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Mit diesen Strategien retten sich Songwriter durch die Krise | BR24

© picture alliance / M.i.S.-Sportpressefoto

Leere Bühne, leere Stühle, leerer Kopf? In der Krise kreativ zu sein, erfordert viel Selbstdisziplin.

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    Mit diesen Strategien retten sich Songwriter durch die Krise

    Sänger haben es derzeit schwer. Auftritte sind fast unmöglich. Was nun? Auf das Schreiben neuer Songs konzentrieren? In welcher Stimmung gelingt das am besten? Und was macht so eine Pandemie mit der Kreativität? Drei Singer-Songwriter berichten.

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    Von
    • Veronika Wawatschek
    • Martin Jarde

    "Oh Oh Oh" - nichts bleibt wie es ist: Dieses Stück hat Matthias Nürnberger alias Matze Rossi 2016 veröffentlicht. Lange vor der Pandemie - doch jetzt scheint der Text aktueller denn je. "Ich bin kein Nostradamus", sagt der Singer-Songwriter. Er könne nicht in die Zeit vorausschauen. "Aber ich denke, was wir jetzt gerade erleben, ist ja eigentlich eine verschärfte Version von dem, wovon wir im Alltag eigentlich immer betroffen sind. Im Grunde nehme ich das Leben eigentlich die ganze Zeit so wahr. Also wir müssen uns ständig auf neue Sachen einstellen, die uns nicht gefallen, die schwierig sind."

    Mit erhobenem Kopf durch die Krise

    Etwa, dass er im vergangenen Jahr fast keine Konzerte spielen konnte und damit nicht nur der Kontakt zu seinen Fans fehlte, sondern auch ein erheblicher Teil seines Einkommens. Ein besonders gutes Rezept, mit diesen ständigen Veränderungen im Leben und den Einschränkungen durch die Pandemie umzugehen, habe er nicht, sagt Matze Rossi.

    An manchen Tagen plagen den Künstler Existenzängste und Sorgen. Dann erinnere er sich aber auch immer wieder an seinen Text "Alles geht weiter, nicht bleibt wie es ist". Diese Haltung komme ihm in der aktuellen Krise zugute: "Dass ich da mit erhobenem Kopf und würdevoll versuche, das alles zu bewerkstelligen und da durch zu gehen."

    Viel Zuspruch von Fans

    Und dabei ist die Musik ein ganz wesentlicher Bestandteil: etwa, dass ihm Fans jetzt schreiben, sie hätten durch Corona seine Texte nochmal neu entdeckt. Für Matze Rossi gehört zur Würde aber auch: nicht aufzugeben. Weiterzumachen. Weiter Texte zu schreiben und Neues auszuprobieren. Er habe sehr viel geschrieben. Das Kuriose: "Ich hab ganz andere Sachen geschrieben als sonst", erzählt er. "Eigentlich beschäftige ich mich ja sehr mit Texten und ich hab für mich jetzt auch entdeckt, Instrumentalmusik zu machen. Also ganz viel am Klavier zu spielen und Stimmungen und Gefühle über Melodien auszudrücken, nicht nur über die Sprache."

    Die gerade erschienene Single "Fuchs und Hase", die er mit seiner Frau zusammen aufgenommen hat, passt seiner Meinung nach auch deshalb gut in die Zeit, weil sie ständig wiederholend die "Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Stimmung" abbilde.

    Kinderbuch statt Songs

    Ganz anders bei Dota Kehr alias "Kleingeldprinzessin". Sie sagt, sie brauche vor allem Bewegung, das unterwegs sein – auf dem Fahrrad, in der U-Bahn, im Zug. Eindrücke von außen, um auf Ideen für Texte zu kommen. Diese Ideen schreibt sie dann handschriftlich in ein Notizbuch und mit der Idee beginnt das konzentrierte, zunächst nicht bewertende Arbeiten an den Texten. Doch mit dem ersten Lockdown fiel diese Inspirationsquelle weg.

    Nach dem ersten Lockdown habe sie mehrere Monate gar nicht geschrieben, wie sie erzählt. Das sei ganz untypisch für sie. "Sonst hab ich immer irgendwelche Sachen, an denen ich schreibe. Ich hab dann stattdessen tatsächlich ein Kinderbuch geschrieben ."

    Publikumskontakt durch Gitarren-Tutorials

    Und sie hat versucht, den Kontakt zu ihrem Publikum auf ganz eigene Weise zu halten: "Ich hatte dann so ne Idee und hab mich überwunden und Handyvideos gemacht und tatsächlich Gitarren-Tutorials bei Youtube reingestellt."

    Den zweiten Lockdown seit Herbst empfindet sie als weit weniger einschränkend. Ganz im Gegenteil: Sie schrieb ein neues Album. "Wir rufen dich Galaktika" erscheint im Frühling; eine Single ist schon draußen. Es sei eine Referenz auf die Serie "Hallo-Spencer", in der eine lila Handpuppe auftaucht und die anderen rettet. "Ich habe das Gefühl, so im Großen und Ganzen haben wir uns ziemlich in die Klemme manövriert und man kann's ja wenigstens versuchen, ob uns die lila Fee da raushauen wird."

    Eine Fee, die die Pandemie einfach wegzaubert, ist zwar nicht in Sicht. Dota Kehr aber schaut jetzt ganz hoffnungsvoll in Zukunft und ist überzeugt, dass sie ab Mai mit ihrem Album – natürlich mit entsprechendem Hygienekonzept – auf Tour gehen und dann vor ihrem so vermissten Publikum stehen kann.

    Songs als Ventil und gegen Melancholie

    Ortswechsel: Die Pandemie interessiert Andreas Kümmert, der 2013 mit der Casting-Show "Voice of Germany" bekannt wurde, wenig. "Ich hab relativ früh beschlossen, dass ich da nicht so ganz mitspiele und deswegen hat sich für mich auch nicht wirklich viel geändert", sagt der Unterfranke über seine Musik und seine Texte in der Pandemie.

    Er habe und brauche keine speziellen Routinen fürs Liederschreiben. Meist entstünden die Texte in einer eher melancholischen Stimmung, so Kümmert."Ich schreib eigentlich immer, wenn’s mir nicht so gut geht. Weil das dann einfach so eine Art Ventilcharakter hat und weil es eben sehr ehrlich ist."

    Allerdings: Geändert hat sich auch für ihn einiges im vergangenen Jahr. Die Live-Auftritte und damit die Hauptverdienstmöglichkeit fiel fast komplett weg. Andreas Kümmert aber probierte es weiter: erst Streaming-Konzerte, später Biergartenauftritte und im Herbst dann ein Bühnen-Bus. Letzterer ist ein Transporter, den er mit zwei Kollegen zur mobilen Bühne umbaute, die nun für Privatauftritte gebucht werden kann – und das klappt.

    Geholfen hat ihm, dass manche Kontakte, etwa zu seinen Mitmusikern, enger wurden. "Wir haben dann gesagt, wir hebeln diesen Vertrag aus und teilen alles auf. Jeder bekommt den gleichen Anteil über diese Pandemie." Auf diese Weise habe er gemerkt, "wer dann wirklich mit einem zusammenarbeitet und wer es ernst meint".

    Eben echte Solidarität in einer Zeit, in der viele andere Kontakte eher auf Distanz halten.

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