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Wildes Denken: 70 Jahre Nachtstudio

Meine Geschichte des Nachtstudios beginnt im Kellerarchiv des Bayerischen Rundfunks. Dort stehen deckenhohe Aktenschränke, in denen sehr lange Reihen von Ordnern stehen. Vor über 20 Jahren sollte ich recherchieren, ob hier noch Schätze lagern, von deren Existenz niemand mehr wusste.

Heideggers Goldene Schallplatte

Wochenlang blätterte ich mich durch Sendepläne, Manuskripte, viel Zeug, das schon damals niemanden mehr interessierte. Und dann ein Typoskript mit handschriftlichen Anmerkungen, aus dem Jahr 1952: "Was heißt Denken?". Der Autor: Martin Heidegger. Ich blättere sofort zum Sendeplan zurück. Unter der Rubrik Sprecher steht: Martin Heidegger. Der berühmte Philosoph liest selbst. Ich war (und bin) eigentlich kein Fan des Denkers des Seins. Aber in diesem Moment erstarrte ich doch vor Ehrfurcht, welchen Schatz ich da in Händen hielt.

Und die Geschichte hat noch eine Pointe: Tage später erhielt ich einen Anruf von Klaus Weisenbach aus dem Archiv. Nein, das Tonband wäre nicht gelöscht. Und sie hätten noch etwas entdeckt: eine goldene Schallplatte. Jemand im Bayerischen Rundfunk musste den Vortrag Heideggers auf Schallplatte gepresst haben, die goldene Folie war nicht Zierde, sondern versprach ewige Haltbarkeit.

Und wenn ich heute als Redaktionsleiter ein besonderes Lob ausspreche, dann sage ich: Früher hätten wir diese Sendung auf eine goldene Schallplatte gepresst!

"Das Recht auf Revolution": Das Nachtstudio von 1966 mit Hannah Arendt und Carlo Schmid

"Das Recht auf Revolution": Das Nachtstudio von 1966 mit Hannah Arendt und Carlo Schmid

Hannah Arendt erklärt die Revolution

Es ist allerdings nicht so, dass sich in den letzten sieben Jahrzehnten Nobelpreisträger und Philosophen die Klinke des Nachtstudios in die Hand gegeben hätten. Das Tagesgeschäft war und ist selten glamourös. Aber manchmal (ach, viel zu selten, an dieser Diagnose leiden alle Chefs) gibt es auch Höhepunkte: Hannah Arendts Auftritt in einer Diskussion mit Carlo Schmid war so einer.

"Das Wesen der modernen Revolution ist, dass man nicht sagte: Wir wollen herrschen! Sondern: Wir wollen nicht, dass es Herrschaft gibt!" Gesagt hat das keine weltfremde Anarchistin, sondern die große Demokratin Hannah Arendt 1966. Immer wieder wurde und wird sie als Philosophin bezeichnet, sie selbst lehnte das entschieden ab. Sie wollte keine letzten Fragen beantworten, sondern Antworten für das Hier und Jetzt geben. 1966 lud das Nachtstudio sie ein, mit dem Staatsrechtler Carlo Schmid über ihr neues Buch "Über Revolution" zu debattieren. Vordergründig behandelt Arendt darin eine historische Debatte: die Unterschiede zwischen der französischen Revolution von 1789 und der amerikanischen von 1783 (dem Unabhängigkeitskrieg). Arendt ging es aber um nichts weniger, als zu erklären, woran eine Revolution scheitert und – noch wichtiger – wie eine Demokratie entsteht.

Das Gespräch zwischen Schmid und Arendt gehört zu den Sternstunden in 70 Jahren Nachtstudio. Ganz einfach, weil hier zwei Menschen miteinander sprechen: hart im Detail, aber verbunden im Wunsch, so genau wie möglich die historische Wahrheit herauszuarbeiten. Und am Ende beklagen sie beide, dass in der heutigen Politik der Funktionär den Politiker aus Leidenschaft ersetzt habe. Also einen Menschen, der das Allgemeinwohl über die Zufriedenstellung der eigenen Klientel stellt.

