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Muttis falsche Tränen: "Agrippina" an der Bayerischen Staatsoper | BR24

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Intrigen in Rom: Elsa Benoit (Poppea) und Alice Coote (Agrippina, rechts)

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Muttis falsche Tränen: "Agrippina" an der Bayerischen Staatsoper

Sie macht den Weg frei für Nero: Mit Intrigen und Körpereinsatz verschafft Agrippina ihrem Sohn den Thron. Barrie Kosky inszeniert das in München als Führungskräfte-Hölle, bei der alle lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Das Publikum war angetan.

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Gemessen an den heutigen "Helikopter"-Eltern, die ihre Kinder nicht aus den Augen lassen, war die römische Kaisergattin Agrippina sicherlich eine "Bomber"-Pilotin. Für ihren Sohn Nero räumte sie alle Hindernisse aus dem Weg. Das wurde ihr bekanntlich nicht gedankt, er ließ sie ermorden, nachdem ein fingierter "Unfall" nicht tödlich gewesen war. Kein Wunder, dass es die gebürtige Kölnerin mit ihrer wilden Verwandtschaft, darunter ihr Bruder Caligula, in die Geschichtsbücher schaffte und allemal zur Opernheldin taugt.

Hier lügt wirklich jeder

Händel machte aus dem Stoff 1709 eine Mischung aus "House of Cards" und "Denver Clan", also ein süffiges Intrigenspiel, bei dem wirklich jeder lügt, wenn er den Mund aufmacht und ein paar Tränen verdrückt, wenn es ihm Vorteile verschafft. Der Legende nach kritisierte Textdichter Vincenzo Grimani, ein kunstsinniger Kardinal, damit den damaligen Papst und dessen Hof. An der Bayerischen Staatsoper inszenierte Barrie Kosky diesen Barock-Reißer als Führungskräfte-Hölle, wo jeder jeden auszubooten versucht.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Eine schrecklich nette Familie: Nero und sein Hofstaat

Agrippina, gespielt von der britischen Mezzo-Sopranistin Alice Coote, sieht so tantenhaft aus wie Miss Marple und ist so gerissen wie Mata Hari. Ihr Mienenspiel ist teuflisch unterhaltsam, ihre emotionalen Wendungen so rasant, dass dabei die Reifen quietschen, mit denen sie alles plattmacht.

Fades Bühnenbild in Edelstahl

Leider hatte Bühnenbildnerin Rebecca Ringst dafür eine ziemlich öde Kulisse entworfen: Ein Gestänge aus Edelstahl und blickdichten Jalousien, das wohl einerseits möglichst kalt wirken sollte und andererseits mit seinen verwinkelten Räumen und einer Showtreppe Sinnbild war für die unübersichtlichen Verhältnisse in einem Palast, wo hinter jeder Ecke ein Meuchelmörder stehen könnte. Über vier Stunden hinweg wirkte das arg fade, zumal sich einzelne Elemente ohne ersichtlichen Grund ständig um sich selbst drehten und der gleißende Edelstahl durch die Fingerabdrücke immer unansehnlicher wurde.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Mutti ist die Beste: Nero und Agrippina

Das riss auch die blütenweiße Saftbar der intriganten Poppea nicht mehr heraus, in der Kosky in der letzten Stunde noch kräftig Boulevardklamauk veranstaltete, bei dem sich drei Kerle hinterm Sofa versteckten. Poppea, mit viel ausgelassener Spiel- und Lebensfreude dargestellt von der französischen Sopranistin Elsa Benoit, war ja tatsächlich heiß umschwärmt und wurde später Neros Frau - auch sie endete unglücklich. Er soll sie hochschwanger eine Treppe heruntergestoßen haben.

Nero als Grufti mit Schädeltattoo

In Händels "Agrippina" ist davon noch keine Rede, hier wird ja sein Aufstieg geschildert, nicht seine Gräueltaten. Bei Kosky ist Nero ein schwer nihilistischer, offenbar verhaltensgestörter Grufti in schwarzen Klamotten und mit Schädeltattoo. Viel Gutes ist von ihm definitiv nicht zu erwarten. Der argentinische Countertenor Franco Fagioli macht seine Sache stimmlich wie schauspielerisch ausgezeichnet: Linkisch schlurft er um seine dominante Mutter herum, überfordert von deren Ehrgeiz. Allerlei Hofschranzen schauen gern dabei zu und versuchen, sich ihren Anteil vom Kuchen zu sichern.

Am Ende wird Nero tatsächlich Kaiser und Agrippina verschwindet erleichtert in ihr Gemach, wo sie von ihrer inneren Leere angegähnt wird, sich zwingt, die Fassung zu bewahren und letzte Kräfte mobilisiert. Das hat Barrie Kosky dazu erfunden: Statt wie zu Händels Zeiten die Oper mit heiteren Ballett-Tänzen zu beenden, sinniert die Titelheldin im schwarzen Hosenanzug zu einem langsamen Satz aus einem Händel-Oratorium. Das ist fraglos eine starke und aktuelle Bildsetzung, denn auch heute noch gilt ja die Erkenntnis, dass es in den Etagen der Mächtigen selten um wirklich Wichtiges geht, umso häufiger dagegen um eigene Kompetenzen, Pfründe, Duftmarken und Seilschaften.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Agrippina in den Charts?

Der britische Dirigent Ivor Bolton drückte zurecht sehr aufs Tempo, um Schwung und Witz in diesen langen Abend zu bringen. Das gelang ihm nach der Pause besser als vorher. Bei den Improvisationen, wie sie für die Barock-Oper typisch sind, wären noch deutlich schrägere Akzente denkbar gewesen - so klang es recht weich für eine so harte Handlung. Das Publikum war ganz überwiegend angetan, wenn auch nicht hellauf begeistert, von einigen beharrlichen Buhrufern abgesehen. Aber in München ist diese "Agrippina" ohnehin nicht oft zu sehen: Sie geht nach London, Amsterdam und Hamburg.

Wieder am 26., 28. und 30. Juli 2019 im Prinzregententheater München (ausverkauft).

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