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Agit-Prop & großer Pop: Vor 40 Jahren wurde John Lennon ermordet | BR24

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Cooler Typ mit Fluppe, Sonnenbrille und Schiebermütze: John Lennon war eine Ikone der urbanen Popkultur.

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    Agit-Prop & großer Pop: Vor 40 Jahren wurde John Lennon ermordet

    Er war der "Expert Texpert" der Beatles, verantwortlich für künstlerische Wagnisse und den mutigen Blick nach vorn. John Lennon, der am 08.12.80 von einem geistig verwirrten Attentäter erschossen wurde, hat unser Verständnis vom Popstar verändert.

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    Von
    • Markus Mayer

    John Winston Lennon war nicht nur der Leitwolf, der Anführer und die markante Stimme einer Pop- und Rock'n'Rollband aus Liverpool, die sich verniedlichend The Beatles nannte, also (und in eigenwilliger Schreibung): Die Käfer. Lennon nahm auch Tendenzen vorweg, die wir heute mit Pop als Kunstform in Verbindung bringen.

    1. Der Kunststudent

    Lennon war, als die Beatles gerade in ihren Anfängen steckten, Student der Liverpooler Kunsthochschule, als Zeichner und Graphiker war er halbwegs talentiert. Prosatexte und schnell hingeworfene Kritzeleien, die zeichnerische Begabung erkennen lassen, veröffentlichte er in zwei frühen Bänden, die "In His Own Write" (In seiner eigenen Schreibe) & "A Spaniard In The Works" (Ein Spanier macht noch keinen Sommer) heißen. Texte und Bilder, die seinen Hang zu hintersinnig-schrägem Humor und fast schon dadaistischem Wortwitz zeigen.

    Die Art Schools brachten ganze Legionen britischer Rockstars hervor, darunter Ron Wood und Keith Richards von den Rolling Stones, Bryan Ferry von Roxy Music, der Songschreiber Kevin Coyne oder Joe Strummer von den Clash, um nur einige zu nennen - Lennon war nur der erste. Bis in jüngste Zeit prägte diese Institution den Brit Pop: Der Vater von Damon Albarn, dem Sänger von Blur und später der Gorillaz, war Lehrer einer Art School.

    Lennon suchte deshalb auch die Nähe anderer Künstler. Er traf sich mit dem New Yorker Filmemacher Jonas Mekas oder ließ sich von Pop-Art-Papst Andy Warhol portraitieren. Von George, Paul und Ringo hat man nicht gehört, dass sie bewusst die Gesellschaft von KünstlerInnen anderer Gattungen gesucht hätten. Die große Wertschätzung moderner Kunst war schließlich auch bei Lennons Partnerwahl ausschlaggebend: Lennon verliebte sich in Yoko Ono, eine japanischstämmige Fluxus-Künstlerin, deren Name in jedem Lexikon für moderne Kunst zu finden ist.

    Auch wenn Lennon Pop-Musiker war, also einem lockeren Umgang mit leicht zu konsumierenden Kulturprodukten den Vorrang gab, so war er doch von europäisch geprägtem Kunstverständnis beeinflusst, wenn man das so sagen will, war mit missionarischem Sendungsbewusstsein ausgestattet, was sich unmittelbar auf seine kreative Arbeit bei den Beatles und als Solo-Künstler auswirkte.

    Bei der Produktion von "I'm Only Sleeping" (1966 auf dem Album Revolver) kam Lennon angeblich spät nachts übermüdet nach Hause, spulte ein Testband falsch auf seiner Tonband-Maschine ein und war vollkommen verblüfft von den Sounds, die so zu hören waren. Rückwärts abgespielte Tonspuren: Die Beatles waren die ersten, die diesen stilprägenden Kniff bei ihren Aufnahmen anwendeten.

    Auch als Textdichter ging Lennon ungewöhnliche Wege: Er vertonte das Bild, das sein Sohn Julian aus dem Kindergarten mit nach Hause brachte, in der Psychedelic-Ballade "Lucy In The Sky With Diamonds" oder verwendete den Text eines Zirkus-Plakats ("Being For The Benefit Of Mr. Kite") gleichsam als objet trouvé: Er sang die Textzeilen des Plakats eins zu eins als Liedtext.

    McCartney dagegen war vor allem darin gut, Genre-Stücke zu schaffen und leicht zu ironisieren: "Yesterday", "Honey Pie" oder "When I'm Sixty Four" zeigen dessen Hang zum behaglichen Songwriting. Lennon war derjenige, der den Mut hatte, dadaistische und surreale Ideen in Songs einzubauen. In Liedern wie "Help", "Mother" und "I Found Out" zeigte er mehr als andere von seinem inneren Selbst. McCartney hat sich anders als Lennon nie nackig gemacht vor dem Mikrofon.

    Heute erwarten wir von einem Songschreiber, einer Songschreiberin eine gewisse Ehrlichkeit, eine Unbestechlichkeit - wie das John Lennon vorgelebt hat.

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    1965 trat er noch ohne Lennon-Brille auf: John Lennon mit klassischer Pilzkopf-Frisur.

    2. Der Spaßvogel, der Vorreiter

    Lennon war lange Zeit der Anführer der Beatles, das Sprachrohr der Fab Four. Als die Gruppe in den Anfangstagen im Hamburger Starclub spielte, war er für die witzigen Zwischenmoderationen und Ansagen zuständig. Als die Beatles 1963 bei der Royal Variety Show auftraten, foppte Lennon die anwesenden Honoratioren, als er vor dem letzten Song das Publikum aufforderte, mitzuklatschen. Für die Herrschaften auf den oberen Ränge reiche es, wenn sie mit den Juwelen rasseln würden ("Rattle Your Jewelry"). Mit diesem Gag machte Lennon klar, dass die Beatles keine willfährigen, obrigkeitshörigen Entertainer waren, sondern sich durchaus zu Wort melden würden, wenn es die Situation verlangte.

