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"Wir sind mehr" und Co: So politisch war das Popjahr 2018 | BR24

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Der erfolgreichste Künstler in Deutschland 2018, gemessen in Spotify-Streams: der Rapper RAF Camora

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"Wir sind mehr" und Co: So politisch war das Popjahr 2018

Eine antisemitische Textzeile ließ den "Echo" implodieren, das wichtigste Konzerte des Jahres richtete sich gegen rechte Gewalt und sogar Helene Fischer zeigte Haltung: 2018 war Pop hoch politisch. Das bleibt vom Musikjahr und seinen Debatten.

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Der meistgestreamte Künstler auf Spotify in Deutschland ist RAF Camora: Wieder mal ein Rapper. Wieder mal ein Mann. International sieht es nicht anders aus: Die fünf meistgestreamten Künstler des Jahres: alle Männer. Ed Sheeran, Post Malone, und immer wieder Drake. Die erfolgreichste Frau auf den Streamingdiensten ist Ariana Grande. Der Titel ihrer aktuellen Single „Thank U, Next“ ist 2018 zum Erkennungszeichen einer jungen Generation geworden, die immer online ist, und die Inhalte eben mit dieser Haltung konsumiert: „Thank U, Next“, danke, und weiter.

Das Aus für den Echo

Danke und erstmal nicht weiter geht es für den „Echo“. „Es ist natürlich nicht schön, so etwas zu schreiben, aber am Ende muss man Kollegah und Farid Bang sogar ein wenig dankbar sein,“ schreibt der Musikjournalist Jens Balzer auf Zeit Online. Die massive Kritik, die auf die Auszeichnung des Albums „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ der Rapper Kollegah und Farid Bang folgte, habe den wichtigsten Musikpreis des Landes implodieren lassen. Auf dem Album hört man sexistisches Macho-Gehabe und eine tendenziell antisemitische Textzeile. Bei der Verleihung im April fand nur der Alt-Punker Campino deutliche Worte: „Provokation im Rap muss Grenzen haben“.

Wochenlang wurde diskutiert über Antisemitismus im Rap, und wie weit provokative Kunst gehen darf. Die Debatte um den „Echo“ machte etwas deutlich, was der kritischen Öffentlichkeit bislang weitgehend unbekannt war: Mit sexistischen und antisemitischen Texten werden im deutschen Rap Millionen gemacht.

Feine Sahne Fischfilet gegen rechte Gewalt

Im Jahr 2018 ist die Debatte um Pop generell politischer geworden. Das lag auch an einer Punk-Band aus Mecklenburg-Vorpommern: Feine Sahne Fischfilet. Die Band, deren Name klingt wie ein deutsches Traditionsgericht, positioniert sich gegen Rechtsradikalismus und rechte Gewalt. Beim wichtigsten Konzert des Jahres, dem „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz, verurteilt Sänger Jan Gorkow die so genannten Trauermärsche, die auf die Tötung des Chemnitzers Daniel H. folgten: "Und ihre Trauer besteht darin, dass sie hier durch die Städte ziehen, abhitlern, und Menschen wieder jagen, auf Grund ihrer Hautfarbe und ihrer Herkunft. In vollster Verachtung für diese Heuchler: Willkommen im Dreck der Zeit!“

Als im Oktober auch noch ein Konzert der Band im Bauhaus in Dessau nach politischem Druck von CDU und AfD abgesagt wurde, waren Feine Sahne Fischfilet erneut in den Schlagzeilen. Den CD-Verkäufen tat’s gut. Ihr Album „Sturm & Dreck“ erreichte Platz 3 der Charts.

Helene Fischer positioniert sich gegen rechts

Nicht nur linke Punk-Bands positionierten sich 2018 gegen rechte Gewalt, auch die erfolgreichste Pop-Sängerin der deutschen Gegenwart äußert sich nach Chemnitz erstmals politisch: Helene Fischer. "Ich äußere mich nicht oft zu Politischem. Ich gebe nie politische Statements, denn meine Sprache ist die Musik. Und deswegen, heute Abend, jetzt und hier, gemeinsam mit euch, wir setzen auch ein Zeichen. Und ich möchte jetzt und hier, dass keiner mehr Sitzen bleibt, denn jetzt erhebt euch, erhebt gemeinsam mit mir die Stimmen gegen Gewalt, gegen Fremdenfeindlichkeit, okay? Und lasst uns gemeinsam dieses Lied singen: 'Wir brechen das Schweigen‘ hier in Berlin'." Lob von den einen, Kritik von den anderen. Der Riss der Gesellschaft im Jahr 2018: Er scheint direkt durch Helene Fischer zu gehen.

Pop-Jahr 2018, auch ein Jahr der queeren Künstlerinnen

„Diese Idee, dass Musik das ist, was Generationen ausmacht, bündelt, sprechfähig macht, ich glaube, die ist einfach vorbei“, sagt Pop-Professorin Barbara Hornberger von der Hochschule Osnabrück zum Ende der Musikzeitschriften Intro, Spex und Groove. Zu wenig Erlöse mit Anzeigen, zu wenig Leser. Der elaborierte, theoretische Pop-Diskurs in gedruckten Magazinen: In Deutschland endet er definitiv dieses Jahr. „Es hat schon auch was damit zu tun, dass Musik, glaube ich, den Status als Leitmedium von Generationen und Jugendkultur verloren hat", sagt Hornberger. "Wenn man heute in einem Schulbus mitfährt, die streiten über Games, die streiten über Serien ...".

Auch wenn die meistgestreamten Künstler des Jahres Männer sind, die wichtigsten Stücke haben queere Künstlerinnen und Künstler gemacht: Der Australier Troye Sivan singt ein Loblied auf Analsex. Die Französin Christine And The Queens erschafft mit „Chris“ eine Kunstfigur, die weder Mann noch Frau ist. Und Janelle Monáe tanzt in einem Vagina-Kostüm und singt über ihre Bisexualität.

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B5 Kultur

Autor
  • Christoph Möller
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