Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Warum die Ausstellung "Muslim Fashions" mit Stereotypen bricht | BR24

© BR

Mahret Kupka zu "Muslim Fashions"

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Bildergalerie
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum die Ausstellung "Muslim Fashions" mit Stereotypen bricht

Schon vor ihrer Eröffnung wurde die Ausstellung über muslimische Mode in Frankfurt zum Politikum. Koordinatorin Mahret Kupka erklärt, warum die Kritik daran zu kurz greift und muslimische Mode nicht automatisch Kopftuch bedeutet.

Per Mail sharen
Teilen

Die Museen huldigen den Modeschöpfern. Offenbar ist ihre flüchtige Kunst von gesellschaftlicher Relevanz. Ob Alexander McQueen, Vivienne Westwood, Jil Sander oder Jean Paul Gaultier – die Leute rennen den Museen die Bude ein. Jetzt wird zum ersten Mal eine Ausstellung über muslimische Mode gezeigt: "Contemporary Muslim Fashions". Initiiert vom Museumsimpresario Max Hollein in San Francisco, kommt sie ans Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt. Wo sie sofort ein Politikum wird. Barbara Knopf hat mit der Ausstellungskoordinatorin Mahret Kupka gesprochen.

Frau Kupka, muslimische Mode ist ein vermintes Terrain voller Vorurteile und Klischees – man neigt im Westen dazu, nur Verschleierung und körperverhüllende Stoffschichten an Musliminnen wahrzunehmen – aber mit diesen Stereotypen bricht die Ausstellung vermutlich?

Richtig, mit diesen Stereotypen bricht sie. Daher hat es uns im Vorfeld sehr überrascht, dass die Ausstellung von Teilen der Presse, die sie selbst gar nicht gesehen hatten, als "Kopftuch-Ausstellung" bezeichnet wurde und in die Kritik geraten ist. Das Kopftuch kommt natürlich vor, einfach weil es in der gelebten Realität vorkommt, aber insgesamt tragen nur etwa ein Viertel der Exponate Kopftuch, das auf der Straße gemeinhin als religiöses Symbol bezeichnet wird. Aber es gibt auch sehr viele Exponate mit anderen Formen von Kopfbedeckungen, die auch in komplett anderen Kontexten auftauchen, oder eben überhaupt keine Kopfbedeckungen zeigen. Muslimische Mode bedeutet nicht automatisch Kopftuch.

Die Selbstbezeichnung lautet ja "modest fashion". Was ist damit gemeint?

"Modest fashion" beschreibt einen Modestil, der weniger körperbetont ist, der dezenter ist, keine tiefen Ausschnitte aufweist, keine langen Schlitze - alles ist ein bisschen weicher, Körper umspielender. Daher ist es ein bisschen schwierig, das ins Deutsche zu übersetzen. Wir haben von einer wortwörtlichen Übersetzung Abstand genommen. "Bescheiden" funktioniert schon bei sehr vielen Exponaten überhaupt nicht, weil die wirklich das ganze Gegenteil von bescheiden sind. Da sind sehr opulente Exponate dabei, die sehr detailverliebt sind, mit Stickereien, die teilweise mehrere hundert Stunden gebraucht haben.

Opulent bedeutet ja auch, dass es natürlich auch in der muslimischen Mode das Segment der "High Fashion" gibt.

Das kennt man besonders aus Paris, wo immer schon aus dem arabischen Raum wohlhabende Kundinnen anwesend waren bei den Schauen und dann eben bestellt haben und die entsprechenden Entwürfe dann an ihre Vorgaben an ihre Vorstellungen anpassen ließen. Im Luxusbereich hat es das schon immer gegeben.

Die Mode orientiert sich ja immer - sei es seismographisch - an den Interessen der Kundinnen, aber eben auch an den kulturellen Traditionen und Konventionen. Und das stelle ich mir im Bereich der muslimischen Mode schon als großes Spannungsfeld vor: Einerseits das, was modisch gewünscht ist, andererseits gibt es konventionelle Zwänge in muslimischen Ländern. Inwieweit greifen Sie das in der Ausstellung auf?

Erst einmal bin ich sehr sicher, dass der allergrößte Teil der Exponate in wirklich restriktiv islamistischen Ländern überhaupt nicht möglich wäre. Da könnten Frauen mit dem, was jetzt hier in Frankfurt zu sehen ist, überhaupt nicht auf der Straße rumlaufen ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Von daher ist der Vorwurf, dass wir uns irgendwie mit Islamisten gemein machen würden ein bisschen schwierig und kurz gegriffen, weil das eindeutig in den Bekleidungstraditionen durchfällt. Aber dennoch ist uns das bewusst, dass es eben diese Regionen in der Welt gibt, wo es Restriktionen gibt, wo Frauen unterdrückt werden, wo Frauen massiv bestraft werden, teilweise um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie sich den Bekleidungsvorschriften widersetzen. Und das kommt in der Ausstellung vor. Es wird anhand von dokumentarischen Fotografien, die die Proteste von 1979 im Iran zeigen, ein Bogen gespannt zu bis heute stattfindenden Protestbewegungen. Da ist nichts, was in der Ausstellung irgendwie ausgeklammert wird oder wo ein blinder Fleck besteht. Das ist schon da. Wenngleich auch der Schwerpunkt der Ausstellung nicht darauf liegt.

