von Henkern und Sadisten" orientiert, schimpfte der Politologe und unter den Kommunisten verfolgte Jaroslaw Belousow: "Die Gefühle der Orthodoxen werden lächerlich gemacht, das historische Gedächtnis geschändet. Sogar Menschen, die weit von der Religion entfernt sind, sind von einer solchen Wendung schockiert. Selbst der schlimmste Feind könnte eine solche Provokation nicht erfinden."

    Russische Kirchenvertreter zeigten sich entsetzt, dass die eigenen Besatzungsbehörden den "Heiligen den Rücken zugewendet" hätten. Russland brauche keine "Revolutionen", sondern "versöhnliche Vereinigung". Historiker witterten eine "unverhüllte Verspottung der Erinnerung an die großen Völker Russlands". Ein Politologe ereiferte sich über "Kretinismus und Ignoranz". Ein "Ultra-Patriot" schrieb: "Es sollte keine Örtlichkeiten mit den Namen von Fanatikern, Mördern, Terroristen, Folterern und orthodoxen Christen geben." Besser sei es allemal, auf vor-kommunistische Bezeichnungen aus der Zarenzeit zurückzugreifen.

    "Geschenk an ukrainische Propaganda"

    Das Portal "Rybar" mit 1,1 Millionen Followern schrieb ironisch: "Ein besseres Geschenk für die ukrainische Propaganda kann man sich nicht vorstellen. All die Horrorgeschichten, mit denen die ukrainischen Medien die Bevölkerung fütterten, dass Russland versuche, eine 'blutige UdSSR 2.0' aufzubauen, werden vor unseren Augen wahr." Sowjetische Bezeichnungen seien ein "Schlag gegen die junge Generation", schließlich beginne die Geschichte nicht mit der Oktoberrevolution von 1917. Dass ausgerechnet Rosa Luxemburg wieder zu Ehren komme, sei "ziemlich seltsam".

    "Leben Sie halt in einer anderen Straße"

    Der populäre Militär-Blogger Boris Rozhin ("Oberst Kassad") sprach dagegen von "Hysterie" und versuchte seine aufgebrachten Fans mit dem Hinweis zu beruhigen, erstens hätten die lokalen Behörden von Melitopol nicht unabhängig gehandelt, sondern sich an die Vorgaben des Kreml gehalten und zweitens sei der Verdacht abwegig, dass die Kommunisten dahinter steckten, denn es handle sich um eine "rein technische Maßnahme". Nach Kriegsende könne die Bevölkerung "demokratisch" über die Namensgebungen entscheiden. Er tadelte "Schreihälse", die auf Rosa Luxemburg schimpften. Es werde ja niemand gezwungen, in der nach ihr benannten Straße zu wohnen: "Wenn Sie nicht wollen, leben Sie halt in einer anderen Straße."

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