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"Es ist schon jetzt ein gewisser Vandalismus zu beobachten" | BR24

© dpa-Bildfunk/Matthias Balk

Rote Poppies für die Frieden: Der Münchner Künstler Walter Kuhn hat den Königsplatz in ein Meer von Mohnblumen verwandelt.

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"Es ist schon jetzt ein gewisser Vandalismus zu beobachten"

Tausende Mohnblumen aus roter Kunstseide sprießen zur Zeit auf dem Münchner Königsplatz: ein Mahnmal für den Frieden. Im Gespräch erzählt Künstler Walter Kuhn, dass die Stadt München von seinem Projekt zunächst aber nicht angetan gewesen sei.

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Der Königsplatz in München steht zur Zeit in voller Blüte: Dort wogt ein knallrotes Mohnblumenfeld. Das ist allerdings nicht dem Klimawandel geschuldet, sondern eine Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren: Die großen, einen halben Meter hohen Mohnblumen aus roter Kunstseide hat der Münchner Aktionskünstler Walter Kuhn dort installiert - zum Gedenken an die Millionen Soldaten und zivilen Opfer dieses und anderer Kriege. Barbara Knopf hat mit Walter Kuhn über das Blumenmeer gesprochen.

Barbara Knopf: Grüß Gott, Herr Kuhn. Zuallererst einmal wirkt Ihr Mohnfeld ja schön, dekorativ auch – wie eine Selfie-Attraktion für Einheimische und Touristen. Aber das dürfte ja nicht Ihr Antrieb gewesen sein!

Walter Kuhn: Nein, es war nicht mein Antrieb. Aber natürlich wollte ich mit etwas Schönem dazu beitragen, dass man über dieses Ereignis nachdenkt, also wofür das steht.

Die Mohnblumen sind ja vor allem im englischen Raum ein bekanntes Motiv zum Gedenken der Kriegstoten. Wie kamen Sie auf dieses Motiv und wie haben Sie es dann entwickelt?

Ich habe tatsächlich die Mohnblumen das erste Mal nicht in England gesehen, sondern in Ypern. Das ist eine Stadt in Westflandern, in Belgien, wo im Ersten Weltkrieg vier Jahre lang erbitterte Kämpfe stattgefunden haben. Da hat man um einen einzigen Hügel gekämpft, der dann den Zugang zum Kanal hätte ermöglichen können. Immer wieder hin und her. Es sind dabei ungefähr 500.000 Soldaten ums Leben gekommen. Außerdem ist auch die ganze Stadt Ypern zerstört worden. Und in dieser Stadt ist ein sehr ergreifendes Museum, was diese Schrecklichkeiten des Ersten Weltkriegs sehr detailliert beschreibt, unter anderem auch die ersten Giftgas-Einsätze, die Schrecken und Tod verbreitet haben. In der Umgebung dieser Stadt sind überall Kriegerdenkmäler und Soldatenfriedhöfe. Und wo Kriegerdenkmäler oder Friedhöfe der Engländer zu sehen waren, waren dort immer auch diese roten Poppies als Erinnerung. Da bin ich das erste Mal draufgekommen, dass diese Poppies dem Heldengedenken der Soldaten im Ersten Weltkrieg zunächst einmal gewidmet sind.

Die Mohnblumensamen können ja in so einer verwüsteten Erde tief unten überleben und keimen dann eigentlich sehr rasch auf offenen Böden wieder. Das ist vielleicht auch so eine Assoziation zu den Mohnblumen.

Tatsächlich ist es so, dass, botanisch gesehen, die Mohnblume eine sogenannte Pionier-Pflanze ist, die auf wenig fruchtbaren Böden wachsen kann. Und diese Mohnblume ist als Symbol eigentlich aus einem Gedicht entstanden, das ein kanadischer Offizier, John McCrae, geschrieben hat – einen Tag, nachdem sein Kamerad im Feld geblieben ist. Und er hat dann eben dieses berühmte Gedicht „In Flanders Fields the poppies blow“ geschrieben. Er hat all seinen Kummer da reingeschrieben und unter anderem war es so etwas wie ein Trost, dass bald auf diesem aufgeschütteten, frischen Grab bestimmt wieder ein erster Schmuck entsteht.

