Porträt des russischen Ballettchefs

Igor Zelensky

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    München: Russischer Ballett-Chef Igor Zelensky unter Druck

    München: Russischer Ballett-Chef Igor Zelensky unter Druck

    Das Bayerische Kunstministerium erwartet klare Worte von Choreograph Igor Zelensky zu seinem Engagement in Russland. Auch unter den Tänzern wird debattiert. Doch Ausladungen von russischen Gast-Solisten wird es nicht geben.

    Schwere Zeiten für das Bayerische Staatsballett, in dessen Ensemble rund zwanzig Nationen vertreten sind - und eine schwierige Gratwanderung für dessen Chef persönlich, den Russen Igor Zelensky. Der 52-jährige soll sich auf Druck des Bayerischen Kunstministeriums möglichst bald zu seinen nebenberuflichen Verpflichtungen in Russland äußern. Dem Vernehmen nach soll er bis Dienstag, den 8. März Zeit für seine Stellungnahme haben. Für Mittwoch wird mit einer Pressemitteilung gerechnet.

    "Es wird ein Statement von Zelensky geben, worin er sich ganz klar gegen Krieg positioniert", heißt es gegenüber dem BR unterdessen aus dem Staatsballett. Er befinde sich derzeit in München und sei sehr betroffen von dem Angriff auf die Ukraine.

    Kunstminister: "Putin-Nähe kann nicht ohne Konsequenzen bleiben"

    Die "Süddeutsche Zeitung" hatte Zelensky wissen lassen, er wolle sich nicht "zu politischen Angelegenheiten" äußern. Die Zeitung hatte bemerkt, der Choreograph sitze als Berater in der Stiftung "National Cultural Heritage" mit Sitz in Moskau, einer gemeinsamen Gründung von Bolschoi- und Mariinski-Theater sowie dem Eremitage-Museum und der Tretjakow-Galerie. Zweck der Organisation, die nach einem Dekret von Putin gegründet worden sei: Kulturzentren zu schaffen, auch auf der Krim.

    Ein Video, das Zelensky und Putin zeige, sei inzwischen nicht mehr abrufbar. Was es mit diesem Engagement konkret auf sich hat, will das Kunstministerium jetzt offenbar genauer in Erfahrung bringen.

    In der Freitagsausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) hatte Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) gesagt: "Wenn Künstler durch eine übergroße Nähe zu Putin auffallen, Kriege gutheißen und vielleicht sogar in den Diensten der russischen Regierung stehen, dann kann das nicht ohne Konsequenzen bleiben." Ein "Gesinnungstest" werde allerdings von russischen Künstler weiterhin nicht erwartet.

    Zelensky galt als russischer Traditionalist

    Zelensky wurde in Labinsk in der russischen Region Krasnodar geboren, übrigens in derselben Region wie Star-Sopranistin Anna Netrebko (50). Sie wurde wegen ihrer sehr allgemeinen bis ausweichenden Stellungnahme gegen den Krieg, in der Putin mit keinem Wort erwähnt wurde, weltweit ausgeladen. Auch ihr Entdecker, der Dirigent Valery Gergiev, wurde als Chef der Münchner Philharmoniker geschasst, weil er sich trotz Aufforderung mit keinem Wort zum Krieg äußerte.

    Bei seinem Engagement als Münchner Staatsballettchef im August 2016 sah sich Zelensky, der zuvor am Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater in Moskau gearbeitet hatte, teils heftiger Kritik ausgesetzt, weil er als Traditionalist mit wenig Bezug zur Moderne galt. Zu den ersten Premieren gehörte "Spartacus" mit der Musik des sowjetischen Propaganda-Komponisten Aram Chatschaturjan in einer Choreographie des Moskauer Bolschoi-Balletts von 1968.

    Der damals 89-jährige Choreograph Juri Grigorowitsch (95) überwachte die Wiederaufnahme-Proben. Die Produktion rieche nach "sowjetischem Gedankengut", hieß es damals wenig verwunderlich in einer Kritik. Gleichwohl gab es vom Münchner Publikum stehende Ovationen.

    Solist hatte sich Putin-Porträt tätowieren lassen

    Die Hauptrolle des römischen Feldherrn Crassus hatte bei der Premiere übrigens der aus dem ukrainischen Cherson gebürtige Sergei Polunin (32) übernommen, der als "Bad Boy" seiner Zunft gilt und sich das Porträt des russischen Präsidenten Putin auf die Brust tätowieren ließ. Es wurde für den Auftritt überschminkt.

    Später bekannte sich Zelensky zu mehr zeitgenössischen Angeboten. Allerdings verwies er darauf, dass sich abendfüllende Handlungsballette besser verkauften als moderne Choreographien: "München ist eines der größten Häuser Europas, da ist es unsere Aufgabe, große Klassiker zu zeigen. Aber ich will auch neue Choreografen entdecken und natürlich auch Kreationen für das Ensemble", sagte Zelensky kurz nach seinem Amtsantritt in einem Interview mit dem "Münchner Merkur".

    Russische Star-Tänzer stehen nicht auf Einladungsliste

    Russische Tanzstars seien schon länger nicht mehr als Gäste in München aufgetreten, so das Staatsballett. In der laufenden Spielzeit seien auch keine Auftritte russischer Solisten geplant, weshalb auch keine Absagen oder Ausladungen zu erwarten seien. Die kommenden Spielzeiten seien noch nicht abschließend disponiert, aber nach jetzigem Stand gebe es noch keine Pläne, russische Stars anzuheuern.

    "Sicherlich ist der Krieg im Ensemble ein Thema. Es wird diskutiert, viele sind besorgt. Die meisten sind Anfang zwanzig, in der Regel keine Muttersprachler und kommen aus sehr verschiedenen kulturellen Umfeldern, zum Beispiel auch Südamerika", so eine Sprecherin.

    In einer Stellungnahme auf der Website der Staatsoper ist zu lesen, in einer Kulturinstitution sei "der Respekt füreinander, Integrität zueinander und Dialog untereinander absolut essentiell". Nur so könnten Frieden und Humanität gewährleistet werden. Anfang nächster Woche sollen Konzerte unter dem Titel "Plädoyer für den Frieden" stattfinden. Auf dem Programm steht "La valse" von Maurice Ravel und Benjamin Brittens "Sinfonia da Requiem", ein Auftragswerk aus dem Jahr 1939 für ein Jubiläum des japanischen Kaiserhauses.

    Demnächst steht beim Staatsballett zur Eröffnung der Ballett-Festwoche am 26. März die Premiere der dreiteiligen "Passagen" auf dem Programm. Einer der Choreographen, Alexei Ratmansky, ebenfalls Russe, profiliert sich seit Tagen als Friedenskämpfer gegen Putin. Er arbeitet häufig beim "American Ballet Theatre" in New York.

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