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Mut zur Liebe: Bildband dokumentiert 100 Jahre Männer-Paare | BR24

© Elisabeth-Sandmann-Verlag München

Entschlossen zu lieben: Männerpaar

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Mut zur Liebe: Bildband dokumentiert 100 Jahre Männer-Paare

Die beiden Foto-Sammler Hugh Nini und Neal Treadwell trugen 350 Aufnahmen von Männer-Paaren zusammen. Bilder aus den USA, Europa und Asien, die meist Unbekannte aus der Ära von 1850 bis 1950 zeigen - die den Mut hatten, zur ihrer Neigung zu stehen.

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Fast überall dort, wo diese Bilder entstanden, war Homosexualität nicht nur verboten, sondern wurde auch gesellschaftlich scharf geächtet. Insofern ist es fast schon ein Wunder, dass so viele Fotos von sich liebenden Männern entstehen konnten. Hugh Nini und Neal Treadwell, die beiden, die diese Sammlung zusammentrugen, achteten dabei nach eigener Aussage vor allem auf die Augen der Abgebildeten. Diese Blicke "voller Zuneigung und Liebe" seien so deutlich, dass die Paare ihre Gefühle "unmöglich verbergen können", so Régis Schlagdenhauffen, der das Vorwort zu diesem faszinierenden Bildband schrieb.

"Spiel mit dem Inneren und dem Äußeren"

"Aufnahmen von Männer-Paaren aus ländlichen Gebieten, aus der Zeit, als der amerikanische Westen erobert wurde, geben Einblick in eine Vergangenheit, die bis heute nur wenig dokumentiert ist", so Schlagdenhauffen, der an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris die Sozialgeschichte der Sexualität unterrichtet. Er verweist darauf, dass auf den hier gedruckten Fotos nicht nur jeweils zwei oder mehr Männer zu sehen sind: "Sie sind ein Spiel mit dem Inneren und dem Äußeren, ein Spiel, bei dem der verschlungene Weg vom Schatten ins Licht nachgezeichnet wird, der aus einer vielleicht nur heimlich im Schutz der eigenen vier Wände gelebten Homosexualität Schritt für Schritt hinaus in die Welt führt."

Wer den Bildband zur Hand nimmt, betrachtet also nicht nur Doppelporträts, sondern macht sich beim Durchblättern auf den Weg durch die langwierige und schwierige Emanzipationsgeschichte der Homosexuellen in aller Welt.

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Selbstbewusste Blicke

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Kecke Blicke

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Feine Herren

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Vor dem Heu: Ländliche Idylle

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Unter dem Sonnenschirm

"Unsere Sammlung nahm ihren Anfang vor zwanzig Jahren, als wir zufällig auf ein altes Foto stießen, das wir für einmalig hielten. Dieser Originalabzug zeigte zwei junge Männer, die sich umarmen und einander in die Augen schauen – ganz offensichtlich verliebt", so Hugh Nini und Neal Treadwell.

Inzwischen haben die beiden 2.800 Originalfotos zusammengetragen auf ihrer nimmermüden Suche nach historischen Abbildungen von Männerpaaren. Diese Arbeit nennen sie selbst eine "Rettungsmission", hatten die Bilder doch bis zu 170 Jahre "überlebt" und schwebten in Gefahr, jederzeit vernichtet zu werden.

Sammler: "Wir müssen überzeugt sein"

"Für das Sammeln solcher Fotos gibt es keine einfachen, klar definierten Kriterien", so die Sammler. Eine herzliche Umarmung zwischen Männern sei auch vor hundert Jahren nichts Besonderes gewesen, solche Fotos hätten Händler völlig legal in Umlauf gebracht, das sei also nicht das Spektakuläre an den Bildern.

"Wenn wir überlegen, ob wir eine Aufnahme oder einen Schnappschuss kaufen oder nicht, folgen wir einer festen Regel. Wir nennen sie die 50-50-Regel: Wir müssen davon überzeugt sein, dass die zwei Männer vor unseren Augen mit mindestens 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Liebesbeziehung haben. In der Sammlung gibt es nur wenige Fotos, bei denen uns das nur zu 50 Prozent wahrscheinlich erscheint, und im Buch kein einziges."

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Buchcover

Da die jüngsten Aufnahmen auch schon mindestens 70 Jahre alt sind, sei es äußerst unwahrscheinlich, so die Sammler, dass noch jemand der Abgebildeten am Leben sei. Nur sehr wenige sind namentlich bekannt, darunter zwei Soldaten der 42. Infanteriedivision, der "Rainbow Division". Die Namensgebung hat dabei nichts mit der heutigen Bedeutung des Regenbogens als Symbol für die queere Bewegung zu tun und ist rein zufällig. Vielmehr war diese Division diejenige, die 1945 das Konzentrationslager Dachau befreit hat. Sie marschierte danach bis nach Kitzbühel.

