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Zum Tod des indischen Autors und Kosmopoliten Kiran Nagarkar | BR24

© picture alliance / Effigie/Leemage

Kiran Nagarkar, Kosmopolit und Visionär, Jahrgang 1942, starb am 5. September in Mumbai

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    Zum Tod des indischen Autors und Kosmopoliten Kiran Nagarkar

    Seine Geburtsstadt Bombay war für den Schriftsteller Kiran Nagarkar das Tor zur westlichen Welt, seine Romane öffneten Lesern die Tür zu Indiens Literatur. Letzte Woche starb der Schöpfer von "Gottes kleiner Krieger" in seiner Heimat. Ein Nachruf.

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    Kiran Nagarkars Romane gehört zum Besten, was indische Literatur heute zu bieten hat. Einer der Grossen der Weltliteratur, Schöpfer von „Gottes kleiner Krieger“ und anderen unvergesslichen Figuren. 1942 in Bombay geboren, ist Kiran Nagarkar nun in Mumbai gestorben. Die Stadt beschrieb Kiran Nagarkar als "schlichtweg verrückt" und "immer auf Koks". Dennoch blieb er seiner Geburtsstadt zeitlebens treu, kehrte von seinen vielen Auslandsaufenthalten immer zurück in die "irrsinnige" Metropole am Indischen Ozean und verewigte sie in den meisten seiner Romane.

    In "Ravan & Eddie" etwa, einem seiner mitreißendsten Bücher, der aberwitzigen, todernsten, hinreißend komischen Geschichte von zwei Nachbarsjungen, einer Hindu, der andere Christ. Zwei Planeten in ihren zwei Religionen. Obwohl sie Tür an Tür leben im Chawl No 27, einem dieser einst von den Briten für Textilarbeiter erbauten Mietshäuser, einem dieser längst überfüllten und heruntergekommenen Gebäudekomplexe. Viel später tauchen die beiden Figuren wieder in einem Roman Nagarkars auf: als "Die Statisten" in Bollywood, verführbar und erfüllt von grenzenloser Hoffnung. Der Roman ist wie ein Bollywood-Film, mit Action, Liebe, Hochzeiten, Musik- und Tanzeinlagen und viel Herzschmerz.

    Kosmopolit und Fundamentalismus-Kritiker

    Den Hindu-Nationalisten, die in Indien heute das Sagen haben, stand Kiran Nagarkar kritisch gegenüber. Nachdem sie Bombay 1996 in Mumbai umbenannten, um der Stadt einen Namen mit Wurzeln in der indischen Mythologie zu geben, verwendete der Schriftsteller weiterhin den alten britischen Namen. Denn "Bombay", das war für ihn die kosmopolitische Stadt. Auch in allen seinen Romanen nahm Nagarkar die Hindu-Nationalisten kritisch aufs Korn. In "Gottes kleiner Krieger" erzählt er von der weltumspannenden Karriere eines Terroristen und Fanatikers, der vom Islamisten zum christlichen Dogmatiker und Waffenhändler wird – eine Kritik an allen Fundamentalisten, jedweder Couleur. "Gottes kleiner Krieger" war, da mögen 2006 die politischen Umstände mitgespielt haben, Kiran Nagarkars wohl größter Erfolg in deutscher Sprache.

    Höchste literarische Auszeichnungen

    Den höchsten Literaturpreis Indiens, den der Sahitya Academy, erhielt er schon Jahre zuvor für "Cuckold", übersetzt "Hahnrei". Doch die deutsche Ausgabe bekam den exotisch-märchenhaften und verkäuflicheren Titel "Krishnas Schatten". Darin beschwört er das islamische Erbe im von Hindus dominierten Indien und zeigt Mirabai, die Heilige und Ikone, als untaugliche Ehefrau: Sie ist Gott Krishna verfallen, ein Albtraum für ihren fürstlichen Gatten, der vor fast 500 Jahren antrat, sein Reich Rajasthan zu reformieren. Typisch für Kiran Nagarkar, dass dieser historische Roman unendlich viele Verweise in die Gegenwart enthält, mit dem Reformstau, den Intrigen, den Hardlinern in Politik und Religion.

    Kiran Nagarkar war ein Virtuose seines Fachs, der sein Bombay, das heutige Mumbai, als das beschrieb, was es ist: ein Tor zur westlichen Welt mit abertausend Mikrokosmen. Als Dramatiker, Drehbuchautor, Essayist und vor allem als Romancier, war Kiran Nagarkar ein Solist und einer der schillerndsten Schriftsteller Indiens. Groß, hager, von tänzelnder Eleganz, das Gesicht wie aus feinstem Seidenpapier. Ein exquisiter Stilist mit unerhörtem Einfallsreichtum. Ein Zweifler und fabelhafter Ironiker mit unbestechlicher Beobachtungsgabe und rabenschwarzem Humor. Sein Thema: der Irrsinn der Welt und die Verantwortung des Einzelnen. Seine Kunst: filmisches Erzählen auf einer sprachlich exquisiten Klaviatur.

    Der Irrsinn der Welt in bollywoodreifen Bildern

    Mit größtem Witz und ansteckender Empathie verhandelte er ernste Themen und verband Damals und Heute. Den chaotischen Alltag beschrieb der Cineast in bollywoodreifen Bildern. Nationalistische und religionsfanatische Prügeleien inszenierte er als heiteren Slapstick. Die friedliche Koexistenz der fünf Weltreligionen in Indien sah er hellsichtig destabilisiert durch Intoleranz und Fundamentalismus. "Wer stirbt, wer zahlt den Preis in Pakistan und anderswo?" fragte er mit Blick auf Hindu-Nationalismus und muslimischen Terror heute.

    Dem A1-Verlag, der nicht mehr existiert, und seinem Übersetzerpaar Giovanni und Ditte Bandini ist es zu verdanken, dass Kiran Nagarkar in seinen Büchern fortwirkt. Eine unbedingt zu empfehlende Lektüre.

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