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© BR / Simon Berninger
Bildrechte: Henry Frömmichen

Henry Frömmichen wollte katholischer Priester werden. Nach einem Selfie mit einem homosexuellen TV-Prominenten musste der 21-Jährige im Münchner Priesterseminar die Koffer packen. Der Fall zeigt den widersprüchlichen Umgang der Kirche mit Sexualität.

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Nach Foto mit schwulem "Bachelor": Priesterseminarist muss gehen

Henry Frömmichen wollte katholischer Priester werden. Nach einem Selfie mit einem homosexuellen TV-Prominenten musste der 21-Jährige im Münchner Priesterseminar die Koffer packen. Der Fall zeigt den widersprüchlichen Umgang der Kirche mit Sexualität.

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Von
  • Simon Berninger

Henry Frömmichen hatte einen Traum: Er wollte katholischer Priester werden. Im Herbst 2020 zieht der 21-Jährige dafür ins Münchner Priesterseminar St. Johannes der Täufer. Drei Monate später platzt der Traum wie eine Seifenblase. Im offiziellen Schreiben vom 30. November heißt es zur Begründung: "Ihr Umgang mit sozialen Medien lässt erkennen, dass sie derzeit nicht die für eine Ausbildung zum Priester geeigneten Voraussetzungen mitbringen."

Auf Instagram hatte Henry Frömmichen zuvor ein Bild gepostet von sich und "Prince Charming", einem Schwulen auf Partnersuche in einer Reality-Show im Privatfernsehen. Ein Schnappschuss vor der Münchner Theatinerkirche; dort traf Frömmichen zufällig auf den schwulen "Bachelor", wie er sagt, den er aus den Sozialen Medien kannte. "Ich hab keine einzige Folge von 'Prince Charming' gesehen. Was auch ganz lustig ist: Um mich herum haben’s dann alle gesehen, auch die im Priesterseminar, nur ich nicht."

Papst Benedikt XVI. untersagte Priesterweihe für Homosexuelle

Doch das Selfie mit dem TV-Protagonisten zieht ernsthafte Konsequenzen nach sich: Nach dem Foto-Posting endete Frömmichens Traum vom katholischen Priesteramt. Dafür war er aus einer baden-württembergischen Kleinstadt eigens nach München gezogen, hatte seinen bisherigen Beruf als Bestatter und auch seine langjährige Beziehung aufgegeben.

Darüber habe Frömmichen auch mit dem Leiter des Priesterseminars gesprochen, ehe dieser ihn aufnahm. Unerwähnt ließ er, dass es ein Mann war, mit dem er eine Beziehung hatte. Denn er weiß, er selbst meint es zwar ernst mit Priesterberuf und Zölibat, die katholische Kirche aber verbietet es offiziell, homosexuelle Männer zu Priestern zu weihen. Darauf verpflichtete Joseph Ratzinger seine Kirche noch im ersten Jahr seiner Amtszeit als Papst Benedikt XVI. Homosexuelle, so die Begründung, seien in einer Situation, "die sie in schwerwiegender Weise daran hindert, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen".

Regens fordert "gesundes Beziehungsgefüge zu Männern und Frauen"

Der Leiter des Münchner Priesterseminars, Regens Wolfgang Lehner, beschreibt die Kriterien bei der Auswahl von Priesteramtskandidaten dagegen weniger strikt: "Wenn jemand homosexuell geprägt ist, es aber schafft, unaufgeregt ein gesundes Beziehungsgefüge zu Männern und zu Frauen zu entwickeln, wenn also dieses Thema der Sexualität nicht dauernd im Vordergrund steht, für den sehe ich keinen Grund, warum er nicht Priester werden kann." Zum Fall von Henry Frömmichen konkret will sich der Regens nicht äußern; aus datenschutzrechtlichen Gründen. Auch die Pressestelle des Erzbistums München und Freising reagiert auf Anfrage nicht.

Ex-Seminarist spricht von "Falschheit und Doppelmoral"

Der Rauswurf, laut Schreiben vom 30. November "nach Rücksprache mit Erzbischof Reinhard Kardinal Marx" erfolgt, ist für Henry Frömmichen jedenfalls symptomatisch für die katholische Kirche und ihr Verhältnis zu Homosexualität: "Weil es einfach diese Falschheit und Doppelmoral ist, wie es in unserer Kirche zugeht: Sobald irgendetwas im Zusammenhang mit diesem Thema an die Öffentlichkeit geht, so wie jetzt beispielsweise dieses Bild, das ich hochgeladen habe, das ist auf Instagram, das ist öffentlich – und zack, wird man abgesägt. Aber solange nicht drüber gesprochen wird, ist alles in Ordnung."

Demgegenüber wollte Frömmichen mit seinem Foto vom schwulen TV-Star zeigen, dass er als angehender Priester keine Hemmungen hat, offen über Homosexualität zu sprechen. Propaganda für die Dating-Show "Prince Charming" lag ihm dabei fern. Doch eben dies habe der Regens ihm unterstellt, als er ihn zum Gespräch bittet, ehe er ihm das offizielle Austrittsschreiben ausstellt. Das Angebot, vorübergehend in eine Wohnung der Kirche zu ziehen, lehnte Frömmichen ab. Er wird selbst fündig und findet in München schnell eine Anstellung in seinem alten Beruf als Bestatter.

Papst Franziskus: Kirche muss sich bei Homosexuellen entschuldigen

Doch der geplatzte Traum vom Priestertum hängt ihm nach, Frömmichen schreibt an den Erzbischof von München und Freising. Kardinal Reinhard Marx bedankt sich darauf für den "langen Brief", schreibt ihm: "Wenn der Ruf des Herrn weiter in Ihnen arbeitet, wird Er Ihnen den Weg weisen! Wir werden sehen." Ein Wort des Bedauerns bleibt aus; auch wenn Marx vor fünf Jahren selbst forderte, die Kirche müsse sich bei Homosexuellen entschuldigen, weil sie viel dazu beigetragen habe, sie zu marginalisieren. Dem stimmte Papst Franziskus bei, als ihn Journalisten auf der Rückreise von Armenien nach Rom danach fragten.

Im März dieses Jahres kommt dann aus Rom das neuerliche Nein zu Segnungsfeiern für homosexuelle Paare. Für Henry Frömmichen ist das der Anlass, seine Geschichte öffentlich zu machen - einmal mehr auf Instagram, wo er seinem Ärger in einem Video Luft macht. Dort ist auch wieder sein Foto mit "Prince Charming" zu sehen, das er nach seinem Rausschmiss zunächst gelöscht hatte. Nach dem Motto: Jetzt erst recht. Nach dem gleichen Motto ist Frömmichen auch weiterhin in der katholischen Kirche: "Jetzt bleib ich erst recht in der Kirche und schau, wie ich für meine Kirche kämpfen kann."

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