BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: Horst Ossinger/Picture Alliance

Er hat sich um den Jazz ebenso verdient gemacht wie um den Blues: Seit 1949 hatte der Posaunist seine eigene Band, er spielte mit vielen großen Musikern seiner Generation. Jetzt ist er im Alter von neunzig Jahren nach einer Demenz gestorben.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Mit "Ice Cream" berühmt: Jazz-Posaunist Chris Barber gestorben

Er hat sich um den Jazz ebenso verdient gemacht wie um den Blues: Seit 1949 hatte der Posaunist seine eigene Band, er spielte mit vielen großen Musikern seiner Generation. Jetzt ist er im Alter von neunzig Jahren nach einer Demenz gestorben.

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

Mit der deutschen Sprache tat sich Chris Barber nach eigener Aussage immer schwer, obwohl er hierzulande mehr Konzerte gab als in seiner Heimat Großbritannien. Immerhin, er versuchte ernsthaft, Deutsch zu lernen und verwies lachend darauf, dass der einzige Ort, an dem Hochdeutsch zu hören sei, das Schulprogramm der BBC sei. Hauptsache, so Barber, er könne das deutsche Publikum in dessen Muttersprache zum Lachen bringen. Und dass er 2014 in Stuttgart den deutschen Jazzpreis entgegennehmen durfte, beeindruckte den Musiker schon deshalb, weil er damit der erste Ausländer war.

Orientiert an New Orleans

Barber wurde am 17. April 1930 in der britischen Welwyn Garden City geboren und studierte Posaune und Kontrabass in London. Von Anfang an orientierte sich der Musiker am klassischen amerikanischen Jazz, wie er in den Südstaaten gespielt wurde. 1949 gründete er zunächst eine Amateur-Band, nachdem er herausgefunden hatte, dass er "nie mehr was anderes" machen wollte als Jazz zu spielen. Nicht von ungefähr hieß das erste Album, das im Juli 1954 erschien, "New Orleans Joys". Der Song "Ice Cream" wurde zum Markenzeichen von Barber und seiner zu diesem Zeitpunkt schon professionellen Band, die zunächst von Ken Colyer geleitet worden war und in der so illustre Kollegen wie Pat Halcox, Lonnie Donegan, Jim Bray und Monty Sunshine mitspielten. Sie alle machten den "Trad Jazz" in England populär, "Petit Fleur" wurde zum ersten Charts-Hit und erreichte 1959 Platz 3.

Weil der Bruder von Colyer, Bill, mit seinem angelernten "Experten-Wissen" nervte und sich gern aufspielte, obwohl er keine Ahnung gehabt habe und allenfalls in der Lage war das "Waschbrett" zu spielen, so Barber, gab es von Anfang an Spannungen, die schließlich dazu führten, dass auch Ken Colyer ausstieg.

© Horst Ossinger/Picture Alliance
Bildrechte: Horst Ossinger/Picture Alliance

Der Musiker Chris Barber hatte keine Berührungsängste zu Blues und Rock'n'Roll

Donald Christopher Barber spielte mit so ziemlich allen Musikstars der Sechziger, darunter auch Paul McCartney ("Cat Call", 1967), Eric Clapton und Mike Rutherford (Genesis). Die "Beatles" profitierten musikalisch ebenso wie die "Rolling Stones" von Barbers Experimentierfreude. Billy Bragg schrieb zum Tod von Barber, er sei nicht nur einer der britischen Jazz-Giganten gewesen, sondern auch der "Gründungsvater" der Gitarren orientierten Rockmusik und habe den improvisationsfreudigen "Skiffle"-Stil geprägt, der gern mit selbst gebauten Instrumenten von der Gießkanne bis zur Holzkiste für ungewöhnliche akustische Effekte sorgte.

Der Kontrabassist und Posaunist selbst bewunderte Blues-Größen wie Muddy Waters, Sonny Terry, Brownie McGhee und Sister Rosetta Tharpe, die er alle nach England einlud. In dem von Barber eröffneten Marquee-Club war der Donnerstagabend dem Blues vorbehalten: "Wir spielten mit ihnen und entwickelten unseren eigenen Stil und traten damit den Blues-Boom in Großbritannien los." Neben Acker Bilk und Kenny Ball wurde Barber schnell einer der drei großen "B"s in der Szene.

Heiße Solo-Einlagen bei Trauermärschen

Gern erzählte Barber die Anekdote, wie er und seine Kollegen sich von Marching-Bands in New Orleans inspirieren ließ, die eigentlich jede Art von Improvisation ablehnten: "Wir marschierten mal anlässlich der Beerdigung von Johnny Parker zum Friedhof, spielten auf und alle gaben heiße Solo-Einlagen zum Besten! Diese Blechbläser machten das normalerweise nicht, jeder, der so einen Gedanken gehabt hätte, wäre nicht wieder eingeladen worden. Du machst es ja nicht für dich selbst, sondern für all die anderen Leute, die daran beteiligt sind."

Barber fand den berühmten Ausspruch von Carlos Santana, wonach der Rock'n'Roll ein Swimming Pool, der Blues ein See und der Jazz ein Ozean war, absolut gerechtfertigt und kümmerte sich nicht darum, ob andere seinen Stil nun rückwärts gewandt fanden oder nicht. In den Siebzigern hatte er keine Berührungsängste zum Rock'n'Roll, tourte mit Wild Bill Davis und John Lewis, interpretierte ab 1976 Songs von Duke Ellington und stand ab 2001 abermals mit einer elfköpfigen eigenen Band auf den Bühnen.

Bis ins hohe Alter blieb Barber ungemein geschäftig und neugierig, weit jenseits seiner eigenen Liebe zum traditionellen Jazz. 100 Konzerte im Jahr waren nichts Besonderes, selbst noch mit 85: "Ich habe starke Lungen, ich werde nie krank, und außerdem kann ich ja sonst nichts", wie er mal der "Welt" erzählte. So spielte er mit Free Jazzer Charles Mingus und dem österreichischen Fusion Jazz-Großmeister Joe Zawinul, mit Van Morrison und dem britischen Pianisten Jools Holland.

Privat hatte Barber eine Neigung zu schnellen Autos, fuhr einen Lotus Elite und beteiligte sich ab und zu an Rennen. Seine Erinnerungen "Jazz Me Blues" erschienen 2014.

Barbers Plattenlabel "The Last Music Company" teilte mit, der neunzigjährige Musiker sei am 1. März "friedlich eingeschlafen". Er war vor zwei Jahren gestürzt und litt unter Demenz.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang