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"An irgendetwas musste sich die Diskussion ja entzünden" | BR24

© Audio: Bayern 2/ Bild picture alliance/dpa

Rezension von Monika Marons neuem Buch: "Artur Lanz"

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"An irgendetwas musste sich die Diskussion ja entzünden"

Sie sagt, sie wolle nicht provozieren, sondern sie werde von dem provoziert, was passiert. Monika Maron hat einen heiteren, aber fahrlässig zündelnden Roman geschrieben. "Artur Lanz" ist bestes Futter für rechte Mitstreiter.

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Artur Lanz heißt der Mann, dem Charlotte Winter auf einer Parkbank begegnet. Artur Lanz, um die 50, geschieden und mutlos; obwohl ihn die Mutter einst, als sie sich in Heldengeschichten träumte, nach König Artus und Ritter Lanzelot benannte. Nun stimuliert er Charlotte Winter, 75, zu einer Geschichte über Helden, Mut und Ehre. Helden sind ausgestorben, nicht die Sehnsucht nach ihnen, weiß die Schriftstellerin und fragt rhetorisch: "Weil die deutsche Schuld jeden Gedanken an deutsche Helden für alle Zeit verbot?"

"Ich fühle mich provoziert"

"Ich will ja gar nicht provozieren, sondern ich fühle mich provoziert, über solche Dinge nachzudenken, die mich einfach beschäftigen, die mich auch ein bisschen verrückt machen. Also zum Beispiel das Wort postheroisch leuchtet mir einfach nicht ein. Aber ich will nicht provozieren, ich fühle mich eher provoziert durch das, was um mich herum passiert", betont Maron. Was dann folgt, ist eine heitere, diskurs- und provokationsfreudige Erzählung mit Themen der Zeit und marontypischen Motiven: ein schwarzer Hund, viele Zigaretten, der Faible für Gin Tonic, die Aversion gegen Gendersternchen, Solidarität mit dem entmannten Mann und die Helden-Debatte, die sogar in tätowierten Bikern letzte Ritter wähnt. Beim Abendessen mit Freunden – alle "Antikrieg-, Antiatom-, antikolonial-, antifaschistisch", die Frauen Ayurveda-bewegt – bei Ochsenschwanz und Himbeertarte, zündet Charlotte den ersten "Brandsatz": Sie wünscht sich Ehre und Heldenmut und fragt, warum "der Einzug des Islam in Deutschland so wohlwollend kommentiert" werde? – Drei Tretminen in einem Satz: "Der Einzug des Islam in Deutschland". Kein Satz, der das Zusammenleben fördert, eher einer, der Rassismus schürt. Doch das wehrt Maron entschlossen ab: "Nein, das glaube ich nicht. Das hat mit Rassismus wirklich überhaupt gar nichts zu tun."

Figuren, die sich heldenhaft in jede Provokation stürzen

Denn die heftigsten Kämpfer gegen diese Form des Islam seien selbst Menschen aus muslimischen Ländern, erläutert die Schriftstellerin. Sie wehre sich sowieso dagegen, alle Syrer, Türken oder sonst wie als Muslime zu bezeichnen. Denn da seien auch die, die ihr säkulares Leben mit uns zusammen verteidigen wollen, und die seien eigentlich unsere Verbündeten und nicht Herr Mazyek, bei dem die Grauen Wölfe mit untergekrochen seien.

Monika Maron und ihre Charlotte beherrschen das Florett der Sprache mit Witz und Leichtigkeit. Sie kennen alle Nuancen, sie wüssten um Differenzierung, stürzen sich aber heldenhaft in jeden Disput. Noch bizarrer wird es, als Gerald, Physiker, Freund und Kollege Arturs, die Bühne betritt. Ein Wutbürger, den die Grüne Politik empört. "Mit der Erderwärmung als Drohung", verkündet Gerald messianisch, "ließe sich in alle Lebensbereiche eingreifen. Das Ganze sei ein kolossales Erziehungsprogramm".

"Da geht's um die große Transformation aller unserer Lebensumstände, also, das meint er, und ich bin gegen Erziehung", sagt Maron im Gespräch. "Ich bin für Aufklärung, aber gegen irgendeine Erziehung in der Art, weil wer erzieht wen? Da gibt es eine Schicht von Menschen, die plötzlich sagt wir erziehen euch jetzt. Wer hat die eigentlich erzogen?"

"Schnurstracks in Grüne Reich"?

Gerald wittere mit feiner Ossi-Nase alles Diktatorische, sagt Artur, und Gerald ruft: "Als wären wir schnurstracks auf dem Weg ins Vierte Reich, ins Grüne Reich." Charlotte findet diese direkte Assoziation Grüner Politik mit dem Nationalsozialismus "witzig". Ein Disput im Konjunktiv ist das und doch - pardon - die Gleichschaltung von Grüner Politik und NS-Terror. Aus erzählerischen Gründen, sagt Monika Maron: "Ganz genau. Natürlich, wie wäre es denn sonst weitergegangen? Also Artur musste sich an irgendetwas beweisen. Sein Freund musste sich irgendwie ins Unglück reden. Und dann nehmen die Dinge eben ihren Lauf. Also dazu brauchte ich einen solchen Skandal für das Buch. An irgendetwas musste sich die Diskussion ja entzünden."

Arturs Mutprobe ist am Ende die Verteidigung der Meinungsfreiheit des Freundes, dessen Meinung er nicht teilt. Und Kollegin Franziska, die Gerald auf Facebook, auf öffentlicher Plattform, als Verschwörungstheoretiker enttarnt, wird als angebliche "Denunziantin" denunziert. Was für eine verkehrte Welt, die verkennt, wie rasch aus Wutreden Haßreden werden.

Im Contra fühlt sie sich am wohlsten

Schon im letzten Buch "Munin" vertrat Monika Maron fatale Thesen. Ihre jüngsten Essays werden über den rechten Antaios-Verlag vertrieben. Im Contra fühlt sie sich offenbar am wohlsten. Fast 40 Jahre nach ihrem Roman "Flugasche", dem ersten "Umweltroman" der DDR, erschreibt sich Monika Maron nun mit "Artur Lanz", dieser heiteren, aber fahrlässig zündelnden Geschichte, erneut zweifelhafte Combattanten von rechts. "Das ist ein Vorwurf, den kenne ich nun schon immer, den kenne ich seit 'Flugasche'", wehrt Maron müde ab. "Den kannte ich in der DDR sowieso. Also, wer da nicht für den Frieden war, war für den Klassenfeind und gab dem Westen Munition. Daran kann man nichts ändern."

Monika Maron, Artur Lanz, ist bei S. Fischer erschienen.

© S. Fischer/ Montage BR

Cover: Artur Lanz von Monika Maron

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