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Nachruf auf Judith Kerr: Erzählerin mit utopischem Potenzial | BR24

© dpa/ picture alliance

Die große Autorin und Illustratorin Judith Kerr ist mit 95 Jahren gestorben

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Nachruf auf Judith Kerr: Erzählerin mit utopischem Potenzial

Sie wagte es, Kindern von den Verbrechen im "Dritten Reich" zu erzählen: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" gilt als Judith Kerrs Hauptwerk. Ein Nachruf auf die große Autorin und Illustratorin Judith Kerr, die mit 95 Jahren gestorben ist.

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Zuallererst wollte sie eine Zeichnerin sein. Das war Judith Kerrs eigentliche Form des Erzählens – Spuren davon sind noch in einem ihrer letzten Romane zu entdecken: In der Geschichte eines Seehundkindes, das von einem Mann namens Herrn Albert gerettet wird, auf abenteuerliche und zugleich auch witzige Weise – Versteck auf einem Balkon in der Großstadt und diverse Turbulenzen im Zoo inklusive.

Judith Kerr hat, wie so oft, eigene Illustrationen zur Geschichte angefertigt: zarte Bleistiftstriche und Pastellfarben. Ihre Bilderwelt entführt ins frühe 20. Jahrhundert, in die Zeit vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Für Judith Kerrs Familie, für die Familie des berühmten Kritikers Alfred Kerr, war dieser Einschnitt existentiell. Zum Glück konnte sie der Barbarei entkommen und schließlich in England eine neue Heimat finden, wenn auch zunächst unter schwierigen Umständen.

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"

Von der Flucht und der Ankunft in der Freiheit, über das Kriegsende hinaus, erzählte Judith Kerr in drei autobiographisch motivierten Romanen. Der erste von ihnen "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", ist ihr Hauptwerk. 1974 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet,wurde das Buch allein in Deutschland über eine Million Mal verkauft. Judith Kerr war eben nicht nur Zeichnerin, sondern auch eine großartige und einnehmende Erzählerin. Obwohl sie anfangs Probleme mit der fremden Sprache hatte, wie sie erinnert: "Worte, die man als Kind zum ersten Mal lernt, sind ja ganz anders, sie haben ein ganz anderes Gefühl. Und es kommt mir auch jetzt, wenn ich in Deutschland bin und ich ein Wort höre, das ich 50 Jahre nicht gehört habe, so vor, als wäre ich wieder ganz klein."

Großes utopisches Potenzial

Neben der Trilogie über eine Familie auf der Flucht hat sie unter anderem den vergesslichen und folglich eigensinnigen Kater Mog erfunden – auch das im Grunde längst eine klassische Figur in der Kinder- und Jugendliteratur. Kerrs später Roman über den geretteten kleinen Seehund basiert übrigens auf einer wahren Geschichte ihres Vaters Alfred Kerr – und zugleich einer Lieblingsgeschichte der Tochter. Er hatte sich tatsächlich um einen allein gelassenen Heuler gekümmert, konnte ihm aber letztlich nicht helfen. In der Fiktion von Judith Kerr geht die Geschichte gut aus, das hilflose Tier wird gerettet. In der Literatur, im Erzählen – auch in den Bildern –, sah Judith Kerr ein großes utopisches Potenzial. Den Glauben an eine bessere Welt hat sie nicht aufgegeben. Sie hat ihn verteidigt.

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