Im "Singer"-Haus am Newski-Prospekt nach der Renovierung am 12. November 2022
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Neugierige Leser: Buchhandlung in St. Petersburg

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    "Mit nackter Seele": Russland geht an die "Kulturfront"

    "Mit nackter Seele": Russland geht an die "Kulturfront"

    Weil die russische Armee weltanschaulich "blind" und orientierungslos sei, wollen Künstler jetzt einen "philosophischen Krieg" ausfechten und für Abhärtung sorgen: Es fehlten "erhebende Lieder" und vaterländische Filme. Kann Martin Heidegger helfen?

    Nach einer Kriegsverletzung durch eine Mine ist der in Russland populäre Blogger Semjon Pegow, besser bekannt als "Wargonzo" mit 1,3 Millionen Telegram-Fans, derzeit auf Krücken angewiesen. Der Propagandist eilt trotzdem an alle Fronten und versucht nach Kräften, die Bevölkerung vor "hysterischer Panik" zu bewahren. Damit hat er reichlich zu tun, denn neuerdings sorgen Gerüchte über eine Teil-Evakuierung auf der Krim für Wirbel. Tatsächlich gebe es bereits entsprechende "Schulungsveranstaltungen", so Pegow, und es würden Schützengräben ausgehoben, was er als "nüchterne Vorsorge" bezeichnete: "Also reißen wir uns zusammen, graben wir weiter und trainieren wir weiter. Es ist nicht beschämend oder defätistisch."

    "Unsere Armee kämpft blind"

    Wirklich zuversichtlich klingt das alles für russische Leser natürlich nicht, und dass Gerüchte umlaufen, wonach Putin nach Neujahr plant, bis zu zwei Millionen Soldaten zu mobilisieren und den landesweiten Kriegszustand auszurufen, ist für "Ultrapatrioten" auch nicht gerade motivierend. Blogger wittern schon einen "Märtyrer-Kult", wonach der Kreml darauf hoffe, dass eine "große Zahl von Opfern" die russische Gesellschaft zusammenhalten und das Regime stärken werde, "und zwar unabhängig davon, ob das Ergebnis Sieg oder Niederlage sein" werde.

    Bei diesen trüben Aussichten wundert es nicht, dass "Wargonzo"-Pegow sich als Reha-Patient in die neue "Kulturfront" einreiht, die im russischen Parlament gegründet wurde. Mit der umstrittenen Initiative wollen rund 230 "vaterländische" Kreml-Fans aus der Kulturbranche für Aufbruchsstimmung sorgen - und noch schärfer gegen vermeintlich "liberale" Kollegen vorgehen. Pegow bemängelte, dass es in den russischen Schützengräben anders als in der Ukraine keine "erhebenden Lieder" gebe: "Unsere Armee kämpft nicht nur blind, sondern mit nackter Seele." Gegenwärtig empfänden alle Beteiligten nur noch "Schmerzen", so Pegow. Es gebe "keinen einzigen Film" über das "russische Erwachen", dabei sei es doch so leicht, die Stimmung zu heben und "alles cool" zu gestalten.

    "Fleisch und Blut des Volkes"

    Der Schauspieler, Regisseur und nationalistische Politiker Nikolai Burljajew (76), versammelte die "Kulturfront"-Arbeiter am Tag des Erzengel Michael um sich und zitierte keinen Geringeren als den großen russischen Schriftsteller Nikolai Gogol, um für sein Anliegen zu werben: "Jetzt kämpfen wir um die Seelen der Menschen." Es lohne nicht, den vielen emigrierten Künstlern hinterher zu trauern, die "Mehrheit der schöpferischen Menschen" sei noch im Land. "Sie werden schwanzwedelnd zu unseren Bedingungen zurückkommen", so Piotr Tolstoi (53) von der Putin-nahen Partei "Einiges Russland" über die Emigranten. Er will die Zensur weiter verschärfen und setzt auf "restriktive Maßnahmen", will jedoch gleichzeitig "erwünschte Kulturprojekte" deutlich stärker unterstützen.

    Zu den Führungsfiguren der "Kulturfront" wurden neben anderen die Chefredakteurin des Propaganda-Senders RT, Margarita Simonjan, und ihr Mann, der Regisseur Tigran Keossjan gewählt. "Wir werden unser Bestes tun, um unsere Kultur vor den Angriffen des kollektiven Westens zu schützen, um die traditionellen Werte der Völker Russlands zu bewahren. Wir sind Fleisch und Blut des russischen Volkes, gemeinsam werden wir alle Feinde besiegen", so Keossjan, der zufrieden feststellte, dass Vertreter der "Kulturfront" künftig bei der Filmförderung mitreden werden.

