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Erdoğans wichtigster Gegenspieler ist auch ein begabter Erzähler | BR24

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"Morgengrauen" von Selahattin Demirtaş

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Erdoğans wichtigster Gegenspieler ist auch ein begabter Erzähler

Der türkische Politiker, Autor und Erdoğan-Kritiker Selahattin Demirtaş sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis. Zwölf Erzählungen konnte er aus seiner Zelle herausschmuggeln: Der Band "Morgengrauen" versammelt leise, aber eindringliche Geschichten.

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Im Oktober 2016 warnte Selahattin Demirtaş vor einer Diktatur in der Türkei. Drei Wochen später saß er im Gefängnis. Es ist ihm gelungen, Texte aus der Haft herauszuschmuggeln, die nun in dem Erzählband "Morgengrauen" erschienen sind.

4 mal 8 Meter groß ist der Hof im berüchtigten Gefängnis von Edirne im Westen der Türkei, wie ein rechteckiger Betonbrunnen, 32 Quadratmeter für den Ausgang ab und zu, schreibt Selahattin Demirtaş. Von Folter wurde Erdoğans berühmter Gefangener bislang verschont, aber seit zwei Jahren sitzt er in Isolationshaft, allein mit Ameisen, Spinnen und einem Spatzenpaar, in dem ER sich selbst bezwitschert und SIE die Arbeit macht, bis der Staat eingreift.

Soweit ich aus dem Lärm heraushörte, waren die Ankömmlinge „Staatsvögel“. (...): Jetzt hören Sie mal zu, Sie haben dieses Nest ohne Genehmigung errichtet. Wenn Sie nicht wollen, daß es eingerissen wird, zahlen Sie dem Vogelstaat als Strafe eines Ihrer Jungen, sobald es geschlüpft ist.

Der deutsche Menschenrechtsaktivist Günter Wallraff bewundert die Erzählungen von Selahattin Demirtaş. "Ich war nicht nur überrascht, ich war überwältigt von der Eindringlichkeit bei gleichzeitig realistischer Beschreibung", sagt Wallraff. Man merke einerseits, dass alles selbst erlebt und erlitten sei. Trotzdem seien die Texte keine Anklage im Sinne einer politischen Abrechnung.

Seine Helden sind kleine Leute - und vor allem Frauen

Mit der vergnüglichen Spatzen-Parabel im Gefängnis beginnt der Erzählband und reicht dann über die Gefängnismauern hinaus in die türkische und kurdische Gesellschaft, bis ins syrische Aleppo. Es geht um Flucht und Gewalt, patriarchale Strukturen, staatliche Willkür und menschliches Leid. Die Helden sind kleine Leute, Bauarbeiter, Flüchtlinge, Mitläufer oder willkürliche Opfer wie eine junge Putzfrau; Frauen vor allem, misshandelt, sogar ermordet wie Seher, die vergewaltigt wurde und dieser „Schande“ – der Ehre wegen – vom Bruder ermordet wird.

Für Günter Wallraff, der sich seit Jahren für Inhaftierte in der Türkei engagiert, ist „Seher“ die zentrale Geschichte: „Seher“ wie Morgenröte. "Da konnte ich Tränen nicht unterdrücken", erzählt Wallraff. "Das ist wie eine griechische Tragödie, wie das Umfeld Familie unweigerlich zu diesem Mord führt, und alle Beteiligten, bis zum Opfer unterwerfen sich. Er macht keinen Einzelschuldigen verantwortlich, sondern diese ganze archaische Struktur, die ja nicht nur in kurdischen Gebieten vorzufinden ist."

Berührend sind alle Szenen im Band „Morgengrauen“, obwohl oder gerade weil Selahattin Demirtaş hochverdichtet, aber ganz reduziert, lakonisch, auch ironisch und amüsant schreibt, sich sogar heiter an die Zensoren selbst wendet, in einer der Erzählungen, die – an den Zensoren vorbei – als Briefe an seine Frau aus dem Gefängnis geschmuggelt wurden. Nüchtern fast erzählt er von einem jungen Mann, der sich in Semira verliebte. „Es ist nicht so wie sie denken“, heißt die Story, worin der Erzähler ein Frauenheld scheint, in Wahrheit ein zutiefst Verwundeter ist. Semira musste sterben.

Ein charismatischer Politiker, der für die Rechte der Kurden kämpfte

Selahattin Demirtaş widmet sein Buch „Allen misshandelten und ermordeten Frauen“. Zwölf leise, aber eindringliche Geschichten, die mit ihrer menschlichen Tiefe und literarischen Kraft das Buch zu einem Leseerlebnis machen, frei von aller politischen Propaganda. Kaum zu glauben, dass hinter dem erzählerischen Talent, der Ironie, Heiterkeit und Humanität ein Politiker steht, der selbst im politischen Feuer steht, zwischen der Diktatur Erdoğans und kurdischen Hardlinern, die Gewalt propagieren; ein charismatischer Politiker, der vor seiner Verhaftung für die Rechte der Kurden kämpfte, Partei-Vize der HDP war und 2014 als Präsidentschaftskandidat gegen Erdoğan antrat. Ein Solitär, der die Einsamkeit gelassen nimmt, sagt Wallraff über Selahattin Demirtaş, aber auch ein Hoffnungsträger, weil er verschiedenste Gruppen vereint, Unternehmer, gemäßigte Religiöse, Intellektuelle, Kurden und Türken.

Selahattin ist ein sanfter, ausgleichender, ich würde sagen, er ist ein idealer Friedensstifter, ja. Wenn Erdoğan demnächst, ich schätze in vier, fünf Jahren ist seine Zeit abgelaufen, das Land so runtergewirtschaftet hat in seinem Größenwahn, dass er entweder vor Gericht gestellt wird, sich wegen Menschenrechtsverletzungen zu verantworten hat oder es vorzieht, sich in sein Exil nach Bahrein zurückzuziehen, dann ist die Zeit solcher Persönlichkeiten wie Selahattin Demirtaş und zum Beispiel Can Dündar gekommen. Ach, das wird eine ganz andere Türkei, das wird ein Vorzeigeland werden! (Günter Wallraff)

Selahattin Demirtaş, "Morgengrauen", ist in der Übersetzung von Gerhard Meier im Penguin Verlag erschienen.

Lesung mit Shenja Lacher am 24. Februar in „radioTexte – Das offene Buch“ auf Bayern 2.

© Penguin Verlag

Buchcover Selahattin Demirtaş, "Morgengrauen"

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