Leyla Bischoff sitzt auf der Bühnenmaschinerie
Bildrechte: Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Atréju fliegt mit Glücksdrachen Fuchur

Artikel mit Audio-InhaltenAudiobeitrag

Mit Feuer und Wasser: "Unendliche Geschichte" in München

Michael Endes Jugendbuch-Klassiker von 1979 in einer von den Erben autorisierten Theater-Fassung: Das erwies sich am Deutschen Theater als so fesselnd wie poetisch. Am Bühnenaufwand hatte Regisseur Carl-Philip von Maldeghem nicht gespart.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Eigentlich ist ja immer Reisezeit, denn wir alle bewegen uns ja ständig auf der Landkarte unseres Lebens, unserer Erinnerungen hin und her, ob wir wollen oder nicht. Da fliegen die Gedankenfetzen mal in die Kindheit zurück, mal in die Pubertät, mal zu den Höhen und mal zu den Tiefen der persönlichen Karriere. Michael Ende machte daraus 1979 seinen berühmtesten Roman, die "Unendliche Geschichte", die ja für Film, Fernsehen, Hörbuch, Oper und Theater jeweils mehrfach bearbeitet wurde.

"Roman war nur für mich geschrieben"

Jetzt allerdings, fast 28 Jahre nach dem Tod von Michael Ende, schrieb John von Düffel quasi eine Art offizielle Bühnenversion, wie der Intendant des Salzburger Landestheaters, Carl-Philip von Maldeghem (54) dem BR erläutert: "Es gab früher verschiedene Fassungen, und es war, glaube ich, das Interesse der Erben, dass es eine autorisierte Fassung gibt, die nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Teil umfasst. Autor John von Düffel hatte von den Erben diesen Auftrag bekommen und erzählte mir wahrscheinlich als einem der ersten, dass es diese Fassung geben wird. Ich habe mich sofort dafür interessiert, denn in meiner Jugend habe ich den Roman verschlungen und dachte damals, dass er nur für mich geschrieben war, aber man sieht ja, es ist ein riesiges Publikum heute da: Offenbar ging es vielen meiner und auch der jüngeren Generation so."

Im Februar kam die Produktion in Salzburg heraus, jetzt ist sie eine Woche lang als Gastspiel am Deutschen Theater in München zu sehen. Wie sich herausstellte, gelang Maldeghem eine höchst poetische, über zweieinhalb Stunden fesselnde Deutung der "Unendlichen Geschichte", die natürlich nicht ohne große Bühnenmaschinerie samt Hebekran, Pyrotechnik und Wasservorhang auskommt. Allerdings sind die Effekte so gewählt, dass sie nie mit dem Film konkurrieren, wo natürlich sehr viel grellere Illusionen möglich sind.

"Wir schöpfen aus dem vollen Fundus"

Gegen das Kino und das Buch anzutreten dürfte in diesem Fall überhaupt die schwierigste Herausforderung gewesen sein. Carl-Philip von Maldeghem: "Ja, das ist aber, glaube ich, gleichzeitig die Schwäche und Stärke des Theaters, dass wir aus dem vollen Fundus schöpfen können, es aber immer Theater bleiben wird. Insofern haben wir uns auf eine Phantásien-Reise gemacht. Es gibt Musik, spektakuläre Flugszenen, Figurentheater. Es gibt alle fünf Minuten eine neue Aufgabe, die uns Michael Ende stellt. Ich habe mit dem Ausstatter Christian Floeren Faust 1 und 2 gemacht, das ist also nicht zu komplex."

Und so erkämpft sich Bastian, der unscheinbare Bub, seine Träume im Reich Phantásien, wo er auf reichlich Bühnennebel und so viele skurrile Figuren trifft, als ob er sich in einen barocken Roman oder ein Ritterepos verirrt hat. Alle sind sie angetreten: Die alte Schildkröte, die giftige Spinne, der Glücksdrache und die Kindliche Kaiserin, der böse Werwolf, die Rennschnecke, die Wattwürmer und das Irrlicht. Die Zauberin Xayide steht mit ihrem schwarzen Lederdress und dem Motorrad für die erste sexuelle Erfahrung, für die Pubertät, das Erwachsenwerden, das für Jugendliche ja immer Bedrohung und Verheißung ist.

Feiger Ritter nimmt Reißaus

Und natürlich gehört dazu Eigenverantwortung, auch Macht, die es behutsam einzusetzen gilt, was Bastian mit seinem Wunderschwert erst lernen muss. All das ist großartig gespielt, allen voran von Aaron Röll als Heranwachsendem, aber auch von Leyla Bischoff als Freund und Partner Atréju. Nicola Kripylo überzeugte in den düsteren Rollen mit ihrer lässig-bedrohlichen Ausstrahlung in hautenger Kluft. Klar, die Kinder fanden den Glücksdrachen wunderbar, waren aber auch vom Werwolf fasziniert. Herrlich, wie die Puppen zum Leben erweckt wurden, wie Phantásien Gestalt annahm, wie der aufgeblasene, aber feige Ritter Reißaus nahm und der Feuerlöwe im Wüstensand verbrannte.

Eine absolut zeitgemäße Michael-Ende-Deutung, die für die Generation, deren Kindheit in den Achtzigern lag, ebenso unterhaltsam war wie für die jüngeren Zuschauer. Etwas mehr Musik hätte der Produktion gut getan, zumal das Deutsche Theater München ja ansonsten Musicals und Operetten bringt, aber auch so war es ein sehr freundlich beklatschter Abend.

Noch bis 25. Juni am Deutschen Theater München.

Michael Ende hat es wie kein anderer Autor geschafft, unserer Phantasie anzuregen. Seine "Unendliche Geschichte" wurde nicht nur verfilmt, es gab auch ein Ballett und eine Oper. Im Deutschen Theater München ist sie nun als Schauspiel zu sehen.
Bildrechte: BR.de
Artikel mit Video-InhaltenVideobeitrag

Michael Ende hat es wie kein anderer Autor geschafft, unserer Phantasie anzuregen.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!