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Mit Lust über die Schwelle: "Tristan und Isolde" in Leipzig | BR24

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Oper als Grenzerfahrung: Richard Wagner vertonte die buddhistische Sehnsucht nach kosmischer Versunkenheit. Folgerichtig pendelte das Liebespaar in Leipzig zwischen den Welten und verlor sich hinter Zeit und Raum. Das überzeugte auch musikalisch.

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Mit Lust über die Schwelle: "Tristan und Isolde" in Leipzig

Oper als Grenzerfahrung: Richard Wagner vertonte die buddhistische Sehnsucht nach kosmischer Versunkenheit. Folgerichtig pendelte das Liebespaar in Leipzig zwischen den Welten und verlor sich hinter Zeit und Raum. Das überzeugte auch musikalisch.

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Das Schwarze Loch in der Mitte unserer Milchstraße machte ja im August wieder mächtig von sich reden, weil es ein paar Extra-Happen zu sich nahm und an seinem Rand entsprechend hell aufloderte. Ansonsten wissen die Physiker nicht so genau, was in so einem kosmischen Abgrund eigentlich passiert und nennen die Grenze ihres Wissens bekanntlich "Ereignishorizont" - dabei müssten sie nur Wagner hören und Schopenhauer lesen, um im Bilde zu sein.

Kreislauf der Leiden durchbrechen

In der Leipziger Oper führte Regisseur Enrico Lübbe "Tristan und Isolde" jedenfalls direkt an die Schwelle in die andere Welt, jenseits von Zeit und Raum, ist ja auch nur ein einziger Schritt, aber was für einer! Dahinter ist alles schwarz, wie es sich gehört, und die Liebe höret nimmer auf. Klar, Wagner und sein Lieblingsphilosoph Arthur Schopenhauer waren am Buddhismus interessiert, waren begeistert davon, mit höchster Lust im "Welt-Atem zu ertrinken, zu versinken", also aufzugehen im Kosmos, im Nirwana, den Kreislauf der Leiden zu durchbrechen.

© Tom Schulze/Oper Leipzig

Isolde und Brangäne

Was sich in Programmheften noch recht anschaulich beschreiben lässt, ist ausgesprochen schwer in Bilder umzusetzen - umso verdienstvoller, was sich Enrico Lübbe, sein Co-Regisseur Torsten Buß und sein Ausstatter Ètienne Pluss haben einfallen lassen. Sie rahmten das gesamte Bühnenportal der Leipziger Oper mit Neonröhren ein, Sinnbild der großen Schwelle in eine andere Welt, von der ja schon die LSD-betäubten "Doors" vor fünfzig Jahren gesungen haben: "Break On Through (To the Other Side)".

Tristan und Isolde machen diesen Schritt freiwillig, ja sogar lustvoll, als einzige von allen Mitwirkenden, was allerdings irritiert: Sie gehen munter hin und her, wechseln also die Welten nach Belieben, was dem Menschen bekanntlich nicht gegeben ist, ist doch der Tod zumindest aus diesseitiger Sicht endgültig. Insofern wurde der Vorhang im zweiten Akt ein paar Mal zu oft rauf und runter gelassen.

© Tom Schulze/Oper Leipzig

Auf dem Schiffsfriedhof

Abgesehen davon funktionierte das Konzept jedoch sehr überzeugend: Im Diesseits, hinter den Neonröhren, ragte ein Schiffsfriedhof im Nebel auf. Lauter verrottete Holzbalken, Treppen, Türen und Kajütengänge. Reisetauglich ist hier nichts mehr, alles leck, alles Ausschuss. Je nach Sichtweise ein ironischer oder schwermütiger Kommentar zu "Tristan und Isolde", die ja mehrmals auf einem Schiff unterwegs sind, erst von Irland nach Cornwall, dann von Cornwall in die Bretagne. Tatsächlich aber segeln sie hinter den Ereignishorizont, mitten hinein ins Schwarze Loch der Existenz.

Fieberwahn, Grenzerfahrung, Sehnsucht

So ließ das Regiekonzept viel Raum für die Gedanken der Zuschauer, regte sie immer wieder an mit schemenhaft beleuchteten Szenerien, in denen Umrisse verschwammen, Kerzen verlöschten, Schatten vorbei strichen und Isolde sich verachtfachte. Fieberwahn, Grenzerfahrung, Sehnsucht: Diese Oper ist nun mal nicht leicht konsumierbar, was die Leipziger Zuschauer aber nicht irritierte: Sie applaudierten am Ende sogar stehend.

© Tom Schulze/Oper Leipzig

Diesseits der Schwelle

Der Kölner Tenor Daniel Kirch bewältigte die monströse Partie ohne Kraftmeierei, auch ohne Formtiefs - für einen derart geforderten Schmerzensmann vielleicht eine Spur zu wohlklingend, dafür mit beachtlicher Textverständlichkeit. Die amerikanische Sopranistin Meagan Miller ist eine jugendfrische, fast lyrische Sängerin, kam schauspielerisch Wagners Idealvorstellungen von einer teenagerhaften Isolde sehr nah. Allerdings schwächelte Miller im zweiten Akt erheblich, hatte wohl noch nicht die ausreichende Erfahrung, bei so einer fordernden Rolle mit ihrer Stimme zu haushalten und ist für das hochdramatische Fach auch noch etwas zu wenig melancholisch. Es fehlten hier und da die Wärme, die Tiefe im Ausdruck, speziell im Schlussgesang.

© Tom Schulze/Oper Leipzig

Unbewusst, höchste Lust

2022 alle Wagner-Opern in Leipzig

Bass Sebastian Pilgrim als König Marke durfte sich über viel Beifall freuen - eine dankbare Rolle, die mit ihrem traurigen Monolog fast immer die Sympathien auf ihrer Seite hat. Barbara Kozelj als Brangäne blieb schauspielerisch zu unauffällig, war stimmlich jedoch von anrührender Intensität. Dirigent Ulf Schirmer gelang mit dem Gewandhausorchester eine traumsichere Interpretation, hörbar gut einstudiert, von einer beeindruckenden Klang-Balance und mit recht forschem Tempo, jedenfalls ohne lähmende Durchhänger. Das "Sehrende" an der Partitur, die klaffende Wunde, die Wagner komponiert hat, die allerdings war vergleichsweise gut gepflastert, mit anderen Worten: Die Dissonanzen waren recht weich gepolstert, das chromatische Abenteuer nicht ganz so aufregend, wie es hätte sein können.

Schirmer hat als Intendant noch viel vor: 2022 will er zum Abschied in Leipzig alle 13 Wagner-Opern hintereinander aufführen lassen. Das dürfte weltweit für Pilgerfahrten sorgen. Seine Heimatstadt muss sich Wagner ja ansonsten mit Johann Sebastian Bach teilen - und das war nicht seine Stärke.

Wieder am 12. Oktober und 10. November 2019 und 14. März 2020 an der Oper Leipzig.

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