© Nike, Inc.

Hier wirbt Nike für einen Hijab für Boxerinnen.

© DarSalma Photography

"Our Bodies Our Business" von Naomi Afia

© Silver&Soul

Kleidung der Modedesignerin Feyza Baycelebi

© "Somewhere in America"/#MIPSTERZ 2013

"Mipsterz" ist eine internationale Gruppe von Hipster-Muslimen

© "Somewhere in America"/Jay-Z

Vertreter der Mipsterz tauchten bereits in dem Musikvideo zu Jay-Z's "Somewhere in America" auf.

© Modanisa

Ein Entwurf von Raşit Bağzıbağlı für das Unternehmen Modanisa.

© Shereen Sabet / Splashgear LLC

Ein Burkini von Shereen Sabet

© Habjouqa, Tanya

Auch im Bereich der Sportkleidung gibt es inzwischen zahlreiche Entwürfe mit Kopftuch.

© Wesaam Al-Badry

Kritik an der westlichen Konsumkultur? Der US-Künstler Wesaam Al-Badry und sein Werk "Valentino # X".

© NurZahra

Ein Entwurf von Windri Widiesta Dhari für das Modelabel "NurZahra"

Es ist sehr interessant, wie das Thema im Vorfeld vereinnahmt wird. Sie werden Eingangskontrollen und Sicherheitschecks haben, Feministinnen regen sich auch auf. Vielleicht gehen wir nochmal inhaltlich in die Ausstellung, damit wir uns vorstellen können, was gezeigt wird. Ich habe gesehen, dass es zum Beispiel auch das Foto eines Niqab, eines Gesichtsschleiers, gibt, der mit Chanel- oder Gucci-Emblemen bedruckt ist. Ich vermute, es ist ein künstlerisches Foto. Ist das eine Persiflage? Eine Kritik an der westlichen Konsumkultur?

Das ist tatsächlich Kritik an der westlichen Konsumkultur. Und es ist sehr interessant, weil gerade diese künstlerische Fotografie von einem irakisch-stämmigen Fotografen, der in den USA lebt, dort aufgewachsen ist und dort studiert hat, stammt. Das sind keine real existierenden Objekte, sondern künstlerische Arbeiten. Es ist auch nicht ganz deutlich, wer sich überhaupt hinter dem Niqab verbirgt. Es gibt unterschiedliche Quellen, die auch behaupten, dass es der Künstler selbst ist. Er hat extra für diese Fotografien aus Seidenstoffen diese Niqabs angefertigt. Es ist es tatsächlich eine kritische Arbeit, die sich auch kritisch mit dem Thema Bedeckung auseinandersetzt. Im Vorfeld sind gerade diese Arbeiten sehr oft missverstanden worden. Uns wurde vorgeworfen, wir würden Vollverschleierung propagieren in der Ausstellung. Aber wenn Verschleierung überhaupt vorkommt, dann in einer kritisch- künstlerischen oder dokumentarischen Art und Weise.

Ich könnte mir vorstellen, dass es hier auch eine junge Generation an Musliminnen gibt, die vielleicht sehr findig sind, Traditionen modisch neu umzudeuten?

Auf jeden Fall. Das ist ein sehr junges Phänomen, das wir auch im Social Media Bereich zeigen, wo Frauen vorgestellt werden, junge Influencerinnen, die zum Teil Millionen an Followern weltweit haben und dort sehr selbstbewusst und kreativ die Mode für sich ausleben - und die eben auch, und das kann man da ganz klar sehen, nicht alle für sich das Kopftuch wählen! Da wird eine ganz klare Vielfalt und Varianz deutlich. Wir merken an dem Protest oder der Kritik an der Ausstellung auch, dass das auch in einer gewissen Weise ein Generationenkonflikt ist. Es gibt einen Hashtag, der sich aus Solidarität bei Instagram formiert hat: #modeist, wo junge Frauen Fotos von sich gepostet haben, was für sie selbst persönliche Mode bedeutet. Mit Skinny Jeans, wo sie dann eine kurze Tunika drüber tragen, mit Hijab oder ohne, oder mit Turban. Es gibt da sehr viele unterschiedliche kreative Umgangsform und Varianten.

"Contemporary Muslim Fashions", bis 15. September im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!