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Ismael Ivo

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    Nach Corona-Infektion: Choreograph Ismael Ivo gestorben

    Der gebürtige Brasilianer arbeitete am Deutschen Nationaltheater in Weimar, beim ImPuls-Tanzfestival in Wien und leitete die Tanz-Sparte der Biennale in Venedig. Seit 2017 war als Chef des Balletts von São Paulo tätig. Er wurde 66 Jahre alt.

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    Von
    • Peter Jungblut

    "Ich bin ein Optimist, noch immer, aber es ist nicht leicht. Wir leben in schwierigen Zeiten", so Ismael Ivo in einem Interview mit der österreichischen "Presse" im Juni 2016: "Wir können die Probleme nicht lösen, aber die Kunst kann sie reflektieren. Mein Körper war immer politisch." Er erinnerte daran, dass er aus einfachen Verhältnissen kam, der Vater war Bauarbeiter, die Mutter Putzfrau. Schon als Kind habe er Freude an Bewegung gehabt, so sehr, dass seine Mutter schon gefürchtet habe, er werde sich noch die Beine brechen, weil er sich so rasant um sich selbst drehte. Ein "Traum" sei der Tanz für ihn nicht gewesen. Die Anfänge waren auch ziemlich brotlos, er verlegte sich auf Straßenkunst im Ausgehviertel Bela Vista - mit ausdrücklicher Genehmigung der Polizei.

    "Ich mag Europa, weil seine Menschen immer wieder neue Übersetzungen für ihr Leben und ihre Situation finden", so Ivo, was aus dem Munde eines Sohnes der Metropole São Paulo sicherlich ein bemerkenswertes Lob ist, schließlich gehört die Stadt mit zwanzig Millionen Einwohnern zu den quirligsten und anstrengendsten Orten der Welt. "Sie geben neuen Gedanken Raum. Brasilien bleibt immer Brasilien. Man sagt, die Afrikaner neigten mehr dazu, glücklich zu sein, und sie seien stärker mit der Natur verbunden als die Europäer. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Sicher ist, dass wir die Unterschiede zwischen uns allen als einen Vorteil erkennen müssen."

    Für ARTE zog er mit Marina Abramović "durch die Nacht"

    Geboren wurde Ivo 1955 in São Paulo, er studierte ab 1976 am örtlichen Dance Center Ruth Rachou Drama und Tanz. 1983 wird er nach New York ans Alvin Ailey Dance Center eingeladen, 1985 wechselt er nach Europa, mit Karl Regensburger gründete er in Wien das renommierte ImPuls-Tanzfestival. Von 1997 bis 2000 war er Chefchoreograph am Deutschen Nationaltheater (DNT) in Weimar, von 2005 bis 2012 Direktor der Tanz-Biennale in Venedig, wo er bisweilen für "altbackene" Produktionen und "Ethno-Klischees" attackiert wurde. Er arbeitete mit erstklassigen Künstlern der Ballettszene zusammen, darunter Pina Bausch, der amerikanische Choreograph William Forsythe und die serbischen Performerin Marina Abramović, mit der zusammen er 2003 auch für ARTE in der Kult-Sendung "Durch die Nacht mit..." auftrat.

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    Bildrechte: Eventpress Hoensch/Picture Alliance

    Als "George" in den "120 Tagen von Sodom" 2015

    Seit Januar 2017 leitete er ebenfalls als Direktor das Balé da Cidade de São Paulo am Theatro Municipal, gemeinsam mit Musikdirektor Roberto Minczuk teilte er sich die künstlerische Leitung des gesamten Hauses. Dabei wollte er das 34-köpfige Ensemble "für innovative künstlerische Sprachen und Techniken sowie für neues choreografisches Material" öffnen.

    Allerdings litt Ivo unter gesundheitlichen Beschwerden. Im vergangenen Juni erlitt er zwei Schlaganfälle, von denen er sich jedoch erholt haben soll. Nach Angaben des Managements von Ivo starb der Tänzer und Choreograph an den Folgen einer Corona-Infektion.

    In der Tanzszene gehört Ivo zwar zu den weltweit prominenten, aber auch umstrittenen Künstlern. Für den "Spiegel" war er ein "brasilianischer Schönling und Tanznarziss", die "Süddeutsche Zeitung" kritisierte ihn mal wegen seiner angeblich "selbstverliebten Extrovertiertheit". Noch die "größte Verlorenheit", so hieß es in einer "Spiegel"-Kritik vom April 1994, wirke bei dem Tänzer "nett, rund und selbstbeflissen".

    Die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler reagierte bestürzt auf die Nachricht vom plötzlichen Tod des international renommierten Choreografen, Tänzers, Festivalleiters und Lehrers: "Ismael Ivos unverwechselbarer Stil als Tänzer und Choreograf nährte sich aus einem umfassenden rationalen und emotionalen Wissen."

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