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"Amuse-Bouche": So kann Kunst schmecken | BR24

© Elizabeth Willing and Tolarno Galleries Melbourne

Elisabeth Willing: Goosebumb, Installationsaufnahme der interaktiven Arbeit fortlaufend Pfeffernüsse und Zuckerguss, variable Masse

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"Amuse-Bouche": So kann Kunst schmecken

Wie weit isst das Auge mit? Wie verändert sich eine Pfefferkuchen-Wand, wenn die Besucher*innen sukzessive den Zucker abschlecken? Das Museum Tinguely in Basel erprobt den Geschmackssinn – zwischen Zungenerfahrung und Metapher.

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Kunsterfahrung mit der Zunge? Die australische Künstlerin Elisabeth Willing geht dieser Frage in einem faszinierenden Video auf den Grund. Man sieht sie hinter einer gewellten Scheibe, die sie unermüdlich ableckt. Irgendwann entsteht ein Loch, dann beißt sie Splitter aus der Scheibe, die sich damit als Zuckerprodukt erweist.

Kunst-Geschmack kommt von Schmecken

Aber ist dieses Video mehr als nur eine Metapher? Geht es in Wirklichkeit also doch nur um das Sehen beim Erfahren der Kunst? Das Baseler Museum Tinguely ist sich dieses Dilemmas bewusst und macht Ernst mit der Erprobung des Geschmacksinns. Auf einer Wandfläche von 22 Metern hat Elisabeth Willing Reihen von weißen Knöpfen installiert, die sich bei genauer Betrachtung als Pfeffernüsse erweisen, angeklebt mit Zuckerguss. Freigegeben zum Lecken und Knabbern: "Es sind sehr geometrisch aufgebaute Raster, die sie verwendet, mit verschiedenen Lebensmitteln", erklärt Kuratorin Annja Müller-Alsbach. Die seien dazu gedacht, dass sie auch konsumiert werden können. Aber sie müssten nicht konsumiert werden. "Sie können sich vorstellen, mit der Zeit, je mehr Leute daran knabbern, an diesen Lebkuchen, – es verändert sich die Wand, die Reste des braunen Lebkuchens verbleiben dann an der Wand. Und es wird auch Leute geben, die sich dann mehr und mehr ekeln. Und damit spielt die Künstlerin auch," sagt Müller-Alsbach.

© Elisabeth Willing/ Foto Rudolf Schmitz

Elisabeth Willing, Video

Schau gegliedert nach Geschmacksnoten

Aber wie ordnet man eine solche Ausstellung? Nach Zungenkategorien: süß, sauer, bitter, salzig, umami. Letzteres, eine 1908 von einem japanischen Wissenschaftler geprägte Kategorie, meint "herzhaft-würzig". Und herzhaft, das ist zweifellos die richtige Bezeichnung für fotografierte Szenerien des Schweizer Künstlerduos Fischli/Weiss, in denen Mortadella-Scheiben, Gurken oder Fleischwürste in grässliche Unfälle verwickelt werden.

"Ich habe hier in dem Umami-Raum auch eine Arbeit der Künstlerin Anca Munteanu Rimnic, die ursprünglich aus Rumänien stammt. Diese Arbeit heißt 'Pizza', das ist eine Soundarbeit, da sieht man nichts, aber man hört nur, wie die Künstlerin selbst eine vollständige italienische Speisekarte herunterzitiert. Und relativ verzweifelt und hungrig hört sich das an: 'Pizza, Pizza'...", sagt Annja Müller-Alsbach.

© bpk / Staatliche Kunsthalle Karlsruhe / Annette Fischer / Heike Kohler

Jan Davidsz. de Heem, Fruchtstillleben mit gefülltem Weinglas, 17. Jh. Öl auf Eichenholz, 35 × 53 cm

Isst das Auge mit?

Die Ausstellung "Amuse-bouche" balanciert auf sehr gelungene Weise zwischen Publikumsbeteiligung und kunsthistorischer Seriosität, zwischen Metapher und Zungenerfahrung. Mit seinen sogenannten Fallenbildern hatte Daniel Spoerri in den 1960er-Jahren Reste von Mahlzeiten auf kleine Holzplatten geleimt und sie in vertikaler Position aufgehängt. Der 89-jährige Künstler experimentiert aber noch heute mit Eat-Art. Im Rahmen des umfangreichen Performance-Programms der Ausstellung bietet er "Geschmack pur". Und stellt damit die Frage, inwieweit das Auge mitisst: "Da geht es darum, dass er kein Bankett veranstaltet, sondern dass er ein viergängiges Menü in einfarbiger Würfelform den Leuten serviert. Das sind kleine Würfel, Pyramiden, die alle anthrazit, sehr dunkel eingefärbt sind, und die Bestandteile des Menüs muss derjenige, der das isst, erraten oder erschmecken," erklärt Annja Müller-Alsbach.

© Emeka Ogboh; Foto: Emeka Ogboh

Emeka Ogboh, Sufferhead Original – Basel Edition, 2020

Beim gemeinsamen Essen mit Schwarzbier über Rassismus reden

Warum erfährt die Eat-Art nach dem Surrealismus und den 1960er-Jahren grade wieder eine große Renaissance? Eine mögliche Antwort gibt der Film des Nigerianers Emeka Ogboh, der sein selbstgebrautes Schwarzbier "Sufferhead" zwei Schweizer Wanderern serviert, die auf einer Hütte in eine ausgelassene Fondueparty dunkelhäutiger Menschen platzen. Unser Urteil über die Welt und ihre Bewohner hat viel mit Geschmack zu tun. Und beim gemeinsamen Essen lässt sich vielleicht entspannter über Migranten, Nahrungsmitteln aus anderen Ländern, Globalisierung oder auch Rassismus reden.

"Amuse-bouche" jedenfalls ist eine erstaunlich substanzielle Ausstellung. Das Baseler Tinguely-Museum bietet damit weit mehr als nur ein "Appetithäppchen".

"Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst" läuft bis 17. Mai 2020 im Museum Tinguely, Basel

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