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Mondkunst zwischen Poesie und Propaganda | BR24

© Museum der Moderne, Foto: Rainer Iglar

Fly Me to the Moon. 50 Jahre Mondlandung, Ausstellungsansicht

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Mondkunst zwischen Poesie und Propaganda

Der Mond war und ist Objekt von Wünschen, Träumen oder handfestem politischem Wettstreit. Und er faszinierte die Künstler. Das Museum der Moderne in Salzburg zeigt Mondkunst vom 17. Jahrhundert – überbordend, aber klug kuratiert.

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"Ground control to Major Tom" scheppert es aus den Lautsprechern, während man im Fahrstuhl nach oben rattert. Ab durch die steinernen Eingeweide des Mönchbergs und hoch zum Museum der Moderne. Ein treffender Prolog zur Ausstellung "Fly me to the moon". Vor allem deshalb, weil man sich als Besucher im ersten Moment selbst ein bisschen so fühlt wie Major Tom im All. Nämlich: lost. Beim ersten Gang durch die Räume entsteht der Eindruck, Tina Teufel und ihre Kuratorenkolleginnen hätten bei der Konzeption der Ausstellung vor allem eines im Sinn gehabt: Vollständigkeit.

"Thematisch setzt die Ausstellung schon im 17. Jahrhundert an", erklärt Teufel, "als die ersten wissenschaftlichen Erforschungen des Mondes durch die Erfindung des barocken Teleskops möglich waren." Weiter geht es von Galileo Galilei bis Edvard Munch, von Andy Warhol bis zu Pippilotti Rist. Die Ausstellung versammelt so ziemlich alles, was die Kunst- und Kulturgeschichte der letzten 400 Jahre zum Thema Mond so hergibt. Über hundert Exponate sind zu sehen, die verschiedensten künstlerischen Medien vertreten. Eine geradezu überbordende Zusammenstellung, aber klug kuratiert.

© Nuotama Frances Bodomo

Nuotama Frances Bodomo: "Afronauts" (2014)

Ästhetische Faszination und Phantasien der Eroberung

Poesie und Politik, das sind die Pole, zwischen denen die Ausstellung mäandert. Da ist auf der einen Seite die Faszination für die Fremdheit des Mondes, seine Oberfläche, sein Licht, mit anderen Worten: seine ästhetische Seite, die in den wissenschaftlich-nüchternen Mondstichen der Renaissance genauso zur Geltung kommen wie im leuchtenden Farbrausch der Expressionisten. Beim unschuldigen Anstarren des Mondes ist es jedoch nicht geblieben: das Space Race, der Wettlauf um seine Eroberung, ist das zweite zentrale Thema der Ausstellung. "Man darf nicht vergessen", sagt Tina Teufel, "zur Zeit des kalten Krieges: das war ein Wettrüsten und dieses Wettrüsten fand nicht nur auf terrestrischer, sondern auch auf lunarer Ebene statt."

Dieser Wettstreit wurde durchaus auch mit Unterstützung der Kunst ausgefochten, wie eine Bilderserie von Robert Rauschenberg zeigt, der Karten und Fotografien der NASA zu poppigen Collagen zusammensetzt. Cool anzuschauen, aber ziemlich propagandistisch: "Im Grunde kann man diese Arbeit tatsächlich als Auftragswerk bezeichnen", erläutert Teufel, "weil Robert Rauschenberg offiziell von der NASA mit unterschiedlichen Arten von Materialien versorgt worden ist – mit den Fotografien, die die Astronauten gemacht haben – und offiziell dazu aufgerufen wurde, diese auch in seine Arbeiten einzubauen."

© SCHAUWERK Sindelfingen, Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin

Sylvie Fleury High: "High Heels on the Moon" (2005)

Ikonische Bilder und kritische Perspektivwechsel

Was bleibt von der Mondlandung, das sind vor allem Bilder. Ja, Ikonen. Das macht die Ausstellung eindrücklich klar. Der Schuhabdruck im Mondstaub, Buzz Aldrin mit der US-Flagge. Alles Ergebnisse der offensiven Medienstrategie der NASA. Und Ausdruck einer imperialistischen Attitüde, die zahlreiche Arbeiten kritisch aufgreifen. Aus feministischer Sicht etwa die Schweizer Künstlerin Sylvie Fleury mit dem Neonschriftzug High Heels on the Moon. Tatsächlich waren bislang nur Männer auf dem Mond. Weiße versteht sich – Neil Armstrongs erster Schritt auf dem Mond, wirklich ein großer Schritt für die Menschheit? Aus dieser Perspektive eher fragwürdig.

Zur Ehrenrettung der Mondfahrt muss man allerdings sagen: Das sind nicht die einzigen Bilder, die von ihr bleiben. Tina Teufel betont: "Man darf nicht vergessen, dass eben mit den Fotografien, die von den Astronauten angefertigt worden sind, die Erde als dieser Planet wahrgenommen worden ist, auf dem keine politischen Grenzen von außen wahrnehmbar sind. Die ganze Fragilität unseres Planeten ist eigentlich sehr stark ins Bewusstsein gerückt."

Der Blick vom Mond auf die Erde: Auch diese Perspektive wird in der Ausstellung aufgegriffen. Am offensichtlichsten in einer Installation von Ingo Günther. Zwölf Globen, auf denen eine ganze Reihe von Phänomenen aufleuchtet, die nur global zu begreifen sind: von Flüchtlingsströmen bis zur Verschmutzung der Weltmeere. Womit bei der Abfahrt mit dem Fahrstuhl Major Tom dann auch nicht mehr ganz so gut passt wie auf der Hinfahrt. Denn während der melancholisch ins unendliche All entschwindet, stößt einen die Ausstellung bei aller Mondlust am Ende zurück auf den Boden irdischer Tatsachen und Probleme.

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