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Revolutionär mit Kamera: Zum Tod des Fotografen Robert Frank | BR24

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Sein Buch "The Americans" von 1958 steht für den Beginn einer neuen Epoche der Fotografie: Robert Frank, Mitbegründer der Streetart, rückte die einfachen Leute ins Bild. Gestern starb der Revolutionär mit der Kamera im Alter von 94 Jahren.

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Revolutionär mit Kamera: Zum Tod des Fotografen Robert Frank

Sein Buch "The Americans" von 1958 steht für den Beginn einer neuen Epoche der Fotografie: Robert Frank, Mitbegründer der Streetart, rückte die einfachen Leute ins Bild. Gestern starb er im Alter von 94 Jahren. Ein Nachruf.

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Es war dieses für einen Europäer bis heute recht befremdliche Amerika des überschäumenden Patriotismus. Aber auch das der Kupferarbeiterspelunken mit dem hohen Alkoholspiegel nach Feierabend. Das der schnellen Blicke aus vorbeiflitzenden Autos auf dem Highway. Oder das der gestressten Kellnerinnen im Diner um die Ecke während der Vorweihnachtszeit, das den Schweizer Robert Frank zu seinen berühmten Schwarz-Weiß-Fotos verführte.

Foto-Recherchen im Land der Freiheit

Kreuz und quer reiste er jahrelang durch dieses postulierte "Land der Freiheit", durch insgesamt 48 Bundesstaaten, und entdeckte den Alltag: Auf grobkörnigen, manchmal wie aus einer schnellen Wischbewegung heraus entstandenen, bewusst unscharfen Momentaufnahmen. "The Americans", das daraus 1958 resultierende Buch, gilt inzwischen als Markstein der Fotogeschichte. Und Robert Frank, der Mann mit dem Gefühl für den richtigen Augenblick, als Mitbegründer der "Street Photography", der "Straßenfotografie": "Ich wollte frei sein. Und ich wollte das so machen, wie ich es sehe", blickte er später zurück.

Auf keinen Fall habe er für eine Revue arbeiten wollen, oder weiter wie bisher, als Mode-Fotograf, sagte Frank: "Die Idee ist entstanden, als ich mich für ein Guggenheim-Stipendium beworben habe: Ich habe gesagt, ich will mal über das Land reisen und mir das ansehen. Und so habe ich das Land erlebt – als Europäer."

© dpa picture alliance

Bilder von einfachen Leuten: Robert-Frank-Ausstellung 2005 im Fotomuseum Winterthur

Jack Kerouac, Kultautor der amerikanischen Beat-Generation, schrieb über Robert Frank: "Er fotografierte mit der Beweglichkeit, Heimlichkeit, Genialität, Traurigkeit und der seltsamen Verstohlenheit eines Schattens Szenen, wie sie noch nie auf Film festgehalten wurden."

Und tatsächlich vermied Robert Frank das Gespräch mit den Fotografierten. Sein Mitgefühl, sein Kommentar liegt allein im Bildausschnitt. Da steht zum Beispiel ein alter, gehbehinderter Mann in einem Holzhaus. Der Kommentar sagt, dass das einmal in der Innenstadt von Los Angeles aufgenommen wurde, da, wo heute die Hochhäuser stehen. Robert Frank sagte dazu: "Der Mann in Bunker Hill, der steht da halb verborgen. Man sieht das Gesicht nicht. Das ist die Vergangenheit, das alte Haus, der alte Mann, der sich aufstützen muss. Man kann vieles in einem Bild sehen, aber das überlasse ich den Kritikern."

Auch als Filmemacher sorgte er für Aufsehen

Seit dem Ende der 50er Jahre hat sich Robert Frank auch als Filmemacher versucht: Unter anderem drehte er einen schonungslosen Dokumentarfilm über die Rolling Stones, dessen Aufführung jahrelang von Mick Jagger verhindert wurde, unter anderem wegen seiner Image schädigenden Drogenszenen. Erst 2001 – fast 30 Jahre nach seiner Entstehung – war er einmal im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Indes konnten sich alle Porträtierten bei Robert Frank immer sicher sein,"dass man Mitgefühl hat für die Menschen, dass man nicht den großen Künstler spielt", wie er beteuerte.

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Straßenfotografie von Robert Frank im Fotomuseum Winterthur, 2005

Vielleicht ist das gerade das Rezept, wie man ein großer Künstler wird, zumindest als Fotograf. Robert Franks nur zufällig erscheinende "Schnappschuss-Ästhetik" wurde inzwischen zum Leitfaden jüngerer Kollegen mit Weltruhm: William Eggleston folgte Franks Spuren in Sachen "nicht-Foto-würdiger" Motive, fügte aber Farbe hinzu. Lee Friedlander erscheint in seinen Werken gern als Schattenbild. Nan Goldin porträtierte genau so beiläufig, aber nachdrücklich ihr soziales Umfeld wie Wolfgang Tillmans. Aber sie alle wären im Grunde undenkbar ohne das Vorbild Robert Frank und die "Americans".

Am 9. September ist Robert Frank im Alter von 94 Jahren in der kanadischen Stadt Inverness gestorben.

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