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Eine junge Frau hält die Hand einer älteren Dame.
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Autoren

Susanne Krahe
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Eine junge Frau hält die Hand einer älteren Dame.

Manchmal gibt es keine Lösung für ein Problem, keinen Rat oder Medikament, das hilft. Spätestens in den letzten Stunden des Lebens sind alle Mittel ausgeschöpft, dieses Schicksal abzuwenden.

"Natürlich kann ich denjenigen unterstützen. Aber ich kann dieses Leid ‚Ich sterbe jetzt, mein Leben ist bald zu Ende, und das merke ich sehenden Auges‘ – das kann ich nicht wegnehmen." Sühling, Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Bei dem anderen bleiben, mit dem anderen Menschen sein Leiden aushalten, mit-leiden – das ist alles, was in diesem Moment bleibt. Mit Resignation hat diese Akzeptanzhaltung nichts zu tun. Sie erkennt Leid als unvermeidbaren Teil des menschlichen Lebens an.

Mitgefühl statt Mitleid

Das Problem mit dem Mitleid: Es kann übergriffig sein, handlungsunfähig und kopflos machen. Fast immer schafft es eine Schieflage zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen, geschieht also von oben herab.

Anders ist es mit dem Mitgefühl. Auch Empathie, Einfühlungsvermögen oder Solidarität genannt. Es ist ein Mitfühlen auf Augenhöhe, das dem anderen die Verantwortung für sich selbst nicht abnimmt.

Mit anderen Empathie zu empfinden darf dabei nicht bedeuten, ständig und unbegrenzt die Last anderer auf die eigenen Schultern zu laden. Das würde sehr schnell zur Überforderung führen.

Mitgefühl wird abtrainiert

Wegschauen, wenn man Leid begegnet; verdrängen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken; das eigene Schicksal in den Mittelpunkt seines Handelns stellen – es gibt viele Arten, sich dem Leid anderer zu entziehen, es unsichtbar zu machen.

Das Tragische daran: Laut Hirnforschung gehört Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere Wesen hineinzufühlen und mit ihnen zu leiden, zur menschlichen Grundausstattung. Schon Kinder fühlen mit anderen mit, bringen Mitgefühl mit auf die Welt. Und doch wird ihnen diese Fähigkeit abtrainiert.

"Ganz wesentlich ist von Kindesbeinen an, dass wir in den Sog des Wettbewerbs hineingezwängt werden. Das fängt ganz früh an, im Kindergarten, in der Schule, erst recht später im Erwachsenwerden und im Berufsleben, es ist ein permanentes Sich– Vergleichen, es ist ein permanentes Ranking von Menschen." Eva Peteler, Ärztin und Gründungsmitglied des Würzburger Flüchtlingsrates

In diesem System wird der Mensch nach Kriterien bewertet, die nichts mit seinem Menschsein zu tun haben, so Peteler. Im Gegenteil: Diese menschlichen Qualitäten werden oftmals als negativ, als Schwäche und Begrenzung abgetan. Egoismus ist das Gebot der Stunde. Eva Peteler: "Ich glaube, wir müssen in der Gesellschaft dazu kommen, dass Mitgefühl, Herzblut und gesellschaftliche Komponenten höher bewertet werden als wirtschaftlicher Nutzen."

Autoren

Susanne Krahe

Sendung

Evangelische Perspektiven vom 14.10.2018 - 08:30 Uhr