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Tod von Rolf Hochhuth: Wer sich nie auflehnt, bleibt unerwähnt | BR24

© Britta Pedersen / dpa picture alliance / Audio: BR

Gespür für brisante Themen: Rolf Hochhuth blieb bis zum Ende seines Lebens moralischer Ankläger

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Tod von Rolf Hochhuth: Wer sich nie auflehnt, bleibt unerwähnt

Sein Stück "Der Stellvertreter" über die fragwürdige Rolle von Papst Pius XII im Zweiten Weltkrieg machte ihn 1963 mit Anfang 30 schlagartig berühmt. Moralist blieb Rolf Hochhuth bis zu seinem Lebensende: Mit 89 Jahren starb er jetzt in Berlin.

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"Wer sich nie auflehnt, bleibt unerwähnt." – ein Leitsatz des Autors Rolf Hochhuth, nachgerade sein Lebensprinzip. Für ihn galt: "Problematisch schreiben oder – gar nicht! Auch im Wortsinn: Was nicht ‚anstößig‘, stößt nichts an."

Angestoßen hat dieser Dramatiker so manche Debatte durch seine Stücke, zuvörderst natürlich mit seinem Debüt "Der Stellvertreter", 1963 in Berlin uraufgeführt – es löste derart große Diskussionen aus, dass Hochhuth als "Papst-Kritiker" auf dem Cover des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" landete. Zu Recht: Denn er brachte als genauer Rechercheur in seinen brisanten dramatischen Traktaten Dinge ans Licht, die in der noch jungen Bundesrepublik gern verschwiegen wurden – gerade in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit. Kein anderer Nachkriegsautor hat einen Ministerpräsidenten wegen dessen Vergangenheit zum Rücktritt gezwungen – Rolf Hochhuth aber zwang durch sein Stück "Juristen" den einstigen Marine-Richter Hans Filbinger 1978 zur Demission.

Widerborst in einer Banausenrepublik

Ein Widerborst, das war er von Anfang an, ob er sich nun mit Politikern anlegte, mit der Treuhandanstalt 1993 im Nachwende-Stück "Wessis in Weimar. Szenen aus einem besetzten Land". Oder mit Unternehmensberatern und der Deutschen Bank 2004 in "McKinsey kommt": "BRD heißt für mich: Banker- und Banausenrepublik ...“, sagte dieser Künstler gewordene Widerspruchsgeist noch im hohen Alter.

"Gib nie auf“, ermahnte er sich mit 85 Jahren in einem Gedicht-Band, den er "Das Grundbuch" nannte und in dem er mit Goethe resignierend ausrief: "'Kommt doch im Leben aufs Leben an, nicht auf ein Resultat!‘"

© Heinz-Jürgen Göttert / dpa

Theater als politische Anklage: Szene aus "Der Stellvertreter", 1964 Städtische Bühne in Frankfurt

An vier Dinge, verriet er einem im Gespräch, habe er sich stets gehalten, diese "Quadriga" stamme vom heute längst vergessenen Schriftsteller Otto Flake: "Klarheit, Gelassenheit, Sinnlichkeit und Energie. – Ja, und an der Gelassenheit hat es mir immer gefehlt."

"Misstrauen gegen alles, was alle denken."

Hochhuth scheute sich nicht, in einer Privatfernsehserie wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" aufzutreten – auch wenn man ihn dafür belächelte. Er zerstritt sich als Eigentümer des Theaters am Schiffbauerdamm mit dem Berliner Ensemble, er prozessierte und provozierte. Nur nicht "konsensfromm" sein, wie er das nannte, stattdessen: "Misstrauen gegen alles, was alle denken."

"Gegen den Zeitgeist" habe man sich zu "immunisieren", riet Rolf Hochhuth und veröffentlichte spät unter dem Titel "Was vorhaben muss man" Aphorismen: "Das Gegenteil von Humanität ist der Wahn, Fortschritt, wie er sich etwa in der Medizin oder auch in der Technik unleugbar ablesen lässt, sei zu erwarten auch vom Menschen."

"Nicht die Kunst ist tragisch, sondern wie die Nachwelt mit ihr umgeht"

Ein skeptischer Moralist, trug er das Jackett stets wie einen Mantel über die Schultern gelegt und schalt sich selbst auch mitunter unbedachter Einlassungen wegen einen "blöden Esel". Niemand könne sich vorstellen, wie bald man vergessen sei, schrieb er mal, "wie endgültig und spurlos abgelegt von den Nachlebenden". Oder – anders ausgedrückt: "Ich habe gemeint mit diesem Aphorismus, dass nicht die Kunst tragisch ist, sondern wie die Nachwelt mit ihr umgeht. Ob sie einen Künstler zum Klassiker macht oder nie wieder druckt, total übersieht, ohne jeden Blick für sein Format – wie das mit meinen sechs Riesenbänden, die es inzwischen geworden sind, sein wird, das kann ich selbst sicher am wenigsten objektiv beurteilen."

© Konrad Giehr / dpa picture alliance

Rolf Hochhuth bei der Verleihung des Berliner Kunstpreises 1963

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