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Mobbing in der Schule: Wo finden Kinder Hilfe? | BR24

© dpa / picture-alliance

Mobbing hat viele Facetten - zum Beispiel Ausgrenzung

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Mobbing in der Schule: Wo finden Kinder Hilfe?

Geschätzt 500.000 Schülerinnen und Schüler werden in Deutschland jede Woche gemobbt. Mobbing hat viele Facetten: Ausgrenzung, Erpressung, Schläge. Computer, Tablet, Handy erleichtern zudem, aus Kindern "Opfer" zu machen. Oft ein Tabu an den Schulen.

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Mobbing an Schulen ist traurige Realität – und sie nimmt trotz aller Appelle eher zu als ab. Doch die meisten Schulen wollen nicht über Mobbing und Gewalt reden. Gibt's bei uns nicht, heißt es allzu oft.

Der Fall Tina - Mobbing über die ganze Grundschulzeit

Tina - so nennen wir sie - hat es erlebt. Ihren richtigen Namen will sie nicht öffentlich preisgeben. Sie geht an eine Grundschule irgendwo im Großraum München.

Als es begann, war sie gerade sechs Jahre alt, kam vom Kindergarten in die Schule. Eigentlich ein Tag, auf den Kinder hinfiebern. So war es auch bei Tina. Aber was sie dann erlebte, möchte niemand erleben müssen.

"Ich wurde von der ersten bis vierten Klasse gemobbt, da ich ein dickerer Mensch war, ein dickeres Kind", erzählt Tina. Manche hätten sie geschlagen. Nach der Schule sei sie verfolgt worden. Sie habe im Unterricht auch beleidigende Briefe bekommen, berichtet Tina. Kleine Zettel auf denen "blöde Kuh", "fette Kuh" oder Ähnliches zu lesen war.

Kinder machen "Opfer" zu echten Opfern

Tina war also ein "Opfer". Ein Begriff, der heute auf Schulhöfen "in" ist, wenn jemand herabgewürdigt werden soll. Was er tatsächlich bedeutet, wissen die meisten nicht, erklärt Dagmar Cordes, Sozialpädagogin beim Schulpsychologischen Dienst der Stadt München.

Der Begriff Opfer wird in der Viktimologie verwendet, um darzulegen, dass da eine Person ist, der Unrecht angetan wird. Die Klarstellung von Recht und Unrecht ist eine ganz wichtige Grundbedingung für die soziale Rehabilitierung der Opfer von Mobbing und deswegen ist dieser Begriff Opfer schon auch angebracht. Durch den Begriff Opfer wird auch noch zum Ausdruck gebracht, dass dieses Unrecht nicht zu rechtfertigen ist, dass es keine Legitimation dafür gibt, dass man in dieser Art und Weise mit einem anderen Menschen umgeht. Schulpsychologin Dagmar Cordes

Täter, Akteure, Mobbende

Es ist nicht einfach, den Verursachern von Mobbing das richtige Attribut zuzuweisen. Die einen sagen Täter, was manchen zu hart erscheint, andere sprechen von Akteuren. Das wiederum klingt nach "Macher", also positiv, was dem Mobbing auch nicht angemessen ist.

Schulpsychologin Cordes plädiert für einen offenen Umgang. Zwar dürfe man Kinder nicht durch Begriffe wie Täter stigmatisieren. Es sei aber dringend geboten von mobbenden Schülerinnen und Schüler zu sprechen, "um einfach nochmal klar zustellen, die einen haben die Verantwortung". Die anderen, die Opfer von Mobbing wiederum hätten den Anspruch, dass sie rehabilitiert werden.

Hilfe suchen bei Mobbing

Zurück zu Tina. Sie tat das einzige, was in dieser Situation richtig ist: Sie suchte Hilfe. Sie erzählte daheim, was los war, und sie ging sogar zur Lehrerin, beschwerte sich. Doch was ihr dann widerfuhr, machte alles noch viel schlimmer.

Meine Mutter hat schon was getan, gleich am Anfang ist sie zu der Lehrerin gegangen, und die hat halt gesagt, ich soll abnehmen, es wäre meine Schuld, und ich selber bin dann auch zur Vertrauenslehrerin gegangen, und die hat auch gesagt, es wäre meine Schuld, und es war echt schwer für mich, diese Zeit. Schulkind Tina

Sozialpädagogin Cordes ist über Reaktionen wie diese entsetzt. Doch auch Ratschläge, die eigentlich gut gemeint sind, können Schaden anrichten. Sie reichen von Beschwichtigungen, das Kind solle sich das nicht so zu Herzen nehmen, über Aufforderungen, es solle sich wehren, bis hin zu Vorschlägen, was es an sich ändern könne oder sogar solle. Die Bandbreite von Fehlern, die beim Umgang mit Mobbing gemacht werden, ist groß. Einer der schlimmsten Fehler ist, die Schuld beim Opfer zu suchen. Ebenso falsch ist die Empfehlung, ein gemobbtes Kind solle am besten die Schule wechseln.