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    "Kulturfront"-Kämpfer Nikolai Burljajew

    Mit großen Worten sparen die "Kulturfront"-Propagandisten nicht: Sie sehen sich selbst als ideellen "Generalstab". Der Regisseur Andrej Konschalowski forderte, in die "Offensive" zu gehen und den "Volkskrieg" auszurufen, und zwar "geografisch wie kulturell". Russland sei "vielleicht der wichtigste Verteidiger der europäischen Kultur". Mit solchen Äußerungen rennt der Filmkünstler beim rechtsextremen Philosophen und Putin-Liebling Alexander Dugin offene Türen ein: Er sieht sich als geistigen "Krieger" und fragte sich öffentlich, was eigentlich das russische Kulturministerium in den letzten Jahren gemacht habe: "Wir haben einfach keine Kultur. Wir haben nichts."

    Mit Heidegger alles "in Trümmer" legen

    Das Land sei weltanschaulich vom Westen "versklavt", so Dugin, die gesamte Kulturbranche vom Ausland "besetzt". Dazu passt allerdings nicht, dass der Philosoph auf seinem eigenen Telegram-Kanal die deutschen Großdenker und Zivilisationskritiker Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) und Martin Heidegger (1889 - 1976) zur intensiven Lektüre empfiehlt. Sicherlich kein Zufall, dass beide weltweit im rechtsintellektuellen Milieu in Mode sind. Dugin bedauert, dass so wenige Russen Deutsch und Französisch sprechen und das Russische als "Denksprache" verkümmert sei. Wer von Heidegger lernen wolle, müsse "aufmerksam den deutschen Wörtern lauschen" und ihren tieferen Sinn verstehen.

    Das Beste am hoch umstrittenen Heidegger sei, dass der Denker die Geistesgeschichte vor ihm in "Trümmer" gelegt habe, so Dugin. Von ihm könnten die Russen lernen, wie sie das Alte hinter sich ließen und "das Neue" aufbauten: "So sollten wir grundsätzlich auch handeln, aber mit der Besonderheit, dass wir nichts zu zertrümmern haben, da unsere Kultur der russischen Philosophie kein angemessenes Sprachniveau bot. Das erzeugt bestimmte Probleme."

    "Mit Verbot von Autoren rechnen"

    Ohne die "Kulturfront" sei ein Sieg im Angriffskrieg auf die Ukraine "unmöglich", sagte der rechtsextreme Oligarch Konstantin Malofejew, aber jetzt winke endlich die "lang ersehnte Offensive". Die "Gesetzlosigkeit" in der Kulturbranche werde ein Ende haben. Andere nannten die "Kulturfront" eine geradezu "historische" Errungenschaft nach dreißig Jahren "Niedergang".

    Weniger fundamentalistische Kreise in Russland fürchten dagegen den zunehmenden Fanatismus der Propagandisten und erwarten weitere "Säuberungen" in Kino, Theater, Fernsehen und Schulen. "Das Land kehrt zu den guten, alten Zeiten zurück", so ein Kritiker in der "Nesawissimaja Gaseta" und spielte damit auf die Zustände in der Sowjetunion an. Die "Kulturfront" sei ein williges Werkzeug des Kreml, wenn sie nicht sogar dort geplant worden sei.

    Liberale Politiker verweisen darauf, dass im ganzen Land Kulturstätten zerfallen und es großen Renovierungsbedarf gebe. Stattdessen werde eine "Cancel Culture" auf den Weg gebracht, schon der Name "Kulturfront" zeige ja, dass es um einen Kampf gehe: "Daher sollten wir überall mit dem Ausschluss der liberalen Agenda rechnen, mit dem Verbot von Autoren, Filmen, Kulturschaffenden, die die offizielle Linie nicht unterstützen", so Emilia Slabunowa von der sozialliberalen Partei "Jabloko".

    Die innerrussischen Spötter sind ebenfalls nicht weit: Sie höhnten über die "Kulturfront", das sei wohl eher eine "Kontaktlinie" und empfahlen den Nationalisten, zur Beruhigung Backgammon zu spielen.

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