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"Nacht in Caracas": So düster zeigt Karina Sainz Borgo Venezuela | BR24

© BR Cornelia Zetzsche

Cornelia Zetzsche über Karina Sainz Borgo: "Nacht in Caracas"

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"Nacht in Caracas": So düster zeigt Karina Sainz Borgo Venezuela

Vor 13 Jahren verließ Karina Sainz Borgo ihr Heimatland Venezuela. In ihrem atemraubend leisen Debüt-Roman "Nacht in Caracas" rechnet die Autorin nun ab mit Maduros Regime. Und beschreibt Venezuela fast schon als Kriegszone.

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Eine Beerdigung, ein Abschied und die steinharte Erinnerung an den Hunger. Schon der Romananfang läßt keinen Zweifel: Mit ihrer Mutter verliert Adelaida Falcón alles, ihre Kindheit, ihre Wohnung, ihr Hab und Gut, ihr Land, jegliche Sicherheit – wie ihre Autorin, die Venezuela mit Mitte 20 verließ. "Ich hatte das Gefühl, mein Land erkennt mich gar nicht mehr", sagt Karina Sainz Borgo, "ich habe nur noch meine Erinnerungen. Adelaida und ich sind in einer gewalttätigen Gesellschaft geboren. Wir verloren unser Zuhause und unsere Identität. Ich gab ihr meine Ängste."

Venezuela im Kriegszustand

Der Roman spitzt die Lage bis zur Groteske zu: Motorrad-Rowdies umzingeln die Trauergesellschaft. Eine Bande brutaler Frauen okkupiert Adelaidas Wohnung. Venezuela scheint zur Kriegszone geworden. Das klingt absurd, ist aber dicht an der Realität erzählt. "Die Menschen haben nichts zu essen, keine Sicherheit, sie fühlen sich bedroht. Ihre Beziehungen untereinander haben sich sehr verändert, sie sind wie entwurzelt, und man fragt sich, welche Macht der Totalitarismus hat, ihre Leben derart auszulöschen", so Karina Sainz Borgo, die seit Jahren in Madrid lebt.

Am Tag, als der Roman in Spanien veröffentlicht wurde, am 7. März, erlebte Venezuela diesen riesigen Black Out, erinnert sich Karina Sainz Borgo: "Drei Tage kein Licht, keine Elektrizität, kein Wasser, keine Kommunikation! Hunderte Menschen starben in den Krankenhäusern, weil sie nicht an ihre medizinischen Geräte angeschlossen werden konnten. Das Durchschnittsgewicht eines Venezolaners sank über die Jahre um 10 Pfund.“ Karina Sainz Borgo ist Journalistin, sie könnte einen informativen Bericht über die Lage schreiben, aber sie wählte die Form des leisen, sehr eindringlichen Romans und landete einen Welterfolg in zwanzig Sprachen. "Ich wollte etwas Literarisches schaffen, wollte diesen brutalen Prozess des Verlusts, der Verfolgung mit Mitteln der Schönheit beschreiben", sagt sie. Und das ist ihr gelungen mit dieser düster-makabren Szenerie, der bedrohlich-klaustrophoben Atmosphäre, der hochspannenden Verdichtung. Man liest wie im Sog.

Literatur gegen das Vergessen

Santiago, der Student und Bruder einer Freundin, taucht plötzlich auf als ein Moment von Hoffnung in desolater Lage, aber niemand ist hier frei von Schuld. Unerklärt bleibt, weshalb Santiago auf einmal wieder verschwindet – verhaftet vielleicht, gefoltert und abgeschoben in eins dieser Kellerlöcher. "Die Lage der Gefangenen ist dramatisch, viele sind nach der Folter gestorben", so Karina Sainz Borgo. "Seit zehn Jahren dürfen Menschenrechtsorganisationen keine Gefängnisse mehr besuchen, das spricht Bände.“ Die Autorin möchte Gefühle wecken in der Öffentlichkeit, deshalb schrieb sie einen Roman.

Exodus nach Europa

Am Ende findet Adelaida unter obskuren Bedingungen einen Ausweg – über die Nachbarin, die sogenannte "Tochter der Spanierin", Symbol für all jene, die vor Jahrzehnten einwanderten und aus Venezuela eine moderne Gesellschaft machten. Nun gehen ihre Kinder und Enkel wieder dahin zurück, wo ihre Väter und Mütter herkamen – nach Europa. Auch die politische Repression zwingt dazu.

Parlamentspräsident Juan Guaidó bietet Diktator Maduro die Stirn, unterstützt von Oppositionellen und allen, die auf Wahlen hoffen. "Die Opposition, das sind die Bürger des Landes. Sie haben Hunger, brauchen Medikamente, sie müssen ihr Leben zurückholen. Wir brauchen freie Wahlen", davon ist Karina Sainz Borgo überzeugt. Wer überlebt, fühlt Schuld, überlebt zu haben. Von Sicherheit im Exil keine Spur, ihre Angst hat die Schriftstellerin nach Spanien mitgenommen: "Wenn man an so einem gewalttätigen Ort aufwächst, durch die Straßen geht, immer auf der Hut ist, bleibt die Angst. Sie ist sogar gewachsen, denn was geschieht, ist nicht zu sehen."

"Nacht in Caracas" von Karina Sainz Borgo ist in der Übersetzung von Susanne Lange im Verlag S. Fischer erschienen.

© S. Fischer Verlag

Cover des Roman "Nacht in Caracas"

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