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Programmkino "Liliom" in Augsburg
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Mario Kubina
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Programmkino "Liliom" in Augsburg

Ein roter Backsteinbau, daneben bei gutem Wetter Holztische und Stühle, über allem das Rauschen von Stadtbach und Stadtgraben: Das Liliom in Augsburg könnte einfach nur eine Biergartenidylle sein, aber es ist mehr – ein Zuhause für Freunde der Filmkunst, und das seit fast 30 Jahren. Das Gebäude am Unteren Graben stammt aus dem 16. Jahrhundert, ursprünglich diente es den Augsburgern als Brunnenpumpwerk. Ende der 80er Jahre hat Tom Dittrich hat hier Projektoren und Sitzreihen eingebaut.

Große Fußstapfen für die Nachfolger

Mit dem Jahreswechsel hat Dittrich sich zur Ruhe gesetzt. Jetzt betreiben Daniela Bergauer und Michael Hehl das Liliom. Große Fußstapfen sind das, in die sie treten: "Herr Dittrich hat ja das Programmkino nach Augsburg gebracht, mit seiner Leidenschaft fürs Kino" , so Bergauer. "Das ist natürlich etwas, das wir in seinem Sinn fortführen wollen, in einer – in Anführungsstrichen – moderneren Art und Weise."

Klar ist: An Enthusiasmus mangelt es den beiden nicht. Und den brauchen sie auch. Woanders werden Programmkinos dichtgemacht. Mal können die Betreiber die Miete nicht mehr zahlen, mal bleibt das Publikum lieber auf dem Sofa. Viele Filmfans haben inzwischen ihr eigenes Surround-System im Wohnzimmer. Das Filmerlebnis kommt per Streaming-Dienst auf den Bildschirm, und die Lieferpizza gleich dazu. Wie kann Kino da mithalten? Noch dazu ein Arthouse-Kino, in dem zwei Säle mit insgesamt rund 230 Plätzen gefüllt werden müssen? "Kino muss sich ein bisschen neu erfinden", so Michael Hehl. "Das ist definitiv die Intention und die Aufgabe, die wir uns gesetzt haben. Und dazu muss man viel Leidenschaft hineinstecken, denn die Zeiten, in denen man ein Plakat aufgehängt hat und den Trailer gespielt hat – die sind, bis auf vier Filme im Jahr, sogenannte Selbstläuferfilme – diese Zeiten sind endgültig vorbei."

Klassiker und kleine Produktionen

Eine Idee von Bergauer und Hehl ist, Filmvorführungen und Gastronomie stärker zu verzahnen. Zum Beispiel mit der Reihe "Kino und Vino": Immer donnerstags gibt es auf Wunsch zum Film ein Gläschen Bio-Wein. Oder mit dem Film-Brunch am Sonntag. Aber es geht den beiden Neuen nicht nur darum, Alternativen zur Lieferpizza zu bieten. "Man muss sich lokal engagieren", sagt Daniela Bergauer, "und auch mal eine Abendschiene oder eine Spätabendschiene machen und etwas Besonderes bieten. Dann findet man auch sein Publikum. Wir haben das gesehen, als wir gleich am dritten Tag 'Odyssee im Weltraum' gezeigt haben: Auf einmal war das ganze Kino voll. Ich denke schon, dass man mit einem besonderen Programm auch sein Publikum findet."

Zu diesem Programm gehören außer Science-Fiction-Klassikern auch kleinere Produktionen. Filme, die nicht unbedingt das Zeug zum Kassenmagneten haben. Dafür dürfen sie ruhig ein bisschen "abgefahren" sein, wie es Bergauer formuliert. Von kleinen, feinen Filmen verstehen die beiden eine Menge: Bergauer und Hehl führen auch den Münchner Verleih Temperclayfilm, der für französische Arthouse-Produktionen bekannt ist. Zwei Filmverleiher, die ein Kino managen: Sind im Liliom in Zukunft vor allem Temperclay-Filme zu sehen? "Nein, auf keinen Fall", versichert Michael Hehl. "Wir werden die Vielfalt abbilden, die die Arthouse-Verleiher-Landschaft abbildet. Und wir werden auch die Filme einsetzen, die aktuell jede Woche starten."

So kommt es, dass es auch mal Überschneidungen mit dem Angebot der großen Entertainment-Tempel gibt. Der Erfolgsfilm "Der Junge muss an die frische Luft" über die Kindheit von Hape Kerkeling zum Beispiel steht auch im Liliom auf dem Programm. Dass sich Popcorn-Kino und Filmkunst ausschließen, halten Hehl und Bergauer sowieso für ein Gerücht.

Eine der ersten Produktionen, die unter den neuen Betreibern über die Liliom-Leinwand flimmert, ist übrigens doch eine aus dem Verleih der beiden: "Die Poesie der Liebe" – eine Komödie über ein Pariser Schriftsteller-Paar, gedreht vom französischen Regisseur Nicolas Bedos.

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Mario Kubina

Sendung

kulturWelt vom 14.01.2019 - 08:30 Uhr