    Was die Beatles und Lennon in großartigen Popsongs in extenso taten. Die Fab Four entwickelten, wie man dem Film "A Hard Day's Night" entnehmen kann, auch eine eigene Sprache. "Wo wollen wir hin?" fragte Lennon. "To The Toppermost Of The Poppermost, Johnny", antworteten die Freunde im Chor - ein typischer Lennon-Gag, der seinen anarchischen Sprachwitz zeigt.

    Beim letzten öffentlichen Auftritt der Beatles, dem überraschenden Rooftop-Konzert am 30. Januar 1969 in der Londoner Savile Row, hatte Lennon wieder in die Rolle des Spokesman zurückgefunden. "Ich möchte mich gerne im Namen der Gruppe bedanken und hoffe, wir haben die Aufnahmeprüfung bestanden", spöttelte er nach einem Song, der alsbald in die Popgeschichte eingehen sollte - ein höchst ironisches Resumé der Beatles als Erfinder des modernen Pop und erfolgreichste Boy Group der Popgeschichte.

    Dabei hat der Künstler Lennon, wie viele andere seiner Generation, so ziemlich alles ausprobiert, um Bewusstsein und sinnliche Erfahrungen zu erweitern, seine Selbstverwirklichung voranzutreiben: Drogen, Sex, eine Urschrei-Therapie nach Arthur Yanov und politisches Engagement. Ab 1975 folgte dann der totale Ausstieg, die Komplett-Verweigerung, wie das damals hieß, der Rückzug aus der Öffentlichkeit: Auch beim Klappehalten war der Ex-Beatle vornedran - wieder mal Avantgarde.

    Denn Mitte der 70er Jahre war klar, dass der Aufbruch, der in den 60er Jahren begonnen hatte, nicht zu einer Revolution, sondern nur zu einer leicht modifizierten Konsumgesellschaft geführt hatte. 1974, nach dem düsteren Solo-Album "Walls And Bridges", zog sich Lennon nach und nach aus dem öffentlichen Leben zurück. Er engagierte sich nicht mehr bei Demonstrationen oder Protest-Aktionen, stattdessen lebte er zurückgezogen, buk Brot in seiner Luxus-Wohnung im Dakota Building am New Yorker Central Park. Am Müllschlucker begegnete er hin und wieder Leonard Bernstein, dem Dirigenten und Komponisten der West Side Story, der ebenfalls im Dakota Building wohnte. Mit Yoko reiste er nach Japan und spielte Golf. Die weitgehend unaufgeregte Existenz eines Pop-Millionärs im Vorruhestand korrespondierte mit dem Verhalten vieler kritischer Geister, die der Meinung waren, man dürfe sich nicht beteiligen am Toben des ungebremsten Kapitalismus.

    Ähnlich verhielt sich übrigens auch Miles Davis. Der große Jazzmusiker zog sich Mitte der 70er Jahre ebenfalls zurück, machte keine Schallplattenaufnahmen, gab keine Konzerte, spielte nicht mal mehr Trompete. Er verfiel harten Drogen. Auch Lennon soll, munkeln Insider, während seines Rückzugs schwer drogenabhängig gewesen sein. Leisten konnte er es sich zumindest. 1980 kehrte er - ähnlich wie Miles Davis, allerdings ein Jahr später - mit einer Aufsehen erregenden Schallplatten-Produktion in das Licht der Öffentlichkeit zurück.

    3. Der Agit-Prop-Künstler

    Lennon war, wie er selbst wusste, kein großer Instrumentalist, dafür verfügte er über eine großartige Rock'n'Rollstimme und eine große Spürnase für Themen. Das Songbook, das er nach den Beatles geschaffen hat, liest sich wie ein Themenkatalog der Gegenkultur: Auf dem Album John Lennon/ Plastic Ono Band nahm Lennon aufgrund einer Psychoanalyse seine Biographie auseinander, er bekannte sich zum Trauma des früh verlassenen Kindes und ätzte auf dem Imagine-Album in "How Do You Sleep?" böse gegen McCartney, den früheren Songwriting-Partner.

    Wichtig aber waren die Songs, die er in der Manier von Agit-Prop-Kunstwerken in die Pop-Arena schleuste: Singles wie Give Peace A Chance, Instant Karma und Happy Xmas (War is over) sind heute Teil des kollektiven Bewusstseins, sie haben Lennons rebellische Attitüde salonfähig gemacht. Zu seinem Werk zählen auch die Interviews, die er gegeben hat, Zeugnisse der politisierten Sinnsuche jener Jahre. Von Elvis würde man wohl kaum ein Interview aus den 70er Jahren lesen wollen, bei Lennon ist das immer noch mit einem Erkenntnisgewinn verbunden.

    4. Der Lässige

    "Life Is What Happens While You Are Busy Making Other Plans" - "Leben ist was passiert, während wir Pläne für etwas anderes machen", formulierte Lennon lässig in "Beautiful Boy", einem Song, der seinem Sohn Sean gewidmet ist. Yoko Ono und er waren 1975 endlich Eltern eines gemeinsamen Kindes geworden. Die Zeile wurde zum Bonmot, zum geflügelten Wort einer Generation, die sich dann etwas verloren hat beim Austesten diverser Selbstverwirklichungsangebote.

    Trotz alledem gilt: Popstars wie John Lennon werden heute gar nicht mehr hergestellt.

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