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© BR Rundschau

Am 11. November 2018 jährt sich der Tag des Waffenstillstandsvertrags von Compiègne. Aus diesem Anlass hat der Münchner Aktionskünstler Walter Kuhn den Königsplatz in ein Meer von mehreren Tausend Mohnblumen verwandelt.

Und wie kamen Sie nun von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs zu dem Münchner Königsplatz, der natürlich auch Paradeplatz für die Nazis war, der also eng verbunden ist mit dem Zweiten Weltkrieg? War das von Anfang an so konzipiert, dass es dort sein wird?

Für mich war von Anfang an klar, dass es nicht nur eine Erinnerungsveranstaltung an den Ersten Weltkrieg sein soll. Ich möchte das eigentlich als ein Mahnmal, als eine lautstarke Demonstration gegen Krieg und für Frieden gesehen haben. Und der Königsplatz ist einfach ein zentraler Platz, der vor allem während der Nazizeit eine Bedeutung hatte: wo SA, SS und Wehrmacht Parade gestanden haben, wo die Soldaten Hitler die Treue bis in den Tod geschworen haben. Und deswegen dachte ich, dass dieser Platz wirklich am besten geeignet ist, diese verschiedenen Etappen der Kriege und dieses kriegerischen Jahrhunderts miteinander zu verknüpfen.

War denn die Stadt München gleich angetan von Ihrem Projekt, Mohnblumen auf dem Königsplatz aufzustellen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe zweimal von den zuständigen Stellen im Kulturreferat eine Ablehnung bekommen – und zwar ohne jegliche Begründung. Das hat mich schon ein bisschen geärgert. Ich habe dann allerdings einen sehr prominenten Befürworter des Projektes gefunden, Professor Nerdinger, den Gründungsdirektor des NS-Dokuzentrums. Und mit dem Empfehlungsschreiben von ihm bin ich dann als nächstes zu den Bezirkspolitikern gegangen, im Stadtbezirk Maxvorstadt. Und die waren von Anfang an irgendwie sehr angetan von dieser Sache und haben mir einen Zuschuss für dieses Projekt eigentlich auch in Aussicht gestellt, wenn ich es nicht anders finanzieren kann, der wirklich erheblich war.

Es hat ja nun geklappt mit der Stadt München. Sie selbst sind ja 1946 geboren, also ein Nachkriegskind. Sie sind im zerbombten Nürnberg aufgewachsen. Ist Ihnen der Krieg sozusagen in die Glieder gefahren?

Also es spielt eine Rolle. Ich kann mich noch gut erinnern, 1952 bin ich in die Schule gekommen und ich bin jeden Tag über die Nürnberger Burg in die Schule gelaufen. Da war die Burg selbst und alles außen herum noch total zerstört. Ich habe noch einen zweiten Beweggrund für dieses Projekt, der liegt in Frankreich selber. Ich habe ein Ferienhaus in Frankreich, im Massif central. Das ist eine sehr, sehr abgelegene, einsame Gegend, ziemlich stark entvölkert. Fast nur alte Leute leben da und überall in diesen kleinen Dörfern dort findet man Kriegerdenkmäler. Es gibt ein wunderschönes Denkmal, auf dem nur die Namen der gefallenen Soldaten stehen, 58 an der Zahl, in einer wirklich kleinen Gemeinde. Und als Inschrift auf diesem Denkmal steht: „Maudite soit la guerre“ – „Verdammt sei der Krieg“. Es ist wahrscheinlich in Frankreich das einzige Denkmal, wo man nicht nachträglich die Gefallenen heroisiert, sondern das Kind beim Namen nennt.

Aber Sie haben trotzdem die Schönheit gewählt, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Bis 2. Dezember auf dem Münchner Königsplatz: das Mohnblumen-Projekt von Walter Kuhn „Never Again“. Herr Kuhn, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch.

Bitte, bitte, gerne.

Und alles Gute für die Mohnblumen!

Danke schön! Das müssen wir erst noch sehen. Es ist so, dass schon jetzt ein gewisser Vandalismus zu beobachten ist. Es ist insgesamt eine fragile Installation, vielleicht so fragil wie der Frieden.

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