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Nach schwerer Krise weiß Joachim Meyerhoff, was zählt im Leben | BR24

© Audio BR/ Bild BR Karl Holzhauser

Der Schauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff erzählt in seinem neuen Buch von seinem Klinikaufenthalt beim Schlaganfall: "Hamster im hinteren Stromgebiet".

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Nach schwerer Krise weiß Joachim Meyerhoff, was zählt im Leben

Das Leben meinte es gut mit Joachim Meyerhoff – bis der Schauspieler und Bestsellerautor einen Schlaganfall erlitt. Um diesen existenziellen Einschnitt und den Klinikaufenthalt geht es in seinem jüngsten Werk: "Hamster im hinteren Stromgebiet".

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Am Eingang des Schlossgartens Charlottenburg staunt Joachim Meyerhoff über eine skurril anmutende, viele Meter in den Himmel geschossene Blüte. "Das ist ja eine Sensation", ruft er. "Einmal volle Pulle blühen und dann für immer ade." Einmal volle Pulle leben und dann einen Schlaganfall, denke ich mit Blick auf Meyerhoffs neuen autobiografischen Roman "Hamster im hinteren Stromgebiet“, als wir den Schlosspark betreten.

Liebeserklärung an die Familie

Im Dezember 2018, mit 51 Jahren, bekommt der Schauspieler und Autor in Wien einen Schlaganfall, als er seiner volljährigen Tochter bei den Hausaufgaben hilft. Meyerhoff hat Lähmungserscheinungen in der linken Körperhälfte, kann aber normal sprechen. In einem Krankenhaus an der Peripherie Wiens wird er schließlich gut versorgt. Aber er macht sich so seine Gedanken. "In so einem Krankenhaus dämmern natürlich auch große Fragen auf", sagt er. "Wofür man steht in der Familie seinen Kindern gegenüber. Und wenn man die aber dann sieht und die einem so nahe sind – ja, das ist eigentlich das, was einen dann so ganz stark hält."

© Thilo Rückeis

Der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff

"Hamster im hinteren Stromgebiet“ ist eine rührende Liebeserklärung des Autors an seine Familie, an seine beiden Töchter aus voriger Beziehung, an seine neue Frau und den gemeinsamen, mittlerweile fünfjährigen Sohn. Die drei sind 2019 von Wien nach Berlin gezogen. Wie schon in seinen vier vorigen Büchern gelingt es Meyerhoff auch in diesem, Komik in der Tragik auszumachen und so sich und den Leser mit der Welt zu versöhnen.

Rettung im Skurrilen und der Komik

Auf der Intensivstation weigert er sich, einzuschlafen, aus Angst, im Schlaf könne ein zweiter, noch schlimmerer Schlaganfall entstehen. Halb schlafwandelnd geht er auf dem Krankenhausgelände spazieren und traut seinen Augen nicht. Er entdeckt eine Hamsterkolonie, zählt neun Tiere.

"Das rettet einen. Wenn das Skurrile, das Unerwartete, einem begegnet, aus dem Profanen dieser schrecklichen Situation", lächelt Meyerhoff. Er habe in einem armseligen Nachthemd dagesessen und musste zum ersten Mal wieder lachen – darüber, dass die Welt so absurd ist, wie sie ist. In einer Klinik begegnet man neun Hamstern. Hamster, erfährt er, sind Einzelgänger, können wunderbar allein leben. Bisher hatte sich auch Joachim Meyerhoff für einen Einzelgänger gehalten. Bekannt wurde er durch seine Soloabende im Theater. Er liebte Monologe.

Genug vom Einzelgängertum

Vom Einzelgängerischen habe er jetzt genug, erklärt er. Der Schlaganfall habe seine Lebensweise sehr infrage gestellt, schließlich sein man angewiesen auf die Nähe zu anderen.

Nach neun Tagen wird Meyerhoff aus der Klinik entlassen. Aber er nimmt den Aufenthalt wie eine Ewigkeit wahr. Auch der Leser. Denn Meyerhoff ist ein begnadeter Abschweifer, lässt einmal mehr seine grandiosen Erinnerungen in den Text einfließen: an glückliche Momente mit dem mittleren, längst verstorbenen Bruder, oder daran, wie er als Junge Scham empfand, als sein Vater, ein Psychiater, in einem Schlosspark einem Hund von dessen Darmverschluss befreite.

Nun spazieren wir durch den Schlosspark in Berlin-Charlottenburg und bleiben auf einer Brücke aus Holzbalken stehen. Das erinnert uns an eine der anrührendsten Szenen dieses Buchs. Kurz vor der Entlassung verließ Meyerhoff heimlich das Klinikgelände, betrat einen Park und darin einen Spielplatz. Wenn er es schaffe, auf den dortigen Holzbanken zu balancieren, ohne herunterzufallen, redete er sich ein, werde alles wieder gut.

"Da war ich noch ganz schön angeschlagen mit der linken Seite, habe ich richtig so im Nieselregen trainiert", erinnert er sich. "Und irgendwann – ich brauchte einen gewissen Schwung, um um die Kurven zu kommen – habe ich es dann tatsächlich geschafft. Ein bisschen einsamer, etwas lächerlicher Moment da irgendwo in der Peripherie von Wien, sich dafür zu feiern, dass man es schafft, auf Balken zu balancieren. Aber es hat mir Mut gemacht.“

Joachim Meyerhoff, Hamster im hinteren Stromgebiet, ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

© Kiepenheuer & Witsch/ Montage BT

Joachim Meyerhoff, Hamster im hinteren Stromgebiet, Cover

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