Wenn die Schuld beim Opfer gesucht wird

Das wäre wirklich so eine Horrorvorstellung, dass ein Opfer flüchten muss, weil auch da haben wir die Erfahrung, wenn das so ist, dann bleibt schon dieser Eindruck, wen wir hier nicht haben wollen, den kriegen wir weg auf diese Weise, und das ist immer sehr ungut, und da sind immer dann schon Mitschüler, Mitschülerinnen in dieser Position der Unsicherheit, bin ich jetzt der nächste, mit dem man solche Experimente macht. Dagmar Cordes

Auch Tinas Eltern wollten keinen Schulwechsel. Ihr Kind hat die schlimme Zeit an der Grundschule durchgehalten, weil sie von zuhause in ihrem Selbstwertgefühl immer wieder gestärkt worden ist. Weil ihr gesagt wurde, dass sie so sein darf, wie sie ist, und keiner das Recht hat, sie so zu behandeln. Und es gab auch eine beste Freundin, die zu Tina hielt, eine Freundin, die keine Angst davor hatte, deshalb selbst zum Mobbingopfer zu werden. Beim Übertritt in die 5. Klasse half es Tina, dass viele der mobbenden Mitschüler nicht mehr da waren. Und denen, mit denen sie dann auch an der neuen Schule zu tun hatte, machte sie eine Ansage.

Nach der vierten Klasse hörte es auf, weil ich mein Selbstbewusstsein hatte, ich hab mich dann hingestellt und hab dann allen möglichen meine Meinung gesagt, ich hab gesagt, dass ich das wirklich scheiße finde, was die da machen, und ich hab auch gesagt, stellt euch mal vor, ihr wärt in meiner Situation. Manche sind jetzt noch hier an der Schule, aber die lassen mich halt in Ruhe, und ja, mir geht es heute besser.

Tina hat viel aus eigener Kraft geschafft. Das gelingt den wenigsten Mobbingopfern. Sozialpädagogin Dagmar Cordes hat deshalb für die Stadt München eine eigene Strategie entwickelt, um mit Mobbingfällen umzugehen.

Arbeit mit der Klasse - Unrecht aufarbeiten

Das Wichtigste ist ihr zunächst, das betroffene Kind psychisch zu stabilisieren. Dann wird die Situation in der Klasse analysiert – wie lange geht das Mobbing, wie ist die Qualität der Schädigungen, sind noch Reste von Solidarität aus der Gruppe für das Opfer da oder nicht. Dann wird mit der Klasse gearbeitet und die mobbenden Mitschüler werden mit dem Unrecht konfrontiert, das sie dem betroffenen Kind antun. Bei einigen Fällen findet eine Täter-Opfer-Mediation statt.

"Dann gehen nochmal Täter und Opfer zusammen in die Klasse und berichten, wie sie letztendlich dieses Mobbing und die Folgen des Mobbings miteinander aufgearbeitet haben, und dann wird auch noch ganz offiziell dargelegt, dass jetzt wieder alle Beteiligten, das Opfer wie die ehemals mobbenden Schüler, einen guten Platz in dieser Klassengemeinschaft haben müssen." Dagmar Cordes

Sofern die Täter einsichtig sind. Wenn nicht, lässt Dagmar Cordes schon mal Schüler höherer Klassen und Lehrer in Mannschaftsstärke in der betreffenden Klasse auftauchen und ernste Worte mit dem mobbenden Schüler reden. Das verfehlt seine Wirkung meist nicht. Und wenn das nichts nützt, wird einer der "Täter" auch mal der Schule verwiesen. Damit Kinder wie Tina nicht länger leider müssen.

Weißer Ring: Wie geht man mit Opfern um?

"Man muss einfach Geduld haben und zuhören. Wenn man denkt, bei Einbruch gibt es eine Nachtraumatisierung von einem Jahr etwa, da können sie sich vorstellen, was bei Körperverletzungen, Vergewaltigung und versuchter Mord - wie lange das da dauert. Mobbing-Opfer sind wirklich traumatisiert. Sie brauchen Geduld und man muss zuhören. Man muss einfach für die da sein. Da muss man nicht ausgebildet sein, man braucht einfach Geduld und Liebe." Andrea Hölzel

Die gebürtige Holländerin Andrea Hölzel ist Außenstellenleiterin de Opferschutzvereins Weißer Ring in München. Das heißt, sie ist von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends für Opfer erreichbar. Zwei bis 30 Anrufe pro Tag erhält sie pro Tag. Allerdings bearbeitet sie die Fälle nicht allein, ein Team von 26 Ehrenamtlichen arbeitet zusammen.

© BR

Geschätzt 500.000 Schülerinnen und Schüler werden in Deutschland jede Woche gemobbt. Mobbing hat viele Facetten: Ausgrenzung, Erpressung, Schläge. Computer, Tablet, Handy erleichtern zudem, aus Kindern "Opfer" zu machen. Oft ein Tabu an den Schulen.