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Game of Testosterons: Nürnberg nimmt "Lohengrin" auf die Hörner | BR24

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Wagners Gralsritter-Drama als grellbunte Germanen-Sause in Fantasy-Optik: David Hermann und sein Team lassen neben Lohengrin gleich auch noch Wotan, Parsifal und die Walküren auftreten. Serien-Fans werden begeistert sein - und nicht nur die.

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Game of Testosterons: Nürnberg nimmt "Lohengrin" auf die Hörner

Wagners Gralsritter-Drama als grellbunte Germanen-Sause in Fantasy-Optik: David Hermann und sein Team lassen neben Lohengrin gleich auch noch Wotan, Parsifal und die Walküren auftreten. TV-Serien-Fans werden begeistert sein - und nicht nur die.

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Gar nicht so einfach zu entscheiden, welches Stück da eigentlich in Nürnberg Premiere hatte. Auf der Bühne standen Parsifal, Lohengrin, aber auch Wotan und seine Walküren und jede Menge Fantasy-Gestalten. Also vielleicht doch die letzte Staffel von "Game of Thrones", die Serie, für die sich derzeit nicht wenige Leute die Nacht um die Ohren schlagen? Auf jeden Fall kämpfen ziemlich wilde Typen mit allen Mitteln um die Macht, und Richard Wagner ist ja rein musikalisch betrachtet sowieso der Ahnherr der Filmmusik. Deshalb orientiert sich ja auch der Deutsch-Iraner Ramin Djawadi an ihm, der Mann, der schon sechzig Stunden Soundtrack für "Game of Thrones" komponiert hat.

© Bettina Stoess/Staatstheater Nürnberg

Heute gibt es Wildschwein!

Grellbunter Heiden-Spaß

Mythen sind jedenfalls wieder gefragt, je düsterer und gewalttätiger, desto erfolgreicher. Deshalb ist es natürlich kein Zufall, dass Opernregisseur David Hermann seinen "Lohengrin" am aktuellen Fantasy-Serienboom orientierte, und selbstverständlich wird nicht an einem imposanten Thron gespart, auf dem zum Finale, anders als bei Wagner, der Bösewicht Platz nimmt. Einige Zuschauer fühlten sich von dem wortwörtlichen und grellbunten Heiden-Spaß wohl überfordert, jedenfalls gab es am Ende heftige Proteste gegen das Regieteam, aber auch viel Beifall. Und natürlich wird es sicher wieder nicht an gescheiten Leuten fehlen, die darauf hinweisen werden, dass die alten Germanen in Wirklichkeit gar keine Hörner auf dem Kopf trugen. Aber es sieht halt so schön rabiat und unchristlich aus.

© Bettina Stoess/Staatstheater Nürnberg

Nie sollst du mich befragen

Lohengrin in roten Pailletten

Herrlich, was Kostümbildnerin Katharina Tasch da alles eingefallen ist und alle Achtung, wie viele Meter Stoff und Flitter die Werkstätten da vernäht haben. Da marschierten die ungezähmten Friesen mit Helm, Zottelmähne und Schwert auf, während die schon bekehrten Sachsen mit ihren blonden Perücken und ovalen Schildern an den edlen "Prinz Eisenherz" erinnerten. Lohengrin und seine Gralsritter versammeln sich als Außerirdische mit Sonnenbrillen und roten Pailletten-Hosen um eine Art Astro-Büro, Gegenspielerin Ortrud trägt wacklige Stierhörner spazieren und Elsa, die Reine, sieht verdächtig aus wie die ganz junge Marianne Faithfull, die auf der Londoner Carnaby Street irgendwo falsch abgebogen ist und sich in die falsche Serie verlaufen hat. Kurz und gut: Das ist optisch alles irre, so überdreht, aberwitzig und camp wie der Kaffeebecher, der kürzlich durch eine Unaufmerksamkeit der Filmemacher in der mittelalterlichen Welt von "Game of Thrones" zu sehen war.

© Bettina Stoess/Staatstheater Nürnberg

Ortrud und Elsa schenken sich nichts

Es macht ungeheuer gute Laune, diesem "Lohengrin" zu folgen, es ist kurzweilig, spannend, witzig, auch, weil Ausstatter Jo Schramm ein sagenhaft kompliziertes Bühnenbild gelungen ist. Ein Wald von weißen Stangen hängt ins Bild, Symbol für die bizarre Traumwelt, die hier illustriert wird, und durch die raffinierte Hängung der Stangen entstehen immer neue, magische Räume. Letztlich erzählt David Hermann seinen "Lohengrin" als Kampf zwischen Wotan und Parsifal, beide mit stummen Statisten besetzt, die für Heidentum und Christentum stehen, für alt und neu, für Wildheit und Zivilisation. Dass letztere unterliegt, ist keineswegs weit hergeholt, schließlich verlieren die Kirchen massiv Mitglieder, wird die westliche Welt immer materieller, und erfreut sich nebenbei an den abgefahrensten Mythen und Fabeln, siehe TV-Serien.

© Bettina Stoess/Staatstheater Nürnberg

Wotan wird handgreiflich

Musikalisch waren der südkoreanische Bariton Sangmin Lee und die schwedische Mezzosopranistin Martina Dike als Telramund und Ortrud das Paar des Abends. Grandios schauspielernd, mit auftrumpfenden Stimmen, flutender Energie, mit martialischem Ausdruck und beeindruckender Textverständlichkeit sangen sie alle an die Wand. Achtbar zeigte sich Eric Laporte als Lohengrin, wenn ihm rein äußerlich und auch stimmlich auch alles Ätherische, Abgehobene fehlte. Emily Newton als Elsa neigte zum Lispeln und war nicht ganz textsicher, sorgte aber für gewollte Lacher, als sie unerschrocken im Mieder auftrat. Der Chor, der hier viel beschäftigt ist, schien ausgelassene Freude an Met und Wildschwein zu haben - wahrscheinlich gibt es auch dort zahlreiche Fantasy-Fans.

Mehr Drama als Poesie

Dirigentin Joana Mallwitz, derzeit unter Opernfreunden ganz hoch gehandelt, ballte häufig die Faust, ein Zeichen dafür, dass sie ganz viel wollte, Krafteinsatz bewies, allerdings wohl nicht immer ihr Ziel erreichte. Das Vorspiel war noch nicht überzeugend, wohl aber der wild bewegte Auftakt zum dritten Akt. Am epischen Drama scheint Mallwitz klanglich noch mehr Freude zu haben als an der feinen Poesie, aber das passte ja vorzüglich zu diesem recht effektvollen Gesamtkonzept, das nicht wenige wohl effekthascherisch nennen werden. Gleichwohl ein Riesenerfolg für das Staatstheater Nürnberg.

Wieder am 30. Mai, sowie am 2., 8., 16. und 29. Juni, weitere Termine.

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