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Eine Teekanne, 1969 entworfen von Walter Gropius für Rosenthal
© Rosenthal

Autoren

Barbara Bogen
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Eine Teekanne, 1969 entworfen von Walter Gropius für Rosenthal

Der erste Eindruck, den der Besucher beim Eintritt in die Ausstellung vielleicht haben mag, ist der eines überaus eleganten Möbelhauses, ein Designpalast der piekfeinsten Kategorie, aber einer mit zunächst verwirrenden Brüchen. Flirrend, changierend zwischen Bauhaus-Ästhetik, Kunst und Rosenthal-Gutbürgerlichkeit.

Walter Gropius in der Kristallglasfabrik

Gleich in der Eingangssituation befindet sich zum Beispiel ein opulenter Kerzenleuchter, etwa einen Meter hoch. In drei sich verjüngenden Kreisen, einer schweren aufwärts strebenden Spirale aus Eisen ragen massivgläserne Kelche empor, in die sich dutzendfache Lichter, ein Meer aus Kerzen stecken lässt. Ein Objekt, vorstellbar in einer noblen Großstadtvilla oder in einem Rathaus. In der Tat wurde der üppige Kerzenleuchter aus der Glasproduktion der Rosenthal-Glashütte Amberg hergestellt für den Rathaussaal des örtlichen Rathauses. Gleich daneben, wie aus einer komplett anderen Welt eine Serie von Armlehnstühlen, ein besonderes Objekt, kühl, reduziert, weiß, asymmetrisch, mit den klassischen Bauhausfarben Blau, Rot, Gelb versehen. Es sind Brüche, wie sie sich radikaler kaum denken ließen. Bauhaus, Gropius – und Rosenthal?

Doch der Architekt und Bauhaus-Gründer Walter Gropius steht mit der Firma Rosenthal in enger Verbindung. In den Jahren 1968 bis 1970 gab die Rosenthal AG in Selb den Bau der Kristallglasfabrik Amberg bei keinem Geringeren als Walter Gropius in Auftrag. Diese "Glaskathedrale", eines der bedeutendsten Industriebauten des 20. Jahrhunderts, ist das letzte Bauwerk des amerikanisch-deutschen Architekten.

Kunst in den Alltag gebracht

Kuratorin Julia Riss vom Stadtmuseum Amberg ist sich im Klaren darüber, welche Bedeutung diese Konstellation für die Stadt bis heute hat: "Die Idee zur Ausstellung ist entstanden, weil wir dieses Gropius-Objekt, den einzigen Bau in der Oberpfalz, haben: Die Glaskathedrale, die ja doch etwas ganz Besonderes ist. In der Glaskathedrale wurden über einige Jahre von Rosenthal Glasobjekte und Gläser hergestellt – da war dann die Verbindung", sagt Riss. Viele Menschen aus Amberg hätten einiges von Rosenthal zu Hause, sei es Glas, Alltagsgeschirr oder eben auch besondere Objekte. Mit der Firma werde sehr viel verbunden, Schwerpunkt der Ausstellung aber sei das Glas, das in dieser Glaskathedrale auch hergestellt wurde.

Rosenthal Glaswerk in Amberg, die sogenannte "Glaskathedrale"

Rosenthal Glaswerk in Amberg, die sogenannte "Glaskathedrale"

Die Firma Rosenthal steht aber auch mit vielen anderen berühmten Künstlernamen in Verbindung. Seit den 50er-Jahren arbeiteten mehr als einhundert internationale Künstler mit Rosenthal zusammen, darunter Salvador Dalí, Oskar Kokoschka, Henry Moore, Marcello Morandini, Niki de Saint Phalle, Günther Uecker, Victor Vasarely oder Tom Wesselmann. Dementsprechend sind neben den reinen Gebrauchsobjekten auch künstlerische Arbeiten von großer Schönheit und Originalität in der Ausstellung zu sehen.

Von Bjørn Wiinblad etwa, auch das "Genie der Poesie" genannt, stammt ein wuchtiger Wandbehang aus dem Jahr 1974. Mit einem geheimnisvollen, fast "Mona-Lisa-haften" Lächeln, dem Porträt einer großäugigen Figur, die wie bei da Vinci weiblich oder männlich sein könnte. Vom Meister der Pop Art Andy Warhol ein Glasteller mit Frauenporträt, von Otto Piene ein fein gearbeiteter Goldteller, von Salvador Dalí ein Glasteller mit Schneckenmotiv aus dem Jahr 1979. Aber auch weniger bekannte Künstler schufen für Rosenthal verblüffend ungewöhnliche Objekte, etwa eine Lampe in Form eines rund geschwungenen Popos von Zsofia Kanyak. Daneben zeigt die Ausstellung aber auch ganz "normales" Tafelgeschirr, Bestecke, Vasen, Weihnachtsschmuck und Möbel.

Mit Kunst wohnen und leben

Wohnen und leben mit Kunst: Das war die Devise von Philipp Rosenthal, dem Sohn des Firmengründers. Genau dazu kann diese Ausstellung tatsächlich wunderbar inspirieren.

"An vielen herkömmlichen Dingen, die man noch von früher, vielleicht von den Großeltern kennt, hängen Erinnerungen," so Riss, "aber gleichzeitig beeindrucken diese Kunst- und Designobjekte auch einfach". Viele wüssten gar nicht, wer das entworfen hat und dass es wirklich richtige Kunst- und Design-Werke sind von bekannten Künstlern wie eben Salvador Dalí oder auch Andy Warhol, die in Zusammenarbeit mit Rosenthal in Amberg hergestellt wurden.

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Barbara Bogen

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kulturWelt vom 08.10.2018 - 08:30 Uhr