Jörg Albrecht

Jörg Albrecht

Jörg Albrecht über Opfer der Fiktion

Einer meiner ersten Anrufe als neuer Chef war bei Jörg Albrecht. Ich outete mich als Fan und wünschte mir einen Essay, gerne über Crossdressing, Gender-Bending oder was ihn sonst in den letzten Jahren umgetrieben hatte. Ich musste lange warten und den überaus höflichen Schriftsteller zweimal besuchen, bis ich dann endlich das tolle Manuskript von "Fiction Victims" bekam. Opfer der Fiktion? Als solche sehen sich die Drag Kings: Frauen, die sich als Männer verkleiden und vielleicht sogar als Männer verstehen. Ihre Geschichte ist keine, die abseits lustiger Tunten-Shows zu Wort kommt. Gegen weiße mächtige Männer, gegen die dominierende heteronormierte CIS-Erzählung setzen sie eine Existenz voll Glitter und Schrillheit, aber eben auch voller Schmerz, mit dem eigenen Begehren immer wieder zu scheitern.

Weil Jörg Albrecht mir dann noch einen Fotoessay schickte, entstand aus dem Radiotext und vielen Bildern eines der ersten Webspecials im BR.

Elias Canetti

Elias Canetti

Elias Canetti und "Masse und Macht"

Manches in der Geschichte bleibt ein Mysterium. Peter Laemmle, von 1989 bis 2006 Leiter des Nachtstudios und einer der wichtigsten deutschen Literaturkritiker, erzählte mir einmal von seiner tiefen Verbundenheit zu Elias Canetti. Angefangen hätte es, als Canetti ihn, den jungen, fast unbekannten Kritiker, bei der Büchnerpreis-Verleihung 1972 am Arm genommen und nach vorne zu den Ehrenplätzen gezogen habe. 1975 drehte Laemmle dann den einzigen Film (zusammen mit Peter Goedel), in dem Canetti auftrat. Denn eigentlich lehnte Canetti grundsätzlich jedes Interview ab. Und beklagte sich dann eines Tages bei Laemmle, dass kein Kritiker ihn mehr anrufe!

Wie es dem Nachtstudio gelungen war, Elias Canetti 1961 ins Studio zu bekommen, lässt sich nicht mehr herausfinden. Vielleicht waren es die prominenten Gesprächspartner, der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich und der Soziologe René König, die ihn lockten? Wie auch immer, im Gespräch erklärt der spätere Literaturnobelpreisträger sehr lebendig seinen legendären Langessay "Masse und Macht" – trotz der eher zähen Fragen der Wissenschaftler im Studio ein Nachtstudio-Highlight!

Marxisten-Verbot im Nachtstudio

Geschichte ist die Geschichte der Sieger, heißt es immer wieder. Die Römer haben das anschaulich vorgemacht, als sie Karthago nicht nur zerstörten, sondern auch noch Salz auf die Äcker streuten, damit dort nie wieder jemand wohnen könne. Ob der Streit, den sich der erste Nachtstudio-Leiter Gerhard Szczesny 1961 mit dem Bayerischen Rundfunk lieferte, mit gleicher Erbitterung ausgefochten wurde, lässt sich heute nicht mehr sagen. Geschehen war folgendes: Szczesny hatte einen Radioessay des bekennenden Kommunisten Leszek Kolakowski angekündigt. Der Beitrag des ausgewiesenen Marxismus-Kenners wurde auf Anweisung des damaligen Intendanten Christian Wallenreiter aus dem Programm genommen. Vielleicht setzte man in der Intendanz Marxismus mit Propaganda für den Osten gleich – ein üblicher Denkfehler im Kalten Krieg. Gerhard Szczesny verließ daraufhin unter Protest den Sender.

Einen unorthodoxen Marxisten in den 1960er Jahren einen Platz zu gewähren, um offen über Gesellschaftsentwürfe zu diskutieren, war damals leider nicht möglich. Ein Ruhmesblatt ist das sicher nicht. Immerhin: Recht behalten hat hier nicht der Sieger: Der polnische Philosoph wurde später mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet und lehrte Jahrzehnte lang in Oxford. Da kann man eine ausgefallene Sendung im Nachtstudio verkraften.

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Martin Zeyn, Leiter des Nachtstudios auf Bayern 2

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