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Mit der Liebe spielt man nicht: "Martha" im Dating-Portal | BR24

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Brave Mägde?

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Mit der Liebe spielt man nicht: "Martha" im Dating-Portal

Komponist Friedrich von Flotow hatte ein aufregendes Leben und viel Erfolg, aber beides ist vergessen. In Frankfurt wurde seine Oper "Martha" zum Hit: Biedermeier is back! Alle wollen geliebt werden, aber anständig. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Angeblich machen sich dreißig Prozent aller Erwachsenen im Internet auf Partnersuche, der Rest versucht es womöglich auf dem Oktoberfest. Beide Wege sind offensichtlich nur mäßig erfolgreich, weil auf Partnerbörsen, beim Speeddating oder im Bierzelt kaum noch jemand die Wahrheit sagt. Deshalb gibt es furchtbar viele "intelligente, vermögende, gut aussehende, vielseitig interessierte", aber leider einsame Traumprinzen und -prinzessinnen. In erotischer Hinsicht leben wir also in einem neuen Biedermeier-Zeitalter aus lauter vollkommenen Menschen, die genauso vollkommene Menschen suchen und alle andere wegklicken.

Smartphone-Wahn und Wiesn-Rausch

Insofern passt Friedrich von Flotows heutzutage nur noch sehr selten aufgeführte Oper "Martha" perfekt zum aktuell herrschenden Zeitgeist: Sentimental, romantisch, egozentrisch, dünkelhaft, gefühlsduselig. Zwei feine Damen spielen mit zwei einfach gestrickten Männern, die sich am Ende aber auch als feine Herrschaften erweisen, und fertig ist das doppelte Liebesglück. Eigentlich geht das nur als Satire, aber Regisseurin Katharina Thoma wählte gestern Abend an der Oper Frankfurt einen intelligenten Mittelweg. Sie fing mit dem Smartphone-Wahnsinn an und machte mit dem Wiesn-Rausch weiter, verlegte die Handlung also in die Gegenwart.

Queen, Ale, Schottenrock und Golfplatz

Die allerdings sah ziemlich britisch aussah, schließlich spielt "Martha" im Londoner Stadtteil Richmond. Damit der nicht allzu bieder und bodenständig wirkte, ließ Katharina Thoma den Chor mal Schweinsmasken, mal Hirschgeweihe aufsetzen, mal rosa Tütüs anziehen und als Travestietruppe auftreten, das alles wäre aber gar nicht nötig gewesen. Dass die Engländer spleenig sind, ist allgemein bekannt, siehe Brexit. Der schicke Golfplatz dagegen war natürlich genauso unerlässlich wie das typisch englische Ale, ein kultiger Mini-Kleinwagen, ein Schottenrock, ein bombastischer Auftritt der Queen im bodenlangen Hermelinmantel und natürlich der große Hit dieser Oper, die irische Volksweise, "Die letzte Rose des Sommers", bei der quasi auf Knopfdruck die Tränen fließen.

Akademiker heiraten Akademiker

Die teils sehr verzopften Texte von "Martha" wurden behutsam modernisiert, schließlich traf das Stück den Publikumsgeschmack von 1847, aber es ist fast schon erschreckend, wie wenig Katharina Thoma die Geschichte als solche anpassen musste. Die Standesunterschiede nämlich, um die es bei Flotow geht, die haben sich nicht erledigt, sondern nur verlagert, vom Geburtsadel auf den Bildungs- und Geldadel. Akademiker heiraten Akademiker, Bankbosse daten selten eine Verkäuferin. Mag schon sein, dass in England die Klassengesellschaft bis heute besonders ausgeprägt ist, aber auch im reichen Frankfurt am Main wurde "Martha" bestens verstanden. Schön wäre es, wenn die Liebe auch im wahren Leben häufiger soziale Grenzen überschreiten würde, wenn die verwöhnte Elite häufiger ihrem Herzen statt dem Dating-Portal folgen würde.

Biedermeier is back

Im Programmheft beschrieb eine Betroffene, dass sie ihren Mann im Internet nie kennen gelernt hätte, weil er älter ist als sie und zwei Kinder mit in die Beziehung brachte. Solche Profile haben keine Chance - bei der Arbeit dagegen kamen sie sich näher. Ein solches Happy End zwischen High Society-Ladys und liebenswerten Burschen inszenierte auch Katharina Thoma und plädierte damit für mehr Realismus, Demut, Bescheidenheit. Es ist also tatsächlich möglich, diese verstaubte Biedermeier-Oper wieder aufzuführen, und zwar deshalb, weil sich unsere Gegenwart nach genau der risikoarmen Gemütlichkeit sehnt, die schon vor 170 Jahren so sehr in Mode war.

Wagner war neidisch

Dirigent Sebastian Weigle startete sehr wagnerianisch, mit monumentalem Klangbild, vielleicht eine kleine Reverenz: Richard Wagner nämlich seufzte mal, er werde wohl nie so ein Genie werden wie Friedrich von Flotow. Die Musikgeschichte sah es bekanntlich anders. Unter den Mitwirkenden glänzten Maria Bengtsson als Lady Harriet in der Hauptrolle, auch, wenn ihre Textverständlichkeit zu wünschen übrig ließ, sowie der amerikanische Tenor AJ Glueckert als kerniger Lyonel. Barnaby Rea als handfester Pächter und Katharina Magiera als ebenso robuste Nancy überzeugten ebenfalls. Ein überraschender Erfolg der Oper Frankfurt - ausgerechnet Flotow so glaubwürdig auf die Bühne zu bringen, ist jedes Lob wert.

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

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