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"Der Fall Collini": Heiner Lauterbach und Alexandra Maria Lara
© constantinfilm
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"Der Fall Collini": Heiner Lauterbach und Alexandra Maria Lara

„Er ist tot“, sagt er in gebrochenem Deutsch, als er in der Hotellobby angekommen ist. Ohne Angst, überhaupt ohne Emotionen spricht Fabrizio Collini den Satz aus und lässt alles Weitere stumm über sich ergehen: die Gesten in Richtung Blutspur, die er auf dem Weg vom Fahrstuhl in die Lobby hinterlassen hat, den aufgeregten Anruf bei der Polizei, der über einen möglichen Mord in der Präsidentensuite informiert, seine Festnahme. "Aussichtslos, dieser Fall", so heißt es bald im Kreis der Berliner Juristen. Im Kino aber heißt „aussichtsloser Fall“ etwas Anderes als im Juristendeutsch: ein Fall, der einen heldenhaften Anwalt braucht, zum Beispiel einen Anwalt mit dem Trotz des Anfängers, der andere Wege geht, als im Lehrbuch empfohlen, einen Unangepassten, der sich nicht abfindet mit der Prognose aussichtslos. Kurz: einen wie Elyas M‘Barek.

Ein aussichtsloser Fall

"Wenn eine Tat emotional nachvollziehbar ist, dann kann das die Strafe mildern. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Geschäft und ein Junge klaut Ihnen einen Apfel. Dann sind Sie sauer. Aber wenn der Junge Ihnen erklärt, dass er seit zwei Tagen nichts mehr gegessen hat, dann sind Sie nicht mehr so sauer. Verstehen Sie? Warum haben Sie’s getan?" Elyas M‘Barek spielt Caspar Leinen, den Verteidiger im aussichtslosen Fall. Leinen ist ein junger Mann türkischer Herkunft, der sich hochgearbeitet, sich behauptet hat gegen Vorurteile und soziale Barrieren und der nun vor seiner ersten Pflichtverteidigung steht. Collini, der Italiener aus der Hotellobby, hat ein Schwergewicht der deutschen Industrie getötet. Hans Meyer. Unter dem Namen ist der Tote bekannt, nur steht in den Akten ein anderer Name, Jean-Baptiste. Und so erkennt Leinen nicht sofort, dass er den Verstorbenen kennt, gut sogar. Es ist der Großvater eines Schulfreunds, ein Mann, dem er persönlich viel zu verdanken hat: einen guten Schulabschluss zum Beispiel, unbeschwerte Sommertage am See, das erste eigene Auto. Daran erinnert ihn wenig später auch die Enkelin des Ermordeten, Nebenklägerin und Leinens Jugendliebe.

Elyas M‘Barek spielt Caspar Leinen, den Verteidiger im "Fall Collini"

Elyas M‘Barek spielt Caspar Leinen, den Verteidiger im "Fall Collini"

Das Bild vom integren Geschäftsmann und liebevollen Familienmenschen wird Caspar Leinen bald korrigieren: Hans Meyer hat als SS-Sturmbannführer italienische Partisanen erschießen lassen – unter ihnen auch Collinis Vater. Als Collini Anzeige erstattet – lange vor dem Mord im Hotel, kam er zu spät. Ende der 60er-Jahre sorgte eine Gesetzesänderung in Deutschland dafür, dass Taten wie diese früher verjähren, eine Art Amnestie für NS-Verbrechen. Ferdinand von Schirach hat diesen Justizskandal in seinem Roman „Der Fall Collini“ beschrieben: in der typischen Art des Autors – zurückhaltend, ohne das Bedürfnis, zu dramatisieren, zu psychologisieren. Regisseur Marco Kreuzpaintner geht einen anderen Weg: Das Pathos des Films, die wuchtige Emotionalität kann einen überraschen, wenn man die literarische Vorlage kennt. Sollte es aber nicht, wenn man den Regisseur kennt, kontert der, Marco Kreuzpaintner: "Wenn Sie jetzt einen Kreuzpaintner ohne Emotionen verlangen, da gibt es glaub ich andere Regisseure – die nüchterner sind als ich. Ich erzähl natürlich sehr viel pathetischer, ich erzähl auch sehr viel opernhafter und sehr viel emotionaler. Aber vielleicht – so hoffe ich – treffen sich die beiden Welten da an einem Punkt, die für den Film ideal ist. Weil natürlich eine nüchterne, faktisch-fundierte Vorlage gibt, die dann fürs Kinoerlebnis emotional aufbereitet wird.

Kein Kreuzpaintner ohne Emotionen

Ein Beispiel? Der Film gönnt sich einen ausgesprochen langen, ausgesprochen gefühligen Schluss. Der Prozess endet überraschend – warum darf an dieser Stelle nicht verraten werden – doch: mit diesem Prozessende endet auch das Buch. Der Film hingegen dreht noch eine Schleife. Elyas M‘Barek sieht seinen Mandanten plötzlich als kleinen Jungen vor sich – an der Seite seines Vaters, in sanfte Farben gehüllt. Das mag eine Art sein, die Gefühle des Anwalts zu veranschaulichen, ein Weg, um zu zeigen, wie sehr ihn der Fall mitgenommen hat, wie sehr er sich einen Moment der Gerechtigkeit wünscht. Aber irgendwann fragt man sich doch, ob all das nötig ist – die pompöse Inszenierung der Gerichtsszenen, die dramatische Musik, das Spiel mit farblichen Effekten – und ob dieser Ton wohl dem Autor der literarischen Vorlage gefallen würde, dem Meister der Reduktion, Ferdinand von Schirach?

"Es gab einen Austausch, aber Herr von Schirach ist auch da sehr zurückhaltend, weil er versteht, dass sein Buch das Buch ist und der Film der Film", sagt Kreuzpaintner. "Das ist auch kein Autor, der sich beschwert – der findet den Film toll, das ist gut zu wissen. Aber ich geh ja auch nicht zu einem Autor und sage: 'Sollten Sie nicht viel lieber den Roman emotionaler schreiben, damit hinterher ein Film draus gemacht werden kann und sie es dem Regisseur einfacher machen.'"

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