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Nach dem Tod der Staubsauger: "7 Deaths of Maria Callas" | BR24

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Die prominente serbische Performance-Künstlerin Marina Abramović widmete sich an der Bayerischen Staatsoper dem Leben und Leiden der Operndiva Maria Callas und ließ sie gleich acht Mal hintereinander sterben. Die Schmerz-Expedition blieb zwiespältig.

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Nach dem Tod der Staubsauger: "7 Deaths of Maria Callas"

Die prominente serbische Performance-Künstlerin Marina Abramović widmete sich an der Bayerischen Staatsoper dem Leben und Leiden der Operndiva Maria Callas und ließ sie gleich acht Mal hintereinander sterben. Die Schmerz-Expedition blieb zwiespältig.

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Damit ist also endlich geklärt, was nach dem Tod kommt: Die Reinigungskolonne mit Staubsauger, Besen, Desinfektions-Spray und viel schwarzem Taft zum Abdecken der Möbel. Und was vom Menschen bleibt, ist allenfalls die Stimme aus dem Lautsprecher des Plattenspielers, die vom tiefen Schmerz kündet, durch den dieses Leben hindurch musste. Penibel haben die Werkstätten der Bayerischen Staatsoper das Schlafzimmer von Maria Callas in der Pariser Avenue Georges-Mandel Nr. 36 nachgebaut, mit Wandspiegel, Gemälden, Sitzecke und Blumenvase.

Offiziell starb die Callas am Herzinfarkt

Hier liegt die berühmte Sopranistin, womöglich die größte und glaubwürdigste Opernheldin aller Zeiten, am 16. September 1977 tot im Bett, gestorben am gebrochenen Herzen, also aus unbewältigter, ungestümer Liebe, wie die ebenfalls weltweit bekannte und gefeierte serbische Performance-Künstlerin Marina Abramović meint. Offiziell war es ein Herzinfarkt, aber fest steht, dass die Callas den Tod ihres langjährigen Geliebten Aristoteles Onassis, der sie bekanntlich nie geheiratet hat, nicht verwinden konnte. Sie vergräbt sich in Trauer, Angst und Verzweiflung.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Im Griff der Würgeschlange

Sage und schreibe acht Mal stirbt die Callas in diesen rund 90 Minuten auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper, zunächst sieben Mal in ihren Glanzrollen aus den Opern von Donizetti bis Puccini, als Violetta ("La Traviata"), Tosca, Desdemona ("Otello"), Cio-Cio-San ("Madama Butterfly"), Carmen, Lucia di Lammermoor und Norma. Sie wird von der Tuberkulose dahingerafft, von einer Würgeschlange erdrosselt, vom Liebhaber erdolcht, sie verbrennt und stürzt vom Wolkenkratzer, sie wird Seuchenopfer und geht am Wahnsinn zugrunde.

Oper ist ein blutiges Geschäft

Oper ist bekanntlich ein blutiges Geschäft: Am Ende sind meist alle tot, vor allem die Frauen, und bei der Callas war das echte Leben eben auch Oper, womöglich sogar die ergreifendste, in der sie je aufgetreten ist. Schon als Teenager war Marina Abramović nach eigener Aussage von dieser Stimme, diesem Schicksal zutiefst ergriffen - daraus wurde eine lebenslange Leidenschaft, nicht zuletzt deshalb, weil sie später auch selbst eine schwierige Trennung und den Tod ihres Geliebten bewältigen musste. Sie kennt also die Wunden, die das Leben schlägt und wollte mit diesem Abend vom Schmerz berichten, der letztlich in jedem verborgen ist - muss sich doch jeder mit seiner Endlichkeit auseinandersetzen, seiner Sterblichkeit und seinem Leiden abfinden.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Violettas Bett: Willem Dafoe (links) tröstet

Im Programmheft der Bayerischen Staatsoper wird Marina Abramović mit dem Satz zitiert: "Jedes Mal, wenn ich Angst vor etwas habe, weiß ich, dass es etwas Wichtiges ist". Das wird nicht jeder als Trost empfinden. Und so stirbt Abramović in der Rolle der Maria Callas am Ende noch einen achten Tod, erhebt sich als eine Art Astralkörper vom Sterbelager, irrt noch einmal im Morgenlicht umher und geht durch die Badezimmertür ins Nichts, bevor die erwähnten Putzfrauen hereindrängen, die zuvor nacheinander die berühmten Callas-Arien gesungen haben. Die Staatsoper bot dazu sieben Sopranistinnen auf, die ihre Rollen stimmlich höchst unterschiedlich interpretierten und schauspielerisch kaum jemals Gelegenheit bekamen, eine Charakterstudie abzuliefern, mussten sie doch im wenig kleidsamen Grau unscheinbar hinter einem Gaze-Vorhang auftreten, während über ihnen eingespielte Filmszenen mit Abramović alle Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Leises Gekicher im Publikum

Was diesen Abend trotz der sagenhaften Ausstrahlung der Performerin doch etwas seltsam machte, war die einigermaßen bizarre Bildsprache (Filmregie: Nabil Elderkin) zwischen Opernsatire und Hollywood-Saga . Wabernde Wolken wie im Fantasy-Epos, und immer wieder unfreiwillig komische Momente, die im Publikum hier und da für leises Gekicher sorgten, etwa, wenn die Abramović vom Hochhaus auf ein Autodach springt und im Sturz ihre Ohrringe im Wind klappern, oder auch wenn sie als Carmen im recht drallen Torero-Look erscheint und von ihrem Don José auch noch dekorativ gefesselt wird. Die Männerrollen im Film hatte übrigens kein Geringerer als Hollywood-Star Willem Dafoe übernommen.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Fixiert vom Schicksal

Erschütterung wollte sich bei dieser biederen Optik nicht einstellen, da konnte auch das augenfällige Goldlamé-Kleid nichts rausreißen, das Abramović zum Finale trug. Der Beifall blieb höflich bis freundlich, es gab aber auch viele konsternierte Mienen im Publikum. Mag sein, dass das auch an der Musik des serbischen Komponisten Marko Nikodijević lag, der dieses Callas-Requiem mit epischer Breite kommentierte, wie eine Bombast-Mischung aus "Quo Vadis", "Parsifal" und "Herr der Ringe".

"Schmerz ist die Tür zu Geheimnissen"

Der israelisch-amerikanische Dirigent Yoel Gamzou ließ sich von der üppigen Instrumentation zu einer vergleichsweise derben Gangart auch bei den anderen Komponisten wie Donizetti und Verdi verleiten. Innigkeit kam da selten auf. Gleichwohl ein bemerkenswerter Abend an der Bayerischen Staatsoper, die erstmals in der Pandemie 500 Besucher empfing, ein Pilotversuch, der bis Ende September ausgewertet werden soll. Die Masken durften während der Vorstellung abgenommen werden, aber nicht jeder Zuschauer traute sich. Abramović würde sagen: Schmerz ist die Tür zu Geheimnissen - manchmal eben auch die Badezimmertür.

Wieder am 3., 5. und 6. September an der Bayerischen Staatsoper in München.

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