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Museen im Netz: "Müssen das Beste aus beiden Welten rausholen" | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: Belvedere Research Center Wien

"Das Kunstmuseum im digitalen Zeitalter": Zu dieser Konferenz hat das Wiener Belvedere nun geladen. Max Westphal von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wird teilnehmen. Er sieht die Digitalisierung als große Chance.

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Museen im Netz: "Müssen das Beste aus beiden Welten rausholen"

"Natürlich hat das Digitale seine Grenzen", sagt Experte Max Westphal, aber die habe ein Museumsbesuch ja auch: Wer in der Pinakothek zu nah rangeht, löst den Alarm aus – online passiert das nicht. Ein Gespräch über Museen und Digitalisierung.

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Von
  • Christoph Leibold

"Digitale Werkzeuge, Techniken und Methoden sind aus dem heutigen Museumsalltag nicht mehr wegzudenken", hieß es vor zwei Jahren, als das Wiener Belvedere Research Center zum ersten Mal zu einer Tagung über "Das Kunstmuseum im digitalen Zeitalter" einlud. Damals kamen die Museumsleute – Digitalisierung als Thema hin oder her – trotzdem noch leibhaftig in Wien zusammen. Wenn dagegen heute die dritte internationale Konferenz des Belvedere zur digitalen Transformation von Kunstmuseen beginnt, reist wegen Corona niemand in die Österreichische Hauptstadt: Der Austausch über museale Onlinesammlungen findet seinerseits online statt. Max Westphal ist bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen für digitale Kommunikation zuständig und nimmt von München aus an der Konferenz teil, Christoph Leibold hat mit ihm gesprochen.

Christoph Leibold: Vor zwei Jahren bei der ersten Tagung konnte man die Digitalisierung vermutlich noch als Plus obendrauf sehen. Momentan ist die digitale Präsentation der Sammlungen für die Museen – zumindest in Deutschland oder Österreich – der einzige Weg, ihr Publikum zu erreichen. Ist die Pandemie auch für die Museen der große Digitalisierungs-Beschleuniger?

Max Westphal: Natürlich waren wir schon vor Corona digital unterwegs, wie viele andere Museen auch. Aber wir bemerken, dass die Nachfrage jetzt eine ganz andere ist, dass eine Dringlichkeit da ist. Die Aufmerksamkeit, die Erwartungen des Publikums sind jetzt erhöht. Wir sehen auch, dass neue Zielgruppen die digitalen Kanäle des Museums entdecken. Wir bemerken das in den Zuschriften, die wir kriegen, in den Kontakten, die wir jetzt auch über Social Media mit der Community haben – die eine viel dichtere und andere ist, als sie es vor Corona war.

So, wie sie das sagen, war das Online-Angebot der Museen auch vorher schon sehr ansehnlich. Es gibt ja durchaus Bereiche, wo es mit der Digitalisierung noch nicht so weit her scheint. Wenn man sich zum heutigen Schulstart nach den Weihnachtsferien ohne Präsenzunterricht das Ganze anschaut, da hat der Kultusminister vorab geraten, das für den Online-Unterricht gedachte Internetportal Mebis besser mal nur zurückhaltend einzusetzen, weil es sonst wieder streikt. Da wundert man sich dann schon über den Stand der Digitalisierung. Ist die Museumslandschaft schon deutlich weiter?

Ich glaube, man kann es direkt nicht vergleichen. Aber natürlich gibt es auch bei uns etwas, das man als Digitalisierungsloch oder auch als Nachholbedarf sehen kann. Viele wollen, aber zum Können braucht es natürlich noch ganz viel mehr. Wir brauchen viel mehr digitale literacy im Personal, also auch Fortbildungen der Mitarbeiterinnen, wie es sicher mit dem Bildungsbereich auch vergleichbar ist. Andererseits unterstützen wir ja auch mit unseren Angeboten die Schulen, wenn wir unsere Werke online zugänglich machen und auch Materialien bieten, um die Bildung zu unterstützen.

Sie selbst stellen gleich heute Abend am ersten Konferenztag mit ihrer Kollegin Jacqueline Seeliger vom Münchner Lenbachhaus unter dem Titel "Teilhabe an Wissen stärken" eine Kooperation mit der Wikipedia-Community vor.

Das ist natürlich etwas, das in der Digitalisierung eine große Rolle spielt: Community, Interaktivität, Interaktion. Auch unsere Kunstvermittlung setzt jetzt viel stärker auf Workshops mit dem Publikum. Die Leute können teilnehmen, sie können dabei sein, sie können mitwirken – und darum geht es auch bei unserer Zusammenarbeit mit der Wikipedia-Community. Die Online-Enzyklopädie ist eine der Top Ten-Websites weltweit und steht für freies Wissen. Das verbindet uns als öffentliche Institutionen mit einem Bildungsauftrag auch mit dieser Plattform. Wir arbeiten hier mit dem WikiMuc in München zusammen – das ist ein Treffpunkt der ehrenamtlichen Wikipedianerinnen – um das Wissen zugänglich zu machen. Sie nutzen unsere Ressourcen, bringen es auf der Wikipedia ein und tragen so dazu bei, unsere Bestände weltweit öffentlich sichtbar zu machen und auch zu verknüpfen.

Bei allen Chancen der Digitalisierung: Menschen gehen natürlich auch ins Museum, um das zu erleben, was gerne als "Aura des Authentischen" beschrieben wird. Das ist dann doch der Punkt, wo man sagen muss, dass das Digitale auch seine Grenzen hat.

Natürlich hat das Digitale seine Grenzen – so wie ein Museumsbesuch auch seine Grenzen hat. Beispielsweise geht der Alarm ja bei uns los, wenn man zu nah an das Gemälde herankommt – und im Digitalen kann ich an das Gemälde so nah ranzoomen, wie ich es im Museum gar nicht könnte. Da hat jede Art des Zugangs ihre Eigenheiten. Und wir als Museen müssen wirklich einfach das Bestmögliche aus beiden Welten rausholen, um ein Besuchererlebnis im Digitalen wie im Analogen zu bieten, das sich zusammenführt, sich ergänzt, sich bereichert.

Jetzt können wegen Corona nicht nur die Besucherinnen und Besucher gerade nicht ins Museum, auch der internationale Ausstellungszirkus ist in der Zwangspause. Man müsse sich jetzt eben rückbesinnen auf die hauseigenen Bestände in den Museen, heißt es dann gerne. "Rückbesinnung" – ist das in dem Fall einfach ein Euphemismus, also muss man sich die Lage schönreden? Oder hat es wirklich auch was Gutes?

Ich sehe natürlich den Vorteil, dass wir mit der Digitalisierung auch Dinge holen können, die nicht im Original im Museum sein können, und dass wir da auch Verknüpfungen schaffen können. Und wir haben mit einer Online-Sammlung natürlich auch die Aufgabe, die Bestände weiter zu erschließen, weiter sichtbar zu machen, beispielsweise auch Provenienzen ausführlicher zu zeigen. Und dass ist da eine Aufgabe, die immer da ist. Wie sich das im Ausstellungsbetrieb weiterhin auswirken wird, das wird sich zeigen.

Die Online-Tagung "Das Kunstmuseum im digitalen Zeitalter – 2021" findet vom 11. bis zum 15. Januar statt. Sie ist öffentlich, Interessierte können sich hier zur Teilnahme anmelden.

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