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Mit Mama wäre das nicht passiert: "I Masnadieri" in München | BR24

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Männer drehen ohne Mutter durch: An der Bayerischen Staatsoper legt Regisseur Johannes Erath die Problem-Familie Moor aus Schillers "Räubern" nicht auf die Couch, er setzt sie an den Tisch. Dort spukt es gewaltig, was nicht so recht zu Verdi passt.

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Mit Mama wäre das nicht passiert: "I Masnadieri" in München

Männer drehen ohne Mutter durch: An der Bayerischen Staatsoper legt Regisseur Johannes Erath die Problem-Familie Moor aus Schillers "Räubern" nicht auf die Couch, er setzt sie an den Tisch. Dort spukt es gewaltig, was nicht so recht zu Verdi passt.

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Immerhin, an Deutschland leiden diese Männer nicht, dafür an Mama, und das erweist sich als viel gefährlicher. Erst essen sie nichts, dann träumen sie schlecht und am Ende sind alle tot. Sehr ungesund also das Ganze für die Familie Moor, speziell an der Bayerischen Staatsoper! Nun ist es aus heutiger Sicht nicht sonderlich schwer, sich über Schillers Sturm-und-Drang-Stück "Die Räuber" (1782) lustig zu machen, und noch leichter, Verdis nach dieser Vorlage komponiertes Frühwerk "I Masnadieri" (1847) als reißerisch und unglaubwürdig abzuhaken.

Lesetipp für Corona-Zeiten

Den Engländern war diese Oper zu laut, den Deutschen zu primitiv, den Italienern zu abseitig. Der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki soll mal gesagt haben, Schillers Stück solle man am Besten bei Grippe und Pubertät lesen, da sei es fabelhaft. Vielleicht also ein Lesetipp in Corona-Zeiten. Wie auch immer, es ist zweifellos genial, aber auch unwahrscheinlich bis unmöglich, absurd und wirr, dafür wild entschlossen, und deshalb versuchte Regisseur Johannes Erath gar nicht erst, Schillers und Verdis Geschichte zu erzählen, sondern verlegte sich gleich auf die Psychoanalyse, denn im Kopf von uns allen, besonders im Unterbewusstsein, geht´s ja auch selten logisch und folgerichtig zu.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Karl Moor unter Gespenstern

Also ist auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper die Familie Moor zu sehen, die ohne Mama auskommen muss. Die war offenbar zu Lebzeiten eine berühmte Cellistin und starb irgendwann und irgendwo. Ihr Musikinstrument steht noch in der Ecke, es ist aus dem Orchestergraben auch deutlich zu hören, denn Verdi komponierte für die Uraufführung in London extra ein paar effektvolle Takte für den damaligen Star-Cellisten Alfredo Piatti, wie dem informativen Programmheft zu entnehmen war (Solo-Cello bei der Premiere: Emanuel Graf).

Triste Tafel, leerer Platz

Es hat also seinen Grund, dass Johannes Erath die Handlung um eine cellospielende Mutter kreisen lässt. Seit sie tot ist, speist die Familie Moor täglich an einer tristen Tafel und hält ihr symbolisch einen Platz frei, woran Vater, Söhne und Nichte allmählich irre werden. Das ist über knapp drei Stunden außerordentlich gekonnt inszeniert, konsequent in schwarz-weiß bebildert, also als Nachtstück, als unbewältigter Albtraum. Ohne Mama drehen alle Männer durch, werden Räuber, Mörder oder Melancholiker und Amalia, die arme, einsame Nichte in dieser Familie, bricht darunter zusammen, dass sie ständig in die Rolle der Ersatzmutter gedrängt wird.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Hirsch-Familie komplett

Das ist alles in sich stimmig, Erath und sein Ausstatter Kaspar Glarner haben sehr plausbile Bildideen, verlegen ihre Familienaufstellung in einen aberwitzig verzerrten Renaissance-Saal, in dem die Perspektive so verbogen ist, als ob draußen ein Schwarzes Loch daran herum zerrt. Irgendwann taucht hinten eine Rothirsch-Familie auf, vollständig, also mit Mutter, schemenhaftes Symbol für die Konstellation, die hier Scherereien macht.

Drei Opern zum Preis von einer

Bei einer impressonistischen Oper oder auch bei einem Verismo-Reißer aus der Zeit um 1900 hätte das wunderbar funktionieren können, bei den "Räubern" kam leider durchgehend der Eindruck auf, hier würden drei Stücke zum Preis von einem aufgeführt, nämlich das Verdi-Original, das, was Johannes Erath daraus machte und das, was Michele Mariotti dirigierte. Das eine hatte mit dem anderen wenig zu tun.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Die verdrängten Ängste melden sich

Gut, alle Solisten brüllten sich buchstäblich die "Seele aus dem Leib", waren von überwältigender Präsenz und Lautstärke, aber das Regiekonzept setzte ja nicht auf laute, sondern verletzte Seelen, und die waren eben gerade nicht zu hören. Klar, auch deshalb, weil Verdi sie nicht komponiert hat. So blieb am Ende der Eindruck, hier sollte ein mittelmäßiges Stück mit einer ambitionierten Deutung partout gerettet werden, was nicht wirklich aufging.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Renaissance-Pracht verbogen

Die Solisten, darunter Diana Damrau als Amalia und Tenor Charles Castronovo als Carlo, wurden gefeiert, freudig, wenn auch nicht überschwänglich. Auch Igor Golovatenko als Bösewicht Francesco und Mika Kares als leidgeprüfter Witwer Massimiliano durften sich über viel Beifall freuen. Begeisterung kam beim viel beschäftigten Männerchor auf, der sich meisterhaft durch diesen Abend spukte: Mal mit diabolischen, rabenschwarzen Halskrausen, mal als grimmige Krieger. Mag sein, dass Schiller schon lange auf die Couch gehört, vielleicht auch, wie hier gesehen, an den Tisch. Einige vernehmliche Proteste gegen die Regie, allerdings auch viel Zustimmung.

Wieder am 11., 14. und 18. März 2020 an der Bayerischen Staatsoper in München, weitere Termine.

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