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Mitten in den virtuellen Trümmern von Mossul, Palmyra und Aleppo | BR24

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Eine Ausstellung ganz ohne Exponate: Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt diesmal ausschließlich virtuelle Bilder von antiken Stätten des Nahen Ostens, die durch Kriege zerstört wurden. Das ist so überwältigend wie unwirklich, ja unvergleichlich.

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Mitten in den virtuellen Trümmern von Mossul, Palmyra und Aleppo

Eine Ausstellung ganz ohne Exponate: Die Bundeskunsthalle in Bonn präsentiert diesmal ausschließlich virtuelle Bilder von antiken Stätten des Nahen Ostens, die durch Kriege zerstört wurden. Das ist so überwältigend wie unwirklich, ja unvergleichlich.

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Die Reiseroute der Ausstellung verläuft vom antiken Ninive, das heute innerhalb der umkämpften irakische Stadt Mossul liegt bis nach Aleppo in Syrien. Hier haben muslimische Reiche von den Umayyaden bis zu den Osmanen großartige Architekturen hinterlassen. Weitere Stationen sind Leptis Magna in Libyen, das von den Phöniziern gegründete „antike Rom“, das aufgrund der ungeklärten politischen Verhältnisse aber sich selbst überlassen ist und langsam verrottet. Schließlich geht die Reise ins syrische Palmyra, die legendäre griechisch-römische "Perle des Orients". All diese Stätten werden in großen Video-Projektionen vorgestellt, so dass der Zuschauer in die architektonischen Landschaften quasi hineingezogen wird.

Kein Normalsterblicher kann dort hinfahren

Es gibt in dieser Ausstellung keine Exponate, es gibt ausschließlich riesige, wandbreite Video-Projektionen – und ein paar Texte und Interviews. Man steht als Zuschauer mitten in diesen antiken Stätten drin, man wird in sie hineingezogen. Und man muss diese Ausstellung einfach sehen, weil derzeit kein Normalsterblicher hinfahren kann an diese gefährlichen Orte, wo nicht nur die antike Architektur, sondern – in den heutigen Metropolen - auch das soziale Leben, die Gesellschaft rekonstruiert und wiederaufgebaut werden müsste.

Das aber hängt von komplizierten politischen Entwicklungen ab. Nicht nur Syrien und die Türkei (und die Kurden), auch Russland, die USA und die europäische Union haben politische Interessen in den umkämpften Gebieten; im chaotischen Libyen mit seinen zwei Regierungen ist die Lage noch komplizierter.

© Oliver Berg/dpa

Trümmer der Moschee des an-Nuri in Mossul in der Bundeskunsthalle Bonn.

Diese Ausstellung zielt auf Überwältigung

Wenn das Pariser "Institut du monde arabe" und sein Präsident Jack Lang mit Unterstützung der UNESCO nun eine Ausstellung zu gefährdeten oder – von den Bilderstürmern des sogenannten IS – bereits zerstörten Kulturstätten veranstaltet, dann hat das einerseits etwas von Bevormundung: Letztlich wollen die westlichen Nationen da ihre schützende Hand über eine fremde Kultur halten. Andererseits ist das bitter notwendig, weil Teile dieser Kultur sich selbst zerstören: Die Konflikte im Nahen Osten sind auch inner-islamische Konflikte.

In dieser schwierigen Situation zielt die nun in Bonn gezeigte Ausstellung auf Überwältigung: der Architekt und Kulturwissenschaftler Yves Ubelmann hat eigens ein Unternehmen gegründet, um mit Drohnen über die alten Kulturstätten hinwegzufliegen und sie als 3D-Modelle zu kartographieren. Aus diesem zunächst rein wissenschaftlichen Interesse sind nun großformatige Filmprojektionen entstanden. Und Rein Wolfs, der Direktor der Bundeskunsthalle, glaubt an die politische Wirkung solcher Veranstaltungen: "Für uns ist die Ausstellung tatsächlich auch eine Ausstellung, um den Besucherinnen und Besuchern klar zu machen, dass es auch um political action gehen müsste."

© Oliver Berg/dpa

Der faszinierende, virtuelle Blick auf die Umayyaden-Moschee in Aleppo

Aber wie? Das Absurde ist nämlich: Gerade weil die gezeigten Stätten zum Weltkulturerbe erklärt wurden, stehen sie auf der Zerstörungsliste der Ikonoklasten, der Bilderstürmer vom 'Islamischen Staat': "Man denkt immer, Weltkulturerbe schützt. Aber Weltkulturerbe macht auch aufmerksam. Und wie trifft man einen Staat, eine Gesellschaft besser, als wenn man das zerstört, was letztendlich auch als Zeichen, als Symbol einer Gesellschaft existiert."

Über Tempel hinweg fliegen

Die antike Metropole Palmyra ist zum Teil vernichtet, etwa der Baaltempel aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. In Mossul, nahe dem alten Ninive, sprengte der 'IS' zwei wichtige Moscheen, weil sich unter ihnen assyrische und christliche Bauwerke befanden. In Aleppo wurden die historischen Suks teilweise zerstört. In Libyen verwesen die Überreste der antiken Stadt Leptis Magna, weil sich wegen des ständigen Bürgerkriegs niemand um sie kümmert.

In Bonn kann der Museumsbesucher nun über all diese Stätten hinweg fliegen, über antike Tempel und Amphitheater, über Kultstätten und mittelalterliche Moscheen. Schon das ist leicht unwirklich und der pure Wahnsinn. Manchmal wachsen dann per Video-Animation die schon zerstörten Bauwerke wieder hoch und machen anschaulich, dass man sie, eventuell, wieder aufbauen könnte: etwa den Tempel des Baalschamin in Palmyra oder die Umayyaden-Moschee in Aleppo. In kurzen Interviews erzählen ehemalige Bewohner der zerstörten Städte von ihrer Heimat, und der Direktor der Bundeskunsthalle sagt: "Wir sind imstande, auch mit unserer finanziellen Schlagkraft, da etwas zu unternehmen. Wir sind auch in der Pflicht, etwas zu unternehmen." Wenn die zerstrittene internationale Gemeinschaft die UNESCO denn etwas tun ließe. Bis dahin können wir diese gefährdeten Stätten nur von oben betrachten. Es ist ein unvergleichliches Erlebnis.

Von Mossul nach Palmyra. Eine virtuelle Reise durch das Weltkulturerbe. Vom 30. August bis 3. November 2019 in der Bundeskunsthalle Bonn

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