© Ebru Yildiz

Marc Ribot

Hören sich harmlos an, die Zeilen von "Rata De Dos Patas", sie sind es aber nicht. Der Canciòn, der erstmals von der mexikanischen Ranchera-Sängerin Paquita La Del Barrio gesungen wurde, ist eine äußerst heftige Schimpfkanonade: Als "Rata De Dos Patas", als Ratte auf zwei Beinen wird hier ein offenbar männliches Wesen geschmäht, als Drecksvieh, Abschaum, Witzfigur – und was es noch an unschönen Vergleichen aus der Tierwelt gibt.

Musik muss nicht immer schön sein

Marc Ribot und seine Mitstreiter nehmen kein Blatt vor den Mund in den deftigen Protest-Songs, die Ribot auf seiner aktuellen LP präsentiert. "Songs Of Resistance" heißt das Werk. Angeblich umfasst die Song-Auswahl den Zeitraum zwischen 1942 bis 2018, was aber nicht ganz stimmt. Das Traditional "We Are Soldiers In The Army" beispielsweise gründet in einem Sklavenlied von 1880.

Wer meint, es würde sich bei Ribots neuem Album um würdevoll vorgetragene Balladen, um hübsche Popmusik handeln, der täuscht sich. Natürlich gibt es alte Songs, die in neuem, modernisiertem Gewand daherkommen, als Soul-Ballade etwa mit einem funky Beat, aber wenn es sein muss, scheut Ribot weder scharfe Dissonanzen noch atonale Klänge. Musik muss nicht immer schön sein. Das war von jeher das Motto dieses Künstlers, der Größen wie Elvis Costello, Norah Jones und Marianne Faithfull begleitet hat.

Alte Männer machen Punk

Es ist eigenartig. Die Künstler, die sich über den Gentleman im Oval Office beschweren, sind durch die Bank ältere Semester. Nach-68-er, gewissermaßen. Die Cowboy Junkies aus Kanada etwa, alle um die 60, haben sich nach über zehn Jahren Studio-Abstinenz aufgerafft und Songs für ein komplettes Album eingespielt.

Jüngere Pop-Künstler sind, so scheint es, offenbar mit sich selbst befasst, mit der Suche nach sexueller Identität. Von ihnen gibt es bisher kaum nennenswerten Widerstand, der über den großen Teich schallen würde. An diesem Freitag kommt "Songs Of Resistance in die Läden", der wütende Aufschrei eines 61-jährigen New Yorkers gegen die Rückkehr der weißen alten Machos.

Böse Menschen kennen keine Lieder

Es gibt keine erfolgreiche politische Bewegung, die ohne Lieder ausgekommen wäre, heißt es auf dem Cover: Böse Menschen kennen keine Lieder, so in etwa. Das ist der Grundgedanke, der die elf Stücke eint. Das stimmt doch schon mal positiv.

Marc Ribot, ein ausgesprochener Freigeist übrigens, hat mit dem Projekt bereits vor der letzten Präsidentenwahl begonnen. Bei einer Occupy-Wall-Street-Demonstration habe er erkannt, schreibt er, dass es keine passenden Protestlieder gab und deshalb mit dem Sammeln begonnen. Hinzu kommt: Der jüdische Musiker Ribot konnte alte Haudegen wie Country-Größe Steve Earle und die Nu-Soul-Poetin MeShell Ndegeocello rekrutieren. Kein geringerer als Tom Waits darf "Bella Ciao" singen, den alten Klassiker der italienischen Partisanen.

Eine gelungene Geste

Irgendwann in der Zukunft, wenn die Gegenwart Geschichte ist, wird man die künstlerischen Statements, die Warnungen der Musiker und Songschreiber noch einmal anschauen und bewerten. Marc Ribots neues Album klagt alte und neue Unterdrücker an und ragt schon jetzt heraus – als gelungene Geste des Widerstands.

Autoren

Markus Mayer

Sendung

kulturWelt vom 11.09.2018 - 06:30 Uhr