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Nach Hanau: Warum Rassisten morden | BR24

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Autorin Karoline Schwarz über "Hasskrieger"

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Nach Hanau: Warum Rassisten morden

Wie konnte das passieren? Nach den Morden von Hanau ist das Entsetzen groß. Extremismus-Expertin Karoline Schwarz zerlegt im Buch "Hasskrieger" das Weltbild solcher Rassisten - ein krudes Konstrukt aus Selbstüberschätzung, Verachtung und Hass.

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Der Blick in den Abgrund hat 24 Seiten. Er beginnt mit einem absoluten Geltungsanspruch. „Dies ist eine Botschaft an das gesamte deutsche Volk“ steht da. Es ist das Schreiben des 43-Jährigen Mannes, der in Hanau neun Menschen und dann seine Mutter und sich selbst tötete.

Wiederkehrende Muster des globalen Rechtsextremismus

Rechtsextremismus-Expertin Karolin Schwarz erkennt in den Zeilen von Tobias R. bekannte rechtsextreme Narrative. Sie identifiziert insbesondere zwei wiederkehrende Muster: Die Konstruktion eines klaren Feindbildes und die Selbstinszenierung des Täters als Opfer. Als Opfer des Systems, der Staatsordnung, der Politik. Tobias R. schreibt, deshalb "bliebe ihm nichts Anderes übrig, als so zu handeln." Das Opfer-Narrativ für sich zu beanspruchen: eine wiederkehrende Erzählstrategie der globalen Rechten. Die Grenze des Sagbaren hat sich schon lange verschoben - und mit ihr auch die Grenze des Machbaren. "Wenn bestimmte Gruppen sich täglich und die ganze Zeit im Internet damit auseinandersetzen, inwiefern sie offenbar bedroht werden. Dann ist die nächste Logik eben auch der Schritt zur Gewalt für einige Täter, die wir in den letzten Wochen und Monaten gesehen haben“, sagt Karolin Schwarz. Die anderen seien Feinde, und man selbst das Opfer: Es diese verzerrte Weltanschauung, die großes Mobilisierungspotenzial besitzt. Karolin Schwarz hat gerade ein Buch geschrieben: "Hasskrieger". Darin analysiert sie präzise die Strategien rechter Mobilmachung.

Propaganda wird unterbewusst weitergetragen

Sie beschreibt darin auch, wie wir als Gesellschaft oft daran scheitern, dem Terror etwas entgegen zu setzen. Ein Beispiel: Viele Journalisten nennen den Text des Täters gerade ganz automatisch ein „Manifest“. Für Karolin Schwarz ein Problem. Denn diese Art der Sprache unterstütze die vom Täter beabsichtigte Arbeit am eigenen Mythos: "Das wertet das Ganze total auf", so Schwarz, "Das heißt, man wertet ein Pamphlet zu so etwas Theoretischem auf. Letztendlich ist es aber auch Teil dieser Propaganda der Tat, der wir nicht auf den Leim gehen sollten." Für sie heißt das aber nicht, dass Medien gar nicht über den Fall berichten sollten. Sie sollten nur mit der notwendigen Sensibilität vorgehen und sich nicht unbewusst gemein machen mit dem Täter.

Wie reagiert die rechte Filterblase im Netz auf die Gewalt?

Karolin Schwarz scrollt durch 4chan, ein frei zugängliches Internetforum der rechten Szene. Insbesondere viele Nutzer aus den USA sind aktiv: Die Tat in Hessen ist sofort auf einen globalen Resonanzboden gefallen. Wiederkehrend sind zwei nur scheinbar ganz unterschiedliche Reaktionen. Die einen feiern den Täter. Die anderen unterstellen: Das war gar kein Rechtsextremer, sondern eine von Linken orchestrierte Aktion, um rechte Ideologien zu diskreditieren. So werden alle im rechten Spektrum abgeholt: Diejenigen, die Gewalt ablehnen – und die, die sie bejahen, erklärt Schwarz: "Kognitive Dissonanzen und Widersprüche sind kein Einzelfall im rechtsradikalen Spektrum. Da muss man auch ganz klar sagen, dass es Teil der Verwirrungsstrategie ist."

Psychische Krankheit oder Rassismus?

Eine Gefahr, die Karolin Schwarz sieht, ist die Entpolitisierung der Gewalttat. Denn weil der Täter in seinem Text Wahnvorstellungen beschreibt, sprechen viele davon, dass es sich um die Tat eines psychisch Kranken handelt. Doch Tobias R. wählte seine Ziele nicht wahllos, sondern nach rassistischen Motiven aus. Dass sich psychische Gründe und eine politische Motivation nicht gegenseitig ausschließen, ist für sie eine der wichtigen Lehren aus den jahrelangen Diskussionen um den Anschlag auf das OEZ in München.

Das Buch "Hasskrieger“ von Karolin Schwarz kommt zum richtigen Zeitpunkt. Nach der Gewalttat in Hanau und wenige Tage nachdem in Deutschland mit der „Gruppe S.“ eine mutmaßlich rechte Terrorzelle verhaftet wurde, liefert sie eine kluge Analyse, die zeigt: Rechter Terrorismus folgt komplexen Strategien. Nur wer sie versteht, hat eine Chance sie zu durchbrechen.

Hasskrieger von Karoline Schwarz ist im Herder Verlag erschienen.

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