| BR24

 
 

Bild

Uraufführung von "Europe Central" in Augsburg
© Jan Fuhr

Autoren

Mario Kubina
© Jan Fuhr

Uraufführung von "Europe Central" in Augsburg

"Langsam machen wir Fortschritte bei ihr. Wir erziehen diese Menschen, indem wir zunächst jemanden erschießen, den sie lieben, damit ihnen klar wird, dass ihnen dasselbe passieren kann und wird. Dann nehmen wir ihnen jemanden weg, den sie mehr lieben als sich selbst. Im Falle der Achmatowa waren wir recht effektiv. Wo Stalin ist, ist die Freiheit. Der Rest ist bekannt. Nicht, dass den Bürgerlichen je zu trauen wäre ... " Sie tragen Uniformen, ihr Blick ist ins Leere gerichtet. Oder sie starren die Zuschauer an. Selten sprechen die Protagonisten miteinander – dafür aber oft in Mikrofone, die von der Decke hängen. Die Figuren auf der Bühne sind entmenschlicht. Aufgegangen in der Masse.

Kunst in totalitären Systemen

Stalinismus und NS-Regime: "Europe Central" ist der Versuch, die beiden totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts mit künstlerischen Mitteln zu untersuchen. Die Romanvorlage stammt vom US-Amerikaner William T. Vollmann. Die Regisseurin Nicole Schneiderbauer hat den Tausend-Seiter auf die Bühne gebracht. Es geht um die großen Kulturschaffende der damaligen Epoche: Die Zuschauer begegnen unter anderen der Bildhauerin und Grafikerin Käthe Kollwitz und der Dichterin Anna Achmatowa.

Groteske Auftritte einzelner Darsteller wechseln sich mit kakophonischen Passagen ab. Ein Gefühl von Beklemmung verbreitet sich im Saal. Die Brechtbühne macht zur Eröffnung der neuen Übergangsspielstätte genau das, wofür sie ihren Namen trägt: Sie fordert das Publikum. "Man hätte einen leichteren Stoff wählen können, aber die leichten Stoffe sind nicht so meins. Und ich hab‘ mich immer schon sehr für Geschichte interessiert." Regisseurin Nicole Schneiderbauer fragt sich, ob sich das Grauen wiederholen kann. Sie sieht im Stoff von "Europe Central" Parallelen zur Gegenwart: "Was sind einfach auch für Worte wieder salonfähig geworden? Was darf man wieder sagen und wird überhaupt nicht mehr hinterfragt? Mit welcher Art und Weise spricht man miteinander? Welche Härte taucht da wieder auf? Gerade auch in Abgrenzung zu anderen Ländern … Und das finde ich schon sehr heutig."

Chancen der Spielstätte im Koloss aus Stahl und Beton

Ob man der Regisseurin in diesem Punkt folgt – das muss jede und jeder für sich entscheiden. Einem aber werden sich die Zuschauer kaum entziehen können: der Wirkung, die von diesem neuen Saal im Ofenhaus des Gaswerkgeländes ausgeht. Die Zuschauer erwartet eine ähnliche Platzsituation wie am bisherigen Spielort in der Innenstadt, sagt Intendant André Bücker. So sind zum Beispiel die 219 roten Sitze mit nach Oberhausen umgezogen. "Aber dann ist es natürlich ein Raum, der sich über eine große Betonbrandmauer definiert, über Verstrebungen an der Seite, die schon etwas Kathedralenhaftes haben. Er hat eine sehr große Höhe, es wirkt wirklich viel geräumiger."

Das gilt erst recht für die turmhohe Empfangshalle. Wer sie betritt, fühlt sich an Zeche Zollverein und die anderen Industrieruinen des Ruhgebiets erinnert. Hier wie dort dienen die alten Kolosse aus Stahl und Beton jetzt als Kulturstätten. André Bücker sieht darin eine Chance: "Ich glaube, die Berührungsängste sind kleiner als in diesen klassischen großbürgerlichen Theatertempeln, die ja wirklich eine Hemmschwelle für viele Menschen bilden, sich überhaupt dem Theater im wahrsten Sinne des Wortes zu nähern." Der Intendant setzt darauf, dass die neue Brechtbühne andere Bevölkerungsschichten erreicht – und sich dem Stadtteil öffnet.

Kreativ-Quartier in Augsburg Oberhausen

Eine Hoffnung, die man auch in der Augsburger Stadtverwaltung hegt. Kulturreferent Thomas Weitzel schwärmt von einem neuen Kreativ-Quartier in Oberhausen. Dazu gehöre auch, dass auf dem Gaswerkgelände freie Künstler eine eigene Atelier-Etage bekommen.

Ob der Traum von einer kulturellen Blüte des ganzen Stadtteils Wirklichkeit wird, werden die nächsten Jahre zeigen. Sicher ist: Mit der neuen Brechtbühne im Ofenhaus ist Augsburg um eine grandiose Spielstätte reicher. Eine gute Nachricht für alle, denen der Weg zur Zeche Zollverein zu weit ist.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!

Autoren

Mario Kubina

Sendung

kulturWelt vom 13.01.2019 - 12:05 Uhr