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Muslimische Jugend: Mehr Engagement, weniger Moscheeverband | BR24

© picture alliance/Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Junge Muslime sind häufig progressiv und suchen den Kontakt zu anderen Minderheiten wie Juden.

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    Muslimische Jugend: Mehr Engagement, weniger Moscheeverband

    Gibt es den einen Islam in Deutschland? Studien zeigen, junge Muslime sind etwas religiöser und häufiger sozial engagiert als ihre Altersgenossen. Die muslimische Jugendkultur ist meist progressiv und gewinnt Abstand zu Moscheegemeinden.

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    Waseem ist Rapper, Poet, Jugendarbeiter - und Muslim. Er steht auf einer Bühne an der Technischen Universität München und trägt seine Reime über Vielfalt und seine Identität als junger muslimischer Mann in Deutschland vor.

    Junge Muslime mit neuem Selbstvertrauen in Öffentlichkeit

    Begonnen hat er damit bei I-Slam, einer muslimischen Initiative, die junge Muslime auf die Bühne bringt, um über ihre Gefühle, Gedanken und Meinungen zu sprechen. In Poetry-Slam Manier, schnell, mitreißend und rhythmisch. Und das in einer Gesellschaft, in der oft über sie gesprochen wird, aber nur selten mit ihnen, wie sie es empfinden.

    Junge Musliminnen und Muslime treten mit einem neuen Selbstvertrauen in die Öffentlichkeit. I-Slam steht für Empowerment über das Mittel der Kunst, erzählt Armina Omerika, Professorin für islamische Ideengeschichte an der Uni Frankfurt.

    Abstand von Moscheegemeinden

    Man könne beobachten, sagt Omerika, "dass sich die Organisationsformen der jungen Muslime immer stärker entfernen von den Verbänden, von den Vereinen von den Moschegemeinden hin zu speziellen Organisationsformen, die inhaltlich bestimmt sind".

    Junge muslimische Menschen würden sich für Themen engagieren, die ihnen wichtig sind: Von Hip Hop, Sport und Mode bis hin zu Umweltschutz, Feminismus und dem Kampf gegen Homophobie und Rassismus. Religion ist nur noch das verbindende Element, so Omerika.

    "Religion ist vielleicht, was junge Leute zusammenbringt. Aber nicht, was den Ankerpunkt der eigenen Aktivitäten bildet." Islamwissenschaftlerin Armina Omerika

    Weg von hierarchischen Strukturen

    Der Trend geht in Richtung Selbstorganisation: In Gruppen, die es jungen Muslimen erlauben, sich freier und selbstbestimmter zu engagieren. Junge Muslime kritisieren an den Moscheegemeinden, "dass sie nicht die Möglichkeiten hatten, Themen anzusprechen, die ihnen wichtig sind", erklärt die Professorin. Die Themensetzung erfolgte von oben, innerhalb von hierarchischen Strukturen, "von Generationen, die mit ihren Lebensrealitäten nicht viel anfangen konnten".

    Ganz anders ist das in Organisationen wie Juma (Akronym für "jung, muslimisch, aktiv") oder der neuen Islamkonferenz. Auch im Beni Lab, einer Organisation, die gemeinsame Sportaktivitäten für junge Muslime organisiert oder Videos produziert, die die Vielfalt muslimischen Lebens zeigen, herrscht ein anderer Geist als in den traditionellen Moschee-Verbänden.

    Botschaft: Wir bieten denen die Stirn, die uns kleinhalten

    Junge Muslime werden auch in den Medien immer sichtbarer und entwickeln immer mehr eigene Formate, wie zum Beispiel Podcasts oder Talkshows. Die Botschaft ist eindeutig: Wir sind hier und wir sind laut und wir bieten denen die Stirn, die uns kleinhalten oder ausgrenzen: Der Gesellschaft, die uns gegenüber Vorurteile hat, aber auch den älteren Generationen, die einen Islam aufzwingen, der nicht mehr zu uns passt.

    In sozialen Medien werden Tabus gebrochen

    Die Plattformen für all das sind vor allem die sozialen Medien: Auf Instagram und Youtube vernetzen sich junge Muslime, überschreiten Grenzen und brechen Tabus. Wie in der Talkshow "Karakaya Talk" der Journalistin Esra Karakaya. Dort wird unter anderem offen über das Thema Homosexualität und Islam gesprochen. In wenigen Moscheegemeinden wäre so eine offene Diskussion darüber möglich. In den neuen digitalen muslimischen Lebenswelten geht das.

    Solidarität mit anderen Minderheiten

    Die Beschäftigung und Solidarisierung mit anderen marginalisierten Gruppen ist im jungen islamischen Engagement mittlerweile zentral. Das erzählt auch der Rapper Waseem: "Wenn ich Diskriminierungserfahrungen gemacht habe oder Rassismus erlebt habe, ist es für mich selbstverständlich, mich für andere einzusetzen, die auch Diskriminierungserfahrungen gemacht haben. Ich glaube, die nächste Generation ist da schon selbstverständlicher dabei. Ich glaube, das ist ein ganz schöner Entwicklungssprung."

    Junge Muslime solidarisieren sich mit Jüdinnen und Juden, organisieren Black-Lives-Matter-Demonstrationen und sprechen sich gegen Homophobie und Sexismus aus.

    Gegenbewegung von islamisch-fundamentalistischen Gruppen

    Aber es gibt auch eine Gegenbewegung: Nationalistische oder islamisch-fundamentalistische Gruppen nutzen ebenso die sozialen Medien, um junge Muslime zu beeinflussen. Das sind zum Beispiel Seiten wie "Realität", "Generation Islam" oder identitär-nationalistische Gruppen. Sie vermitteln: Muslime sollten sich vom Rest der Gesellschaft abgrenzen, weil diese Muslime generell ablehnt. Als Beweise führen sie zum Beispiel Kopftuchverbote an.

    Progressive Muslime noch religiös?

    Trotzdem wird die Bewegung der progressiven Muslime immer lauter. Aber ist die Bewegung noch eine religiöse? Denn bei all dem muslimischen Engagement geht es selten um wirkliche theologische, religiöse Inhalte, so Armina Omerika: "Was mir oft auffällt, dass die wichtigste Referenz, die von einem selbstbestimmten Leben ist. Allerdings fällt mir auch sehr häufig auf, dass es Bezüge auf religiöse Identität gibt, und die macht man auch sehr stark: 'Meine muslimische Identität, meine religiöse Identität', aber das da sehr häufig Begründungen fehlen."

    Theologische Untermauerung fehlt teilweise noch

    Es entwickeln sich also neue religiöse Identitäten, die Dinge verbinden, die für manche unvereinbar scheinen: das Engagement für Demokratie, gegen Homophobie und Sexismus, gepaart mit einer selbstbewussten, frommen muslimischen Identität. Gebetsteppich und Black-Lives-Matter-Protest, Fasten im Ramadan und Hip-Hop-Konzerte, Pride-Flagge und Hijab. Und das alles mit Überzeugung.

    Die theologische Untermauerung dafür fehlt noch teilweise. Aber das ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit.

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