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Mitreißend, aber voller Klischees: "Everyday Life" von Coldplay | BR24

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Das neue Coldplay-Album "Everyday Life" ist von der Auseinandersetzung mit afrikanischer Musik und weltpolitischen Themen wie dem Klimawandel geprägt. Dabei klingt die Londoner Band so spielfreudig wie lange nicht mehr.

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Mitreißend, aber voller Klischees: "Everyday Life" von Coldplay

Das neue Coldplay-Album "Everyday Life" ist von der Auseinandersetzung mit afrikanischer Musik und weltpolitischen Themen wie dem Klimawandel geprägt. Dabei klingt die Londoner Band so spielfreudig wie lange nicht mehr.

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Die Witze schrieben sich von selbst: Als die Meldung durchs Netz ging, dass Coldplay – trotz weltweitem Erfolg seit Jahren Zielscheibe für viele Musiksnobs – aus Klimaschutz-Gründen zunächst keine Tour um ihr neues Album "Everyday Life" planen, hagelte es Frotzeleien. "Danke Greta!" schrieben manche, oder "Eine positive Seite hat der Klimawandel wohl doch!"

Coldplay-Frontmann Chris Martin hatte der BBC gegenüber im Interview gesagt, dass sie herausfinden wollten, wie man eine Welttournee nachhaltig und vielleicht sogar klimaneutral gestalten könne. Die schwierigste Hürde seien die oft nötigen Flugreisen – allein während ihrer letzten Tour 2016/17 spielten Coldplay 122 Konzerte auf vier Kontinenten.

Mission Klima retten – mit fragwürdigen Aktionen

Dass sich Coldplay für Themen und Kampagnen stark machen, die sie für wichtig halten, ist nichts Neues: Sie haben ihre Strahlkraft in der Vergangenheit unter anderem für die Fairtrade-Bewegung und Amnesty International eingesetzt und sich für den Verbleib Großbritanniens in der EU stark gemacht. Ihr Interesse an einer umweltbewussteren Art des Tourens ist höchstwahrscheinlich echt. Gerade wenn man bedenkt, auf wieviel Geld Coldplay – zunächst einmal – verzichten.

Zur Veröffentlichung von "Everyday Life", ihrem achten Studioalbum, spielten Coldplay am Freitag ein exklusives, zweiteiliges Release-Konzert in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Im ersten Teil, der um 4 Uhr morgens begann, spielten sie die "Sunrise"-Seite, im zweiten Teil (14 Uhr) die "Sunset"-Seite des Doppelalbums. Die Performance konnte bei YouTube (dem offiziellen Partner der Aktion) gestreamt werden und verwässert zugegebenermaßen die Anti-Klimawandel-Haltung der Band – warum extra nach Jordanien reisen, höchstwahrscheinlich per Flugzeug?

Coldplay wollen die Welt umarmen

Aber dieses Konzert in einem Land im Mittleren Osten dient als Symbol dafür, was Coldplay auf ihrem neuen, extrem ambitionierten Album vorhaben: die Welt zu umarmen. Die Songs auf "Everyday Life" handeln von Liebe ("Church") und davon, dass wir alle "dasselbe Blut teilen" ("Arabesque"). Und wenn der Appell an Nächstenliebe nicht in den Textzeilen zu finden ist, steht er im Songtitel selbst, wie bei "Wonder of the World/Power of the People" und "When I Need a Friend".

Es wird persische Poesie zitiert, auf Französisch gesungen, im Booklet stehen Textpassagen auf Arabisch und in der Yoruba-Sprache, die unter anderem in Nigeria und Benin gesprochen wird. Coldplay versuchen sich an ihrer Version von Weltmusik.

Schwachstelle dabei sind die Texte. Chris Martin war nie der lyrischste oder belesenste Songwriter, und auf "Everyday Life" driftet er viel zu oft in simple Slogans oder grenzwertige Klischees ab:

"In Africa, we dance in the water and hold each other so tight / in Africa the mothers will sing you to sleep / and say 'it's alright child, it's alright'" (Coldplay – Èkó)

Bodenständige Stadiontauglichkeit statt Avantgarde

Diese Afrika-Fetischisierung wirkt anbiedernd und naiv – dabei setzen sich Coldplay auf "Everyday Life" ehrlich und ausgiebig mit Musik aus diesem Kontinent auseinander. Auf dem groovigen "Arabesque" sind Saxophonist und Afrobeat-Legende Femi Kuti (Sohn von Fela Kuti) und die Bläser seiner Band zu hören, im tänzelnden "Trouble in Town" singt ein Kinderchor aus dem südafrikanischen Soweto, und in der klassischen Coldplay-Ballade "Champion of the World" erklingt ein Zitat aus dem nigerianischen Gospel-Song "Otuto Nke Chukwu".

Die Konsequenz, mit der diese Elemente in den neuen Songs auftauchen, gibt dem Album einen klanglichen und inhaltlichen roten Faden, den man bei Coldplay lange nicht mehr gesehen hat – vielleicht zum letzten Mal auf "Viva la Vida" (2008).

"Everyday Life" war als das "experimentellste" Coldplay-Album bislang angekündigt worden. Ein Werk der Avantgarde ist es nicht – aber innerhalb der bekannten Parameter von Stadiontauglichkeit, Pathos und Bodenständigkeit sind Coldplay bemerkenswert spielfreudig und mitreißend – wie zu ihren besten Zeiten.

"Everyday Life" von Coldplay ist bei Warner erschienen.

© Warner/ Montage BR

Das Cover zu "Everyday Life" von Coldplay

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