Selbstauslöser gibt es seit 1902

Es stelle sich die Frage, wer die teilweise sehr intimen Aufnahmen gemacht hat, so die Sammler. Und sie haben darauf eine mögliche Antwort: "Viele Fotos in unserer Sammlung zeigen Freunde oder Familienangehörige, die diesen Männern gewogen waren. Bei anderen Fotos ist das nicht so offensichtlich, aber vermutlich hatten auch die Paare darauf wohlgesonnene Freunde und Angehörige. Ohne solche freundlichen Unterstützer entstand eine weitere Bildgruppe, die Fotos aus Automaten." Wie es gelang, die Bilder zu entwickeln, ohne dass dadurch das Inkognito der Männerpaare aufflog, darüber seien nur Spekulationen möglich. Selbstauslöser jedenfalls gebe es bereits seit Januar 1902, das sei also technisch kein Problem gewesen.

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Im Wilden Westen: Vor einem Waggon

Besonders einfallsreich waren die verliebten Kerle beim Fotografieren übrigens nicht. Vielmehr folgten sie jeweils den in ihrer Zeit beliebten Standardmotiven. "Muster treten zutage. Irgendwann haben wir bemerkt, dass sich körperliche Haltungen über Zeiten, Orte und Länder hinweg glichen und ein Paar die Pose eines anderen fast exakt nachbildete, so ähnlich hielten sie sich bei den Händen, umarmten sie sich oder lehnten aneinander. Und es wurden auch immer mehr. Die Anzahl der wiederholten, klar erkennbaren Posen stieg in den zweistelligen Bereich", so Hugh Nini und Neal Treadwell. Sie fühlen sich an heutige Paare erinnert, die gern die Pose aus dem Film "Titanic" einnehmen und eng hintereinander stehend die Arme spreizen.

"Sie heirateten einfach für sich"

Die Sammler sind seit dreißig Jahren ein Paar und heirateten 2006 in Massachusetts, dem einzigen US-Staat, wo das damals möglich war: "Obwohl keiner der Männer auf unseren Fotos die Chance hatte, legal eine Ehe zu schließen, hatten sie, genau wie wir 1992, im Privaten dazu schon die Möglichkeit. Sie heirateten wie wir einfach für sich und tauschten die Ringe. Auf einem unserer ältesten Bilder, einer Ferrotypie, die um das Jahr 1860 entstanden sein muss, trägt einer der Männer einen Ring an seinem kleinen Finger."

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Innige Umarmung

"Trotz des großen Risikos wollten sie mit diesen Fotos ihren Gefühlen füreinander ein Denkmal setzen", so die Sammler über die Motive der Abgebildeten. "Jedes einzelne Bild zeugt von Liebe, Zuneigung, persönlicher Bindung und Mut. Wir als Sammler haben von diesen Fotos gelernt, dass es schon immer Paare wie uns gegeben hat. Sie waren die Bäume in einem Wald, die gefallen sind, ohne dass es jemand gehört hat. Bis heute. Diese Fotos haben uns etwas gezeigt, das wir instinktiv gewusst, uns aber niemals klar gemacht hatten: dass sich ein menschliches Herz niemals an die Beschränkungen hält."

Verschattet und schalkhaft

Was diesen Bildband so beeindruckend macht, ist tatsächlich der Mut und die Leidenschaft der Männer, die hier zu sehen sind. Und obwohl die allermeisten ziemlich streng und statisch schauen, die Belichtung dauerte damals ja vergleichsweise lang und jede Bewegung war daher nicht ratsam, sind sie doch, jeder für sich, charakteristisch, individuell, unglaublich nah. Der eine hat einen fast tragisch verschatteten Blick, der andere gibt sich schalkhaft, wieder andere geben sich fast religiös pathetisch. Vor allem die ganz alten Aufnahmen zeigen sämtlich Männer im "Sonntags-Staat", mit Krawatte oder Fliege und im offenkundigen besten Outfit, das ihnen zur Verfügung stand.

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Fesches Paar

Wer sich so fotografieren ließ, wollte die Emotionalität des Augenblicks für die Ewigkeit konservieren, und dabei ist der genaue Blick des Betrachters hilfreich, so Régis Schlagdenhauffen: "Dies gilt beispielsweise für das Foto der Männer, die sich mit einem ihnen zu Füßen liegenden Hund in Szene setzten, wobei sich ihre Schuhe über dem Tier berührten – in meinen Augen demonstriert das ihre Art, eine Familie zu bilden. Diese Fotos versinnbildlichen eine feste, vielleicht sogar immerwährende Bindung, was für die Betrachter durch die gewählten Posen sichtbar gemacht wird."

Ein Bildband, der sicher nicht auf dem Sofa-Tisch verstaubt, sondern immer wieder gern durchgeblättert wird - auf der Suche nach der Sehnsucht, die bekanntlich niemals altert.

"Loving. Männer, die sich lieben. Fotografien aus den Jahren 1850 - 1950", Elisabeth-Sandmann-Verlag, München 2020, 49 Euro.

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