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Wie der Stempel "Outsider Art" den Blick auf Kunstwerke prägt | BR24

© Shinichi Sawada: Social Welfare Organisation Nakayoshi Fukushikai

Ein traumatisierter Kriegsheimkehrer und ein Autist: Alfred Kremer und Shinichi Sawada könnten als Vertreter der "Outsider Art" gelten. Das Museum Lothar Fischer in Neumarkt will solche Kategorien mit der Ausstellung "Innen-Leben" jedoch aushebeln.

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Wie der Stempel "Outsider Art" den Blick auf Kunstwerke prägt

Ein traumatisierter Kriegsheimkehrer und ein Autist: Alfred Kremer und Shinichi Sawada gelten als Vertreter der "Outsider Art". Das Museum Lothar Fischer in Neumarkt will solche Kategorien mit der Ausstellung "Innen-Leben" jedoch aushebeln.

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Eigentlich ist diese Ausstellung viel mehr als eine Ausstellung. Keine Schau, die einfach nur ein paar mehr oder weniger beeindruckende Kunstwerke vorführen würde. Eigentlich rührt diese Ausstellung an etwas Substanzielles, sie rührt an Fragen menschlicher Existenz. Fragen wie: Was überhaupt ist der Mensch? Und was und warum ist Kunst? Was ist Krankheit? Was bedeutet Kreativität und aus welchen Quellen speist sie sich?

Das Innerste in der Kunst zeigen

Die Ausstellung "Innen-Leben" führt zwei Künstler zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich im Innersten doch zu berühren und auch thematisch zu begegnen scheinen. Der eine Jahrgang 1895, Alfred Kremer, gebürtig aus Regensburg, der durch zwei Weltkriege ging, die ihn traumatisierten, der andere Shinichi Sawada, Jahrgang 1982, ein junger Mann aus Japan, ein Autist.

Der Titel "Innen-Leben" beziehe sich auf beide Werke, so Museumsleiterin Pia Dornacher: Sawada könne, bedingt durch seinen schon frühkindlichen Autismus, nicht kommunizieren und teile sein Inneres deshalb durch sein plastisches Oeuvre mit. Und Alfred Kremer, der in den letzten drei Lebensjahren ans Krankenbett gebunden gewesen sei, weil er an Kehlkopfkrebs und einer schweren Gelenkerkrankung litt, habe nicht mehr an der Staffelei arbeiten können. Deshalb schuf er kleine Tuschpinselzeichnungen, die sogenannten "Gestaltzeichen", erklärt Dornacher: "Da kamen wie aus einer Eruption alle unterdrückten Ängste, Sehnsüchte und Erlebnisse plötzlich in einem gewaltigen Schub aus seinem Innersten heraus auf die Blätter."

Die Reduzierung der Gestalt in Tuschezeichnungen

Für ganze 24 Stunden lang war Alfred Kremer während des Ersten Weltkriegs verschüttet, irgendwo in einem Erdloch in einem Schützengraben. Todesängste, die er ausstand und die ihn lebenslang begleiteten und verfolgten wie Dämonen. Eine der Tuschezeichnungen zeigt eine Reihe von schräg übereinanderliegenden Figuren, abstrahiert, wie schwarze Strichmännchen auf weißem Grund, hingeworfen und verloren vor einem gedankenlos brutalen, gleichgültigen Schicksal, entpersonifiziert liegen sie da in einem eng begrenzten Raum.

Manchmal zeichnet Kremer nur Hände oder Füße, einmal eine reduzierte menschliche Figur, die etwas Unsichtbares abzuwehren scheint mit weit gespreizten Fingern, die wie ohnmächtige Krallen wirken. Der Schock, das Trauma führt den Künstler auch zur Neubewertung und zur Erweiterung traditioneller Ikonografien. Aus dem "Christuskind" wird bei Kremer kurzerhand das erschütternde "Contergan"-Kind, referierend auf den Medikamentenskandal Anfang der 1960er-Jahre.

© bei den Rechtsnachfolgern

"Der Tod greift nach dem Contergankind" von Alfred Kremer

Kreatürliche Figuren aus Keramik

Die keramischen Arbeiten des jungen autistischen Japaners Shinichi Sawada sah Museumsleiterin Pia Dornacher auf der Biennale 2013 in Venedig zum ersten Mal. Der damalige Leiter der Biennale, Massimiliano Gioni, hatte die Entscheidung getroffen, sogenannte "Outsider Art" oder auch Art Brut, bekannt durch den Künstler Jean Dubuffet, zusammen mit Arbeiten herkömmlicher zeitgenössischer Künstler zu zeigen, ohne indessen die Besucher über Biografien und Hintergründe aufzuklären.

Die seltsamen Fabelwesen des Shinichi Sawada stehen nun im Museum Lothar Fischer in Glasvitrinen, buchstäblich kreatürliche Figuren zwischen Mensch und Tier, reglos und doch von einer beinahe unheimlichen selbstverständlichen Vitalität. Mit spitzen Zähnen, gefährlich und doch zugleich tief erschrocken wirken sie im Angesicht der Welt, mit ihren Zacken, Hörnern, Händen wie Krallen. Mitunter vielgesichtig und detailreich ausgestattet scheinen sie aber zugleich wie seltsame Heilige oder japanische Buddhafiguren. Sawadas Schlangenwesen indessen wirken so, als könnten sie sich jeden Moment aus ihrer nur scheinbaren Erstarrung befreien und schwimmend entgleiten in den Museumsraum. Es sind Figurationen von einer fast magischen Intensität.

Ein offener Blick auf die Werke

Worum es Museumsleiterin Pia Dornacher geht, ist die Aufhebung von Grenzen, bei der Begriffe wie Krankheit oder "Outsider Art" keine Rolle mehr spielen. Sawadas Arbeiten seien so fantasievoll, eigenwillig und besonders, betont Dornacher, und sollten nicht immer über Krankheit, über einen bestimmten Zustand interpretiert werden. Denn dadurch werde ihnen ein ganz bestimmter Stempel aufgedrückt: "Ich finde, man sollte die Werke einfach mal frei von jeder Kategorisierung sehen, und wenn man sie immer nur im Kontext von 'Outsider Art' sieht, wird, glaube ich, das, was eine Arbeit wirklich ausmacht, im Grunde genommen überhaupt nicht vermittelt."

Die Ausstellung in Neumarkt leistet mit dieser Aufhebung von traditionellen Grenzen und Zuordnungen in der Kunst Bahnbrechendes. Im Anschluss an die Präsentation in Neumarkt gehen die Arbeiten von Shinichi Sawada übrigens ins renommierte Georg Kolbe Museum in Berlin.

Die Ausstellung "Innen-Leben" mit Arbeiten von Shinichi Sawada und Alfred Kremer ist noch bis zum 14. Juni im Museum Lothar Fischer in Neumarkt in der Oberpfalz zu sehen. Das Haus ist Kulturpartner von Bayern 2.

© Social Welfare Organisation Nakayoshi Fukushikai

"Ohne Titel" von Shinichi